{"id":4081,"date":"2019-05-16T13:17:58","date_gmt":"2019-05-16T13:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4081"},"modified":"2026-02-02T14:53:40","modified_gmt":"2026-02-02T14:53:40","slug":"es-fliegt-es-fliegt-ueber-die-postmoderne-unbekuemmertheit-der-vielfliegerei-im-anthropozaen-der-klimakatastrophen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4081","title":{"rendered":"Es fliegt, es fliegt \u2026 \u00fcber die postmoderne Unbek\u00fcmmertheit der Vielfliegerei im Anthropoz\u00e4n der Klimakatastrophen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fridays for Future<\/strong><\/p>\n<p>Greta Thunberg hat es eindrucksvoll vorgelebt. Konsequent fuhr sie in den vergangenen Monaten selbst zu all den Veranstaltungen, Konferenzen und Begegnungen in verschiedenen Teilen Europas nicht mit dem Flugzeug und lehnte Einladungen au\u00dferhalb Europas ab, die mit einem Fliegen verbunden gewesen w\u00e4ren. So reiste sie medienwirksam zum Weltklimagipfel nach Kattowiz, zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, nach Br\u00fcssel zum Europ\u00e4ischen Parlament oder in der Karwoche in den Vatikan zu Papst Franziskus. Sie ist damit auch Teil einer Bewegung in Schweden, die das Wort \u00a0&#8222;Flygskam&#8220; &#8211; &#8222;Flugscham&#8220; gepr\u00e4gt hat. Einer der prominentesten Vertreter ist der ehemalige Biathlet und Olympiasieger Bj\u00f6rn Ferry, eine Leitfigur im Langlaufsportland Schweden. Als Kommentator f\u00fcr das Fernsehen reist er nur noch mit dem Zug.<\/p>\n<p><strong>Von der Zerst\u00f6rung des Planeten und der Vielfliegerei<\/strong><\/p>\n<p>Die Hurrikans und Zyklone in den Weltmeeren mit ihren dramatischen Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in den letzten Monaten sind ein warnender Hinweis. Die gewaltigen Zerst\u00f6rungen betreffen dabei vor allem die \u00c4rmsten der Armen, nicht aber jene, die in gro\u00dfem Ausma\u00df mit ihrem Verhalten den Klimawandel antreiben. Weniger als 20 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung haben jemals ein Flugzeug bestiegen. Diese Luxuselite ist die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr das Klima des Planeten. Die Heftigkeit der Wirbelst\u00fcrme ist vor allem Folge der Erw\u00e4rmung der Ozeane. Hinzu kommt das Steigen des Meeresspiegels aufgrund des Schmelzens riesiger Eismassen, was vor allem die Millionen Menschen bedroht, die in K\u00fcstenn\u00e4he wohnen. Die Klimaziele der Konferenz von Paris aus dem Jahr 2015 \u2013 die Erderw\u00e4rmung bei h\u00f6chstens zwei Grad zu stoppen \u2013 werden nicht eingehalten. Die Folgen der Klimaver\u00e4nderung im Alpenraum sind besonders merk- und f\u00fchlbar. Im abgelaufenen Jahr gab es mit 25,2 Metern den h\u00f6chsten Gletscherr\u00fcckgang seit 1960. Der Verkehr ist hierzulande der Hauptverursacher f\u00fcr klimasch\u00e4dliche Emissionen. Damit sind eine Verkehrspolitik und eine \u00c4nderung in der Art und Weise, wie Menschen und Waren transportiert werden, der Schl\u00fcssel f\u00fcr eine nachhaltige Klimapolitik. Das betrifft nicht nur den Schwerverkehr auf den Stra\u00dfen mit fast t\u00e4glich neuen Rekordmeldungen, sondern auch den Individualverkehr. Kaum thematisiert und problematisiert wird jedoch der Flugverkehr.