{"id":4348,"date":"2019-11-07T16:00:29","date_gmt":"2019-11-07T16:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4348"},"modified":"2026-02-02T15:10:12","modified_gmt":"2026-02-02T15:10:12","slug":"die-aemterfrage-in-der-katholischen-kirche-nach-der-amazonien-synode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4348","title":{"rendered":"Die \u00c4mterfrage in der katholischen Kirche nach der Amazonien-Synode"},"content":{"rendered":"<p><strong>Amazonien-Synode<\/strong><\/p>\n<p>Die Amazonien-Synode, die in den letzten drei Oktoberwochen 2019 im Vatikan stattfand, hat die Diskussionen \u00fcber die Zulassungsbedingungen zu den \u00c4mtern in der katholischen Kirche neu belebt. Die Ergebnisse der Synode und die daran anschlie\u00dfenden Schlussfolgerungen seitens der Ortsbisch\u00f6fe geben wenig Anlass zur Hoffnung auf eine dringend notwendigen \u00c4nderung der kirchlichen Strukturen. Wenn es allerdings der Kirche aufgrund l\u00e4ngst \u00fcberholter Zulassungsbedingungen erstens nicht gelingt, gleiche Rechte f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner zu realisieren, und zweitens eine lebensnahe Pastoral vor Ort zu verankern, dann wird die Kirche nicht jenes Zeichen und Werkzeug sein k\u00f6nnen, um die gro\u00dfen politischen Herausforderungen anzupacken, die bei der Amazonien-Synode eindrucksvoll benannt wurden. Eine Kirche, die aufgrund ihrer Strukturen unglaubw\u00fcrdig wirkt, steht sich selbst im Wege und verr\u00e4t damit ihren Weltauftrag. Wenn Bisch\u00f6fe sich auf das Message Control festgelegt haben, dass eine Ver\u00e4nderung der Kirche nicht von den Strukturen abh\u00e4nge, so stimmt es nur teilweise. Tats\u00e4chlich muss auch gesagt werden, dass Strukturen einer geistigen Erneuerung der Kirche und ihrem Aufbruch im Wege stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Viri probati oder personae probatae<\/strong><\/p>\n<p>Die Amazonien-Synode hat mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht angeregt, \u00fcber die Zulassung bew\u00e4hrter verheirateter M\u00e4nner zum Priesteramt nachzudenken \u2013 dies aber nur in Ausnahmesituationen und f\u00fcr Diakone. Ein bereits vor Jahrzehnten gemachter Vorschlag wurde auf dem Hintergrund des so genannten Priestermangels neu aufgelegt. Was bedeutet er aber konkret? Ein Beispiel aus meiner n\u00e4heren Umgebung kann dies illustrieren.<\/p>\n<p>Im gleichen Seelsorgeraum arbeiten in unterschiedlichen Pfarren eine Pfarrkuratorin und zwei Pfarrkuratoren. Alle sind gleich qualifiziert, haben gleiche Verantwortungsbereiche, sind fast gleich lange im Dienst der Kirche, haben den gleichen Pfarrer als Pfarrmoderator. Ein Pfarrkurator konnte sich zum Diakon weihen lassen und w\u00e4re wohl ein \u201evir probatus\u201c, w\u00fcrde also gut in dieses Konzept passen. Anders aber die Pfarrkuratorin. Ihr bliebe sowohl der Weg zum Diakonat verwehrt und eine \u201efemina probata\u201c wird ja nicht \u00fcberlegt. Der Blick nach Amazonien zeigt noch diese Wirklichkeit noch viel sch\u00e4rfer. Dort sind es vor allem Frauen, die die Gemeinden leiten und daf\u00fcr sorgen, dass auch ohne Priester die wichtigsten kirchlichen Grundvollz\u00fcge am Leben erhalten werden. Warum soll f\u00fcr sie nicht noch mehr gelten, was f\u00fcr M\u00e4nner angedacht ist?<\/p>\n<p>Das Konzept von \u201eviri probati\u201c ist zum einen also ein Weg, der nicht in Richtung Gleichberechtigung f\u00fchrt, sondern die Ungleichbehandlung von M\u00e4nnern und Frauen in der \u00c4mterfrage einzementiert. Zum anderen wird in diesem Konzept auch nicht die grundlegende Frage nach dem Weihecharakter des Priesteramtes gestellt.<\/p>\n<p>Der Pastoraltheologe Michael Zulehner w\u00e4hlt demgegen\u00fcber mit der Petition &#8222;Amazonien auch bei uns!