{"id":4364,"date":"2019-11-10T20:59:30","date_gmt":"2019-11-10T20:59:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4364"},"modified":"2022-08-22T07:38:35","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:35","slug":"hl-martin-ein-sozial-und-friedenspolitisches-licht-geht-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=4364","title":{"rendered":"\u201e\u2026ein Licht geht auf, ich geh\u2018 nach Haus\u201c:  Der Heilige Martin als Bischof der Bettler und Kriegsdienstgegner  \u00a0"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3568\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Martin-Mantel.jpg\" alt=\"\" width=\"602\" height=\"605\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Martin-Mantel.jpg 602w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Martin-Mantel-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Martin-Mantel-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><br \/>\nEine Kirche der Armen und auf Seiten der Armen<\/strong><\/p>\n<p>Von Sigmunda May stammt ein sehr ber\u00fchrender Holzschnitt. Darin wird der Heilige Martin mit Mitra und bisch\u00f6flichem Umhang dargestellt, den er ganz liebevoll und sch\u00fctzend um einen nackten Bettler legt. Dieser schmiegt sich in die angebotene Geborgenheit. Um ihm ganz Schutz zu geben, stellt sich Martin noch etwas auf die Zehenspitzen und legt einen Arm auf die Schultern des Hilfsbed\u00fcrftigen. Am auff\u00e4lligsten sind allerdings die Augen. Bischof Martin hat einen Blick f\u00fcr das, was der bittende Mensch von ihm braucht, die Augen des Bettlers wiederum sind voll Zuversicht und Hoffnung, dass ihm Recht geschehen wird. Die beiden Personen sind wie verschmolzen durch diesen Akt der Barmherzigkeit, wobei in dieser Einheit pl\u00f6tzlich beide sich zu beschenken scheinen. Auch der arme Bettler wird zur Person, die dem Martin W\u00e4rme schenken kann. Auch Martin wird in seinem Schenken und Teilen zum Beschenkten. Martin ist in dieser Darstellung der Prototyp f\u00fcr eine christliche Existenz und Verk\u00f6rperung einer jesuanischen Lebensweise, in der das allerwichtigste sichtbar wird: Die Liebe zu jenen Menschen, die Hilfe und Schutz brauchen. Insofern kann der Heilige Martin wohl als Patron der Bettler bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt in meinem Lebensumfeld nicht schwer, sich die Gestalt des Martin immer wieder als Ansporn und Inspiration in Erinnerung zu rufen. Viele Kapellen in der Umgebung haben ihn als Patron. Ich denke beispielsweise an die kleine Kirche in Gnadenwald, die mir besonders ans Herz gewachsen ist. Die Fresken erz\u00e4hlen von der Geschichte des Heiligen und eine Statue zeigt ihn als Bischof, die andere Statue stellt ihn traditionell als reitenden r\u00f6mischen Soldaten dar, der sein Schwert ben\u00fctzt, um den Soldatenmantel mit einem Bettler zu teilen. In diesem Jahr konnte ich die gro\u00dfe Kathedrale in Tours besuchen, in der die Reliquien des Heiligen aufbewahrt und verehrt werden.<\/p>\n<p>Dankbar bin ich f\u00fcr eine Kirche, die so unmissverst\u00e4ndlich diese Option des Teilens und der Sorge f\u00fcr die Armen selbst eingeschlagen hat. Dies wird heute sichtbar \u00fcberall dort, wo Menschen in Notsituationen von kirchlichen Einrichtungen geholfen wird und wo Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende gegen\u00fcber einer inhumanen Asylpraxis in Schutz genommen werden. Wenn Papst Franziskus oder die Vertreter der Caritas Notleidende in Schutz nehmen und f\u00fcr sie Partei ergreifen, dann sind sie in den Fu\u00dfstapfen jenes Bischofs aus Tours, der vor 1700 Jahren starb.