{"id":4074,"date":"2019-05-15T14:38:32","date_gmt":"2019-05-15T14:38:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4074"},"modified":"2026-02-02T14:53:59","modified_gmt":"2026-02-02T14:53:59","slug":"politik-und-religion-zwei-paar-schuhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4074","title":{"rendered":"Politik und Religion  \u2013 zwei paar Schuhe?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von den Seligen Tirols lernen<\/strong><\/p>\n<p>Die katholische Kirche Tirols \u2013 Nord und S\u00fcd \u2013 hat ihre eigenen Seligen. Es sind M\u00e4nner und Frauen wie Carl Lampert, Pater Jakob Gapp, Otto Neururer, Schwester Angela Autsch oder Josef Mayr-Nusser. Man k\u00f6nnte auch noch Christoph Probst nennen, der wie die Deserteure aus dem Vomperloch Widerstand gegen ein unmenschliches Regime geleistet hat. Es sind Menschen, die sich damals aus christlichem Bekenntnis heraus mit konkreten Worten ins tagespolitische Geschehen eingemischt haben. Jakob Gapp tat es im Dezember 1938 unter anderem von der Kanzel, wissend, dass die NS-Spitzel bereits hinten in der Laurentius-Kirche sa\u00dfen. Schwester Angela wiederum, die mutige Nonne aus dem Oberinntaler Dorf M\u00f6tz, deren Seligsprechungsprozess gerade l\u00e4uft, widersprach den Hitlerleuten und kam nach Auschwitz. Viele Beispiele von Priestern, Ordensfrauen und Ordensm\u00e4nnern, Mitgliedern von katholischen Verbindungen oder einfach Menschen des Glaubens k\u00f6nnten hier genannt werden.<\/p>\n<p>Heute w\u00fcnschen wir uns: H\u00e4tten doch damals viel mehr Menschen Mut gehabt, laut gegen das aufzutreten, was diametral den christlichen Werten widerspricht. Wir w\u00fcnschen uns eine Kirche, die nicht still ist, wenn gegen Minderheiten und andere Religionsgemeinschaften gehetzt wird, wenn Migranten und Migrantinnen mit Ratten gleichgesetzt werden, wenn Asylsuchende mit Chaos geframt werden, wenn rechtsstaatliche Grunds\u00e4tze infrage gestellt werden, wenn antisemitische Codes bedient werden. Wir w\u00fcnschen uns Christinnen und Christen, die widersprechen, wenn f\u00fcr neue Kriege ger\u00fcstet wird, wenn der Wehrsprecher einer Regierungspartei als Abwehrkampf gegen Fl\u00fcchtlinge \u00fcber eine \u201emilit\u00e4rische Besetzung von afrikanischem Boden\u201c nachdenkt.<\/p>\n<p>In meinem Religionsunterricht \u2013 wie auch in meiner Funktion als Vorsitzender der Katholischen Aktion, einem Zusammenschluss der gr\u00f6\u00dften katholischen Laienorganisationen \u2013 kann ich mich sowohl auf die Lehre der Kirche wie auf ihre Interpretinnen und Interpreten st\u00fctzen. Es ist Papst Franziskus, der uns so nachdr\u00fccklich in der Enzyklika \u201eLaudato Si\u201c zum Klimaschutz auffordert und nicht von ungef\u00e4hr ermunterte er Greta Thunberg und die Friday-for-Future-Bewegung, teilen doch die schwedische Umweltaktivistin und der Papst das gleiche Anliegen. In diesem Sinne fordert die Katholische Aktion beispielsweise eine \u00f6kosoziale Steuerreform. Wenn es konkret um die Asylpolitik geht, kann ich mich auf Kardinal Sch\u00f6nborn beziehen, der beispielsweise die Umbenennung des Erstaufnahmezentrums Traiskirchen in ein &#8222;Ausreisezentrum&#8220; als &#8222;unmenschliches&#8220; Signal und und letztlich als ein weiteres Mosaiksteinchen einer Politik bezeichnete, die &#8222;Asylwerber unter Generalverdacht&#8220; und &#8222;systematisch in ein schiefes Licht&#8220; stellt.