&#8220; einen anderen Weg. Um die &#8222;Wunde des Priestermangels&#8220; zu heilen und damit auch den &#8222;eucharistischen Hunger&#8220; zu stillen, brauche es die Schaffung von Priestern neuer Art in lebensf\u00e4higen Gemeinden.&#8220; An erster Stelle m\u00fcssten die &#8222;lebendigen Gemeinden&#8220; sein, die dort entst\u00fcnden, wo &#8222;kein Mitglied unberufen und unbegabt ist&#8220;. Nicht um bew\u00e4hrte M\u00e4nner (&#8222;viri probati&#8220;), sondern bew\u00e4hrte Personen (&#8222;personae probatae&#8220;) &#8211; also M\u00e4nner und Frauen &#8211; m\u00fcsse es daher gehen. Damit schl\u00e4gt Zulehner einen Weg vor, bei dem auch Frauen \u00fcber das Diakonat zum Priesteramt kommen k\u00f6nnen. Diese Personen sollen von den Gemeinden bestimmt werden und aus ihnen herauswachsen.<\/p>\n<p><strong>Festhalten am Z\u00f6libat als priesterliche Lebensform<\/strong><\/p>\n<p>Unbeirrbar geben die heimischen Bisch\u00f6fe vor, an der Z\u00f6libatsverpflichtung f\u00fcr Priester festzuhalten. Dabei zeigt sowohl der Blick auf die pastorale Situation hierzulande wie auch auf andere theologische Aspekte, dass Ehelosigkeit und Priestersein nicht mehr gekoppelt aneinander gesehen werden sollten.<\/p>\n<p>Die Aufhebung des Z\u00f6libats k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass die vielf\u00e4ltigen Berufungen zu einem priesterlichen Dienst ernst genommen werden. M\u00e4nner, die sich zwar zu einem priesterlichen Leben berufen f\u00fchlen, den Z\u00f6libat aber nicht leben k\u00f6nnen, k\u00f6nnten die gro\u00dfen L\u00fccken f\u00fcllen, die in unseren Pfarren sowie in der kategorialen Seelsorge bestehen. Der Blick auf die priesterlosen Gemeinden, die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Seelsorgsr\u00e4ume, die Reduzierung der Eucharistiefeiern oder auf\u00a0 Priester, die bis ins hohe Alter f\u00fcr immer noch mehr Gl\u00e4ubige zust\u00e4ndig sind, wirft nicht erst heute die Frage auf, ob die verpflichtende Ehelosigkeit f\u00fcr r\u00f6misch-katholische Priester wirklich die Antwort f\u00fcr eine missionarische Kirche der Gegenwart und Zukunft ist. Solange jedenfalls die Sakramente als Wesensmerkmale der r\u00f6misch-katholischen Kirche an das Priesteramt gekn\u00fcpft sind, werden immer weniger Priester daf\u00fcr sorgen m\u00fcssen, dass das Recht der Gemeinden auf die Sakramente von der sonnt\u00e4glichen Eucharistiefeier bis zur Krankensalbung gew\u00e4hrleistet werden kann. Gl\u00e4ubige in diesem Land brauchen die Sakramente, v.a. die Eucharistie \u2013 aber auch die Krankensalbung. Sie brauchen keine anonyme Versorgung mit Sakramenten von \u201eBlaulichtpriestern\u201c, sondern Seelsorger, die mit den Menschen vor Ort unterwegs sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Freilich ist der Mangel an Priestern \u2013 diesen gibt es tats\u00e4chlich und er kann nicht wegdiskutiert werden \u2013 nicht das einzige Motiv, warum Z\u00f6libat und Priesteramt entflochten werden sollten. Die Entkoppelung von Priesteramt und Z\u00f6libat w\u00fcrde weiters bedeuten, dass das Charisma der Ehelosigkeit, das manche in der Nachfolge Jesu w\u00e4hlen, durch den Charakter der Freiwilligkeit st\u00e4rker akzentuiert w\u00fcrde. Die Bedeutung der freigew\u00e4hlten Ehelosigkeit f\u00fcr Ordensleute w\u00fcrde ebenfalls unterstrichen und nicht vermischt mit dem Z\u00f6libatsgesetz f\u00fcr weltliche Priester.<\/p>\n<p>Priester, die ihrer Berufung treu bleiben und zugleich aber f\u00fcr sich den Wert von Partnerschaft erfahren, w\u00fcrden nicht in untragbare Widerspr\u00fcche geraten. Hinter der Z\u00f6libats-Frage stehen Geschichten von M\u00e4nnern und deren Beziehungen \u2013 also auch die Geschichten von Priester-Frauen und deren Kinder. Es sind Biographien von M\u00e4nnern,\u00a0 f\u00fcr die ein Leben als Priester nicht auch gleichbedeutend war mit einem Leben ohne Partnerschaft.