<\/p>\n<p><strong>Klimas\u00fcnder Flugzeuge<\/strong><\/p>\n<p>Das beschleunigte globale Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre kommt auch im Luftverkehr an: Laut Europ\u00e4ischer Umweltagentur haben sich die durch den Flugverkehr verursachten Treibhausgase in der EU seit 1990 mehr als verdoppelt. Seit 2010 stiegen sie noch mal um mehr als ein Viertel. Jedes Jahr rechnen Beh\u00f6rden mit einer globalen Zunahme von drei bis vier Prozent. Insgesamt wuchs die weltweite Luftfahrt zuletzt um 7,6 Prozent. Besonders stark war das Wachstum in Europa, wo der Luftverkehr um 8,2 Prozent zulegen konnte. Bereits im Jahr 2013 hatte der Flugverkehr in \u00d6sterreich rund 705.000 Tonnen Treibstoff verbraucht und dadurch 2,17 Millionen Tonnen CO2 verursacht. Der Flugverkehr trug also bereits vor sechs Jahren so viel zu Treibhausgasen bei wie rund eine Million Autofahrer mit ihrem privaten Pkw in einem ganzen Jahr emittieren. Der Flugverkehr tr\u00e4gt zum Klimawandel bei, auch wenn er in der Kyoto-Klimabilanz nicht aufscheint. In \u00d6sterreich sind die CO2-Emissionen des Flugverkehrs 1990 um mehr als das Doppelte gestiegen. Pro Personen-Kilometer verursacht der Flugverkehr doppelt so viele CO2-Emissionen wie Diesel- und Benzin-Pkw und 31-mal so viel wie die Bahn.<\/p>\n<p>Fliegen ist eindeutig die klimasch\u00e4dlichste Fortbewegungsart, die zugleich am meisten beworben und am wenigsten besteuert wird, was hei\u00dft: Die \u00f6kologisch bedenklichste Fortbewegungsart wird von der Politik gef\u00f6rdert. Laut Greenpeace belastet eine einzige Flugreise von Wien nach New York die Erdatmosph\u00e4re durchschnittlich so stark wie ein Jahr Autofahren.Kurt Langbein zeigt in seinem Film, Zeit f\u00fcr Utopien, auf, wie klimasch\u00e4dlich Fliegen ist. So entspr\u00e4che eine Flugreise nach New York genau jenem CO2-Verbrauch, den ein Mensch pro Jahr beanspruchen k\u00f6nnte, damit die Kyoto-Klimaziele eingehalten werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Durchschnittlich verbraucht ein Flugpassagier pro 100 Kilometer 5 Liter Kerosin. Aufgrund der in 10.000 Kilometer H\u00f6he gegebenen Bedingungen kommt die Verbrennung von 5 Liter Kerosin einer Klimasch\u00e4dlichkeit von 25 Liter zu.<\/p>\n<p>Kondensstreifen hinter Flugzeugen und ihre Folgen heizen die Erde stark auf. Sie verursachen bereits mehr Erderw\u00e4rmung als das angesammelte Kohlendioxid seit Beginn der Luftfahrt ausgesto\u00dfen wurde. Aus den Kondensstreifen entstehen so genannte Zirren \u2013 Wolken aus Eispartikeln. Ihre Fl\u00e4che ist etwa neunmal gr\u00f6\u00dfer als der linienf\u00f6rmige, meist sichtbare Streifen, den Flugzeuge am Himmel hinterlassen. Da Kondensstreifen in der Luft enthaltene Feuchtigkeit verbrauchen, reduzieren sie die Bedeckung durch nat\u00fcrliche Wolken. Beide \u2013 nat\u00fcrliche und k\u00fcnstlich erzeugte \u2013 Zirren verringern jedoch die Infrarotausstrahlung der Erde und erw\u00e4rmen so das Klima.<\/p>\n<p>Wie sehr die Fliegerei zunimmt, zeigt auch ein so kleiner Flughafen wie Innsbruck. So verzeichnete allein der Innsbrucker Flughafen im vergangenen Winter an manchen Wochenenden bis zu 120 Starts und Landungen, was einem Zehn-Minuten-Takt gleichkommt. Die Aufw\u00e4rtsentwicklung geht weiter. Neue Direktverbindungen von Innsbruck in verschiedene St\u00e4dte Europas sind geplant. L\u00e4rmgeplagte Anrainer des Flughafens werden mit L\u00e4rmschutzfenstern vertr\u00f6stet. Kritische Berichte \u00fcber das steigende Flugverkehrsaufkommen gibt es kaum.