<\/p>\n<p><strong>Rechtspopulistische Kr\u00e4fte gegen kritische Kirchengeister<\/strong><\/p>\n<p>Als Religionslehrer, dem politische Themen in der Tradition jenes Mannes, der wegen seines politischen Engagements ans Kreuz genagelt wurde, der Menschen nicht mit einem fernen Jenseits vertr\u00f6stete, sondern ein messianisches Reich im Hier und Heute verk\u00fcndete und lebte, der sich stets vor allem den Marginalisierten zugewandt hatte, der den Idealen eines gewaltfreien Pazifismus folgte und in Widerspruch zu den Herrschenden seiner Zeit geriet, in dieser jesuanischen Tradition ist mir eine Kritik von au\u00dfen bekannt: Ein Religionslehrer d\u00fcrfe sich nicht in politische Themen einmischen, sagen manche, die selbst einem Parteichef folgen, der bei einem Wahlkampfauftritt wie ein Kreuzritter mit dem Kreuz in der Hand fuchtelte. Im Religionsunterricht h\u00e4tte eine Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus keinen Platz sagen jene, die selbst eine Weltreligion permanent mit Islambashing verfolgen. Abgeordnete einer Partei, die sich an die Stelle von Mose setzen und ihre 10 Gebote gegen Ausl\u00e4nder aufstellen, wollen nicht, dass die wirklichen 10 Gebote auf politische Vorg\u00e4nge angewandt werden.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an den Fall des Pfarrers Ellinger, der nach einer Predigt von einem FP-Funktion\u00e4r und Bundesheeroffizier gerichtlich verfolgt wurde, weil er in einer Predigt sagte: \u201eEs bereitet mir Schmerz, welche Qualen Fl\u00fcchtlinge erleiden m\u00fcssen \u2013 und dass die Blauen sie stets kriminalisieren.\u201c Im Hintergrund dieser Verurteilung stand ein Redaktionsmitglied, der auch Mitbegr\u00fcnder der rechtsextremen Identit\u00e4ren war.<\/p>\n<p><strong>Kritik abw\u00fcrgen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist klar, dass dem sich ausbreitenden Rechtspopulismus die kritisch-christlich-kirchlichen Stimmen zuwider sind. Wenn die argumentative Kraft fehlt, dann beginnen die Seilschaften im Hintergrund zu agieren, um Kritiker mundtot zu machen. Dann wird der vermeintlich politische Gegner beschimpft und ein Landesparteisekret\u00e4r nennt im Landtag die Tiroler Lehrer als \u201elinke Multi-Kulti-Fetischisten\u201c, wenn sie ihrem Auftrag der politischen Bildung nachkommen. Anstatt eines direkten Dialogs, wird bei Obrigkeiten angeschw\u00e4rzt. Man bedient sich der Methode der Drohungen im Stile von \u201edas wird Konsequenzen haben!\u201c Dazu passt der j\u00fcngste Bericht \u00fcber den Zustand der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. Es gibt eine massive Verschlechterung. 2018 rutschte \u00d6sterreich von Platz 11 auf Platz 16 und verliert damit seine Einstufung als Land mit guter Pressesituation. Angriffe auf jene, die Kritik \u00fcben, schaffen ein Klima der Einsch\u00fcchterung und Angst.<\/p>\n<p><strong>Schule als Ort der politischen Bildung<\/strong><\/p>\n<p>Die Schule k\u00f6nnte jener Ort sein, wo politisches Debattieren nicht unterbunden, sondern gef\u00f6rdert wird, was nichts mit Beeinflussung oder Manipulation zu tun hat. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler an einer Oberstufe, von denen die meisten bei den EU-Wahlen 2019 zum ersten Mal in ihrem Leben von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen d\u00fcrfen, brauchen diese Diskussionsr\u00e4ume. Dies kann eine Auseinandersetzung mit Texten oder auch Plakaten der wahlwerbenden Parteien sein. Politische Bildung ist Unterrichtsprinzip f\u00fcr alle Schulf\u00e4cher \u2013 also auch f\u00fcr den Religionsunterricht, in dem ethische Fragestellungen einen zentralen Platz einnehmen. Die Entscheidung in der Wahlkabine ist immer auch eine Entscheidung eines reifen und gebildeten Gewissens, das sich nicht zuletzt an Werten orientiert. Wertevermittlung wiederum z\u00e4hlt zum Kerngesch\u00e4ft eines guten Unterrichts.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 15. Mai 2019, Gedenktag der Hl. Sophie, die als M\u00e4rtyrerin im Widerspruch zu einem diktatorischen Regime starb<\/p>\n<p>(* Foto entnommen aus der Tagespresse, Greta Thunberg trifft Papst Franziskus)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den Seligen Tirols lernen Die katholische Kirche Tirols \u2013 Nord und S\u00fcd \u2013 hat ihre eigenen Seligen. Es sind M\u00e4nner und Frauen wie Carl Lampert, Pater Jakob Gapp, Otto Neururer, Schwester Angela Autsch oder Josef Mayr-Nusser. 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