<\/p>\n<p><strong>Kriegsdienstgegner Martin und die Friedensdividende<\/strong><\/p>\n<p>Die am meisten verbreitete ikonographische Darstellung des Heiligen aus dem Nordwesten des heutigen Frankreich stellt ihn jedoch als r\u00f6mischen Soldaten dar, meist auf einem Ross, mit Schwert und mit dem typischen roten Mantel. Martin wird mit Soldatentum in Verbindung gebracht. Daher wurde er in der katholischen Kirche auch zum Patron \u2013 das hei\u00dft zum Schutzheiligen \u2013 der Soldaten und der Waffenschmiede gemacht.<\/p>\n<p>So anders ist jedoch die Vita des Heiligen Martin. Wenn er den Soldatenmantel nimmt und ihn mit dem Schwert zerschneidet, so ist dies zun\u00e4chst nicht ein Akt der Barmherzigkeit, sondern eine Aktion mit einer tiefen Symbolik. Ein halber Mantel h\u00e4tte dem Bettler wohl auch nicht viel geholfen. Das Mantelteilen geht viel tiefer. Zudem wurde mit dem Mantelteilen Milit\u00e4reigentum besch\u00e4digt, was einer Straftat gleichkam. Nominell geh\u00f6rte einem Soldaten nur eine H\u00e4lfte des Mantels, die andere aber dem r\u00f6mischen Staat.<\/p>\n<p>Bei Martin sehen wir: Die Option f\u00fcr die Armen ist integral verbunden mit einem radikalen Schnitt. Der Arme l\u00f6st bei Martin eine Lebenswende aus. Der erfolgreiche Soldat entscheidet sich f\u00fcr Jesus Christus und den gewaltfreien Weg aufgrund seiner Begegnung mit den Armen. Sinnf\u00e4llig findet durch das Mantelteilen eine Friedensdividende statt. Martins Schwert dient nicht mehr zum K\u00e4mpfen, sondern zum Teilen von Besitz. Seine R\u00fcstung \u2013 der Mantel \u2013 wird aufgel\u00f6st, um die Armen damit zu kleiden. Er steigt vom Ross, um auf Augenh\u00f6he mit dem Bettler zu sein. Er weist Obdachlose nicht ins Nichts, sondern sch\u00fctzt sie mit dem Mantel vor der K\u00e4lte der Obdachlosigkeit. Heute w\u00fcrden wir sagen: Martin steht f\u00fcr ein \u201eChristlich geht anders\u201c. Mantelteilen heute bedeutet, Reichtum und Lebenschancen gerecht zu verteilen.<\/p>\n<p>Wer den Mantel teilt, macht sich freilich verletzlich. Auch Martin, so die Legenden, musste zun\u00e4chst mit dem Spott der Umstehenden rechnen, weil er mit einem halben Mantel sehr h\u00e4sslich ausgesehen habe.<\/p>\n<p>Der Heilige aus dem 4. Jahrhundert entspricht dem Pazifismus eines Martin Luther King. Eine Darstellungsform des Hl. Martin k\u00f6nnte auch t\u00e4uschen. Landauf landab wird Martinus als r\u00f6mischer Soldat hoch zu Ross dargestellt. Martin \u2013 der dem Kriegsgott Mars \u201eGeweihte\u201c. Diese Wahrnehmung passt besser zu einer milit\u00e4rischen Kultur als ein Christ, der sich aufgrund seines Glaubens entscheidet, keine Waffe mehr zu tragen. Es stimmt zwar, dass Martin zun\u00e4chst als Berufssoldat gedient hatte. Mehr und mehr aber d\u00fcrfte Martin diesen Dienst nicht mehr als vereinbar mit seinem Christsein empfunden haben, obwohl damals die Kaiser Soldatendienst und Christsein durchaus nicht mehr wie in der fr\u00fchen Kirche als Gegensatz gesehen hatten. Das pazifistische Prinzip \u201eIch kann nicht Christ und Soldat zugleich sein\u201c (\u201eNon possum militare, Christianus sum\u201c), das vor der Konstantinischen Wende G\u00fcltigkeit hatte und die Christenverfolgung durch die r\u00f6mischen Kaiser wesentlich verst\u00e4rkte, war aufgegeben worden. Sulpicius Severus berichtet in seiner Vita Sancti Martini, verfasst um 395, von Martins Verweigerung. Er soll dem Kaiser gesagt haben: \u201eBis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr l\u00e4nger k\u00e4mpfen und t\u00f6ten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zur\u00fcck. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn sp\u00e4ter aus dem Heiligen Martin der Patron der Soldaten und Waffenschmiede gemacht wurde, so stimmt dies mit dem Leben des Bischofs von Tours nicht \u00fcberein.<\/p>\n<p><strong>Kulturhistorische Hinweise<\/strong><\/p>\n<p>Allein die Tatsache, dass der Name \u201eKapelle\u201c auf den Heiligen Martin zur\u00fcckgeht, symbolisiert seine Bedeutsamkeit f\u00fcr die gesamte Kirche. \u201eCappa\u201c war die lateinische Bezeichnung f\u00fcr einen mantelartigen Umhang. Die Cappa des Heiligen Martin hatte einen ganz besonderen Wert. F\u00fcr diese Reliquie wurde eine eigene Bewachung aufgestellt, die so genannten Kapellane, woraus sp\u00e4ter das Wort \u201eKapl\u00e4ne\u201c entstand. Weil die Cappa als Reliquie in Kriegszeiten auch mitgetragen wurde, wurden im ganzen Reich entsprechende Kapellen errichtet. Auch der Name von Musikkapellen leitet sich von daher ab, da es fr\u00fcher eigene Musikorganisationen gab, die bei diesen Kapellen Musik machten.<\/p>\n<p><strong>Martin kein narzisstischer Selbstdarsteller<\/strong><\/p>\n<p>Weil Martin vorlebte, was Sache ist, weil er vom \u201ehohen Ross\u201c gestiegen ist und Empathie und Solidarit\u00e4t zeigte, wollte ihn die vox populi, die Stimme des Volkes, zum Bischof machen. Bekannt ist seine anf\u00e4ngliche Weigerung, dem Ruf auf das Bischofsamt zu widerstehen. Ruhm, Macht und Karriere waren nicht sein Lebensziel und waren nicht der Grund, warum er sich f\u00fcr Jesus entschied. Weil ihm das episkopale Amt zu abgehoben vorkam, versteckte sich der Heilige laut Legende in einem G\u00e4nsestall. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass ihn die G\u00e4nse verraten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es gibt Bisch\u00f6fe im Stile des heiligen Martin, der jeglichen Prunk vermied und in seinem Lebensstil auf Insignien der Macht verzichtete. Der Bischof von Rom, Papst Franziskus, der auf einer FP\u00d6-nahen Website als \u201ePapa horribilis\u201c gebrandmarkt wurde, setzte von Beginn an viele Zeichen in diese Richtung. Ein Bischof passt auf keinen Thron, darf sich nicht beweihr\u00e4uchern lassen und vor einem Bischof soll sich kein Mensch niederwerfen: Das war die Botschaft des Martin zu einer Zeit, als sich die Kirche mehr und mehr dem r\u00f6mischen Herrschaftsgehabe anzupassen begann.<\/p>\n<p><strong>Der Himmel geht auf<\/strong><\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte ein Kunstwerk von Claudia Treutlein ben\u00fctzen, um das Wunder des Mantelteilens abschlie\u00dfend zu illustrieren. Dort, wo geteilt wird, ist ein goldenes Band. Die K\u00fcnstlerin dazu: \u201eAn der Rei\u00dfwunde des Mantels geht der Himmel auf.\u201c<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, Martinsfest 2019, <a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\">www.klaus-heidegger.at<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Martin-Mantel.jpg' class='thumbnail' \/>Eine Kirche der Armen und auf Seiten der Armen Von Sigmunda May stammt ein sehr ber\u00fchrender Holzschnitt. Darin wird der Heilige Martin mit Mitra und bisch\u00f6flichem Umhang dargestellt, den er ganz liebevoll und sch\u00fctzend um einen nackten Bettler legt. Dieser schmiegt sich in die angebotene Geborgenheit. 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