<\/p>\n<p><strong>Wertvolles \u00d6l wird als Kerosin verbrannt<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6lvorr\u00e4te dieser Welt gehen zu Ende. Dort, wo gebohrt und gef\u00f6rdert wird, werden ganze Landstriche verw\u00fcstet und wird das Leben der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung gef\u00e4hrdet. Die Bohrinseln sind ein permanentes Gef\u00e4hrdungspotenzial: Dennoch bleibt der Preis f\u00fcr Kerosin auf niedrigem Niveau. Wegen der knapper werdenden \u00d6lvorr\u00e4te werden heute schon Kriege gef\u00fchrt und k\u00fcnftige geplant. Der Arktis drohen durch \u00d6lbohrungen gigantische Umweltdesaster.<\/p>\n<p><strong>Unbek\u00fcmmerte Bewerbung von Flugreisen mit \u00f6ffentlicher Unterst\u00fctzung<\/strong><\/p>\n<p>In den Printmedien inserieren Reiseb\u00fcros fast t\u00e4glich f\u00fcr Flugreisen. Tausende Maturantinnen und Maturanten wurden f\u00fcr \u201emegageile\u201c Maturareisen in irgendeinem Club am Meer gekeilt, wo unbegrenzt der letzte Funken an \u00d6kogef\u00fchl hinunter gesoffen werden kann. Selbst einw\u00f6chige Maturareisen nach Thailand stehen am Programm. Um einen l\u00e4cherlichen Preis werden Wochenendfl\u00fcge in irgendeine Stadt angeboten. Selbst Zwickeltage werden gen\u00fctzt, um schnell in eine Gro\u00dfstadt Europas zu jetten. Gro\u00dffl\u00e4chig lassen Airlines ihre Angebote affichieren. Man fliegt in den Urlaub. Selbst die Kirchenzeitung, die ansonsten \u00f6kologische Achtsamkeit predigt, wirbt in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden f\u00fcr Pilgerreisen mit Flugzeugen.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Hand f\u00f6rdert den Ausbau von Flugh\u00e4fen. Diesel und Benzin werden besteuert. Die Mineral\u00f6lsteuer betr\u00e4gt rund 50 Cent pro Liter. Das ist im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern immer noch weniger \u2013 weswegen der Tanktourismus in \u00d6sterreich rund 20% betr\u00e4gt \u2013 doch immerhin wird dadurch eine gewisse Lenkung erreicht. Wie steht es aber mit der Besteuerung des Kerosins? Im Gegensatz zu Benzin und Diesel ist Flugbenzin f\u00fcr den kommerziellen Flugverkehr von der Mineral\u00f6lsteuer befreit. Das ist ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil f\u00fcr alle anderen Verkehrsmittel.<\/p>\n<p><strong>Kerosinsteuer <\/strong><\/p>\n<p>Das vermeintlich g\u00fcnstige Fliegen ist eine hoch subventionierte Form der Fortbewegung. Solange Kerosin nicht besteuert wird, f\u00fchrt dies zu einer krassen Marktverzerrung: Sch\u00e4tzungen zufolge bel\u00e4uft sich die Steuerfreiheit f\u00fcr Flugzeugtreibstoff auf 14 Milliarden Euro pro Jahr alleine in der EU, dazu kommen Beg\u00fcnstigungen aus der Mehrwertsteuerbefreiung im Wert von 16 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>Oben ohne \u2013 der Verzicht auf das Fliegen<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb von Europa kann wohl g\u00e4nzlich auf ein Flugzeug verzichtet werden. Der positive Nebeneffekt f\u00fcr Bahn-Reisende: Man n\u00e4hert sich dem Urlaubsland langsamer, nimmt landschaftliche Eindr\u00fccke auf und kann sich bereits auf dem Weg in den Urlaub oder zu beruflichen Zwecken auf die ver\u00e4nderten klimatischen Bedingungen einstellen. Vor allem aber gilt heute besonders: Muss es wirklich eine ferne Destination sein, oder k\u00f6nnten nicht viel mehr die Sch\u00f6nheiten vor Ort mehr entdeckt und genossen werden? Ein Selfie von einer S\u00fcdseeinsel wird ein Enkelkind in 40 Jahren, wenn die Gletscher verschwunden sein werden und ebendiese Insel unter Wasser sein wird, einmal anders beurteilen.