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von pastoralen Erw\u00e4gungen w\u00fcrde auch der Stellenwert der Sexualit\u00e4t in der r\u00f6misch-katholischen Kirche eine besondere positive Aufmerksamkeit erlangen. Wenn Sexualit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t auseinander gerissen werden, kann das Herz zerrei\u00dfen. Wenn es stimmt, dass Sexualit\u00e4t eine Quelle der Spiritualit\u00e4t sein kann, dann kann diese Dimension auch positiv in das Leben von Priestern integriert werden.<\/p>\n<p><strong>Festhalten am Ausschluss von Frauen von der Ordination<\/strong><\/p>\n<p>Wenn \u00fcber die Entkoppelung von Weihe und Ehelosigkeit f\u00fcr M\u00e4nner nachgedacht wird, so muss dies zugleich immer verbunden werden mit der Forderung, Frauen den Zugang zum Diakonat und Priesteramt zu erm\u00f6glichen. Die Verdr\u00e4ngung der Frauen von diesen \u00c4mtern ist Sexismus, weil es eine Selektion aufgrund des Geschlechts ist, bleibt somit eine Wunde in der Kirche, die v\u00f6llig im Widerspruch steht zur Stellung der Frauen im Neuen Testament und der Jesusbewegung. Damit soll die Zulassung der Frauen zum Weiheamt nicht so sehr aufgrund eines Weihemangels geschehen, sondern aus Gr\u00fcnden einer viel tieferliegenden Gendergerechtigkeit, die dem Wesen des Evangeliums entspricht.<\/p>\n<p>Gleichzeitig mit ge\u00e4nderten Zugangsbedingungen zum Weiheamt muss zurecht vor der Gefahr des Klerikalismus gewarnt werden, die Papst Franziskus schon \u00f6fters angesprochen hat. Nur Frauen als Priesterinnen zu weihen und M\u00e4nnern im Priesterdienst die Ehe zu erm\u00f6glichen k\u00f6nnte tats\u00e4chlich auch bedeuten, dass Aufgaben, die gegenw\u00e4rtig aufgrund des Mangels an Priestern auf viele Gl\u00e4ubige verteilt werden, wieder auf Kleriker konzentriert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Im Abschlussdokument der Amazonien-Synode werden Diakoninnen nicht explizit genannt. Es klingt fast wie eine Vertr\u00f6stung, wenn es nun hei\u00dft, diese Frage sei weiter im Gespr\u00e4ch. Braucht es noch \u201eStudienkommissionen\u201c, um zu kl\u00e4ren, ob Frauen in der Kirche M\u00e4nnern gleichberechtigt sein k\u00f6nnen? Sollen Frauen mit der Aufwertung ihrer T\u00e4tigkeitsfelder au\u00dferhalb der \u00c4mterfrage quasi abgespeist werden? Jedenfalls macht es kein gutes Bild, wenn Frauen bei der j\u00fcngsten Synode kein Stimmrecht hatten und aus dem Abstimmungsprozess ausgeschlossen wurden.<\/p>\n<p><strong>Bereitschaft zur Reform<\/strong><\/p>\n<p>Ob es die Abschaffung des Z\u00f6libats ist oder die Frage der Ordination der Frauen: Es sind Anliegen, die Laienorganisationen an die Ortsbisch\u00f6fe vorlegen. Theologen und Theologinnen, kirchliche Reformbewegungen, Pfarrerinitiativen und Laienorganisationen verlangen seit vielen Jahren ein Konzil, in dem die Kirche den Mut hat, sich den neuen Herausforderungen auf der Basis des Evangeliums anzupassen. Als einer der W\u00fcnsche f\u00fcr die Jugendsynode im Vatikan wurde von einem jugendlichen Teilnehmer formuliert: \u201ePfarrer sollen heiraten d\u00fcrfen, auch Frauen sollten Pfarrer werden.\u201c Das sei notwendig f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit und Ehrlichkeit der Kirche. Eine \u00c4nderung der Kirchenstrukturen kann Hand in Hand gehen mit dem missionarischen Aufbruch, der jetzt schon m\u00f6glich ist. Z\u00f6libat und der Ausschluss der Frauen von den Weihe\u00e4mtern bleiben Stolpersteine, die im Weg dieses Aufbruchs liegen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, November 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amazonien-Synode Die Amazonien-Synode, die in den letzten drei Oktoberwochen 2019 im Vatikan stattfand, hat die Diskussionen \u00fcber die Zulassungsbedingungen zu den \u00c4mtern in der katholischen Kirche neu belebt. 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