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst m\u00fcssten wir alle zur Einsicht gelangt sein, dass ohne \u201eVerzicht\u201c auf bestimmte Verhaltensweisen der \u00f6kologische Supergau nicht mehr aufzuhalten ist. Jeder und jede muss sich daher zehnmal und mehr pr\u00fcfen, ob eine Flugreise wirklich sein muss oder ob das Ziel nicht auch mit der Bahn erreicht werden k\u00f6nnte. Daher ist es gut, wenn nun wieder mehr daran gedacht wird, das Bahnsystem \u2013 vor allem bei Nachtfernz\u00fcgen \u2013 wieder zu verbessern. Es g\u00e4be gen\u00fcgend Geld f\u00fcr solche Ma\u00dfnahmen, wenn beispielsweise eine Kerosinsteuer oder bestimmte Flugabgaben f\u00fcr eine \u00f6kologische Trendwende ben\u00fctzt w\u00fcrden. Wenn ein Ziel sich ohne Flug nicht erreichen lie\u00dfe, muss selbst das angestrebte Ziel infrage gestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Schulen als Flugreiseb\u00fcro<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels und angesichts der Tatsache, dass die Klimaziele von Paris nur mehr mit radikalen Ma\u00dfnahmen erreicht werden k\u00f6nnen, sind Schulen in besonderer Weise herausgefordert. Die Frage muss gestellt werden, auch wenn sie liebgewonnene Gepflogenheiten in manchen Schulen infrage stellt und im Kollegium teils nicht gern geh\u00f6rt wird. Sind Flugreisen mit Schulklassen aus p\u00e4dagogischen wie auch aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden \u00fcberhaupt noch vertretbar oder konterkarieren sie nicht letztlich den Werten, die in einem Unterricht vermittelt werden sollen? Wenn eine Geographielehrerin die weitreichenden Konsequenzen des Klimawandels wie das Ausbreiten der W\u00fcsten aufzeigt, wie passt es dann zusammen, dass eine ganze Schulklasse das Flugzeug w\u00e4hlt, weil es einfach das billigste und bequemste Transportmittel ist? Wenn in Geschichte und Politische Bildung die Konsequenzen erarbeitet werden, die mit der Vielfliegerei verkn\u00fcpft sind \u2013 Ausbeutung und Kampf um Ressourcen, Kriegsgefahr, Migrationsbewegungen, wie passt es dann noch zusammen, wenn Sch\u00fcler*innen zum Teil dieser Zerst\u00f6rungsmaschinerie werden. Sollen Schulen nicht vielmehr konsequent-\u00f6kologisch nur mehr solche Bildungsreisen w\u00e4hlen, die ohne Flugzeug gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, und damit auch eine wichtige Erziehungsfunktion erf\u00fcllen, n\u00e4mlich zu zeigen: Es geht auch oben ohne? Der f\u00fcr viele unbequeme Aufruf\u00a0 heute lautet jedenfalls ganz einfach: \u201eH\u00f6rt endlich auf zu fliegen!\u201c<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 16. Mai 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fridays for Future Greta Thunberg hat es eindrucksvoll vorgelebt. Konsequent fuhr sie in den vergangenen Monaten selbst zu all den Veranstaltungen, Konferenzen und Begegnungen in verschiedenen Teilen Europas nicht mit dem Flugzeug und lehnte Einladungen au\u00dferhalb Europas ab, die mit einem Fliegen verbunden gewesen w\u00e4ren. 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