{"id":6270,"date":"2021-04-10T07:49:39","date_gmt":"2021-04-10T07:49:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6270"},"modified":"2022-08-22T07:37:55","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:55","slug":"blaue-stunde-am-glungezer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6270","title":{"rendered":"Blaue Stunde am Glungezer."},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6271\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz.jpg\" alt=\"\" width=\"4160\" height=\"3120\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz.jpg 4160w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4160px) 100vw, 4160px\" \/>\u201eIch trete in die dunkelblaue Stunde &#8211;<\/em><br \/>\n<em>da ist der Flur, die Kette schlie\u00dft sich zu<\/em><br \/>\n<em>und nun im Raum ein Rot auf einem Munde<\/em><br \/>\n<em>und eine Schale sp\u00e4ter Rosen &#8211; du!\u201c (Gottfried Benn, Blaue Stunde)<\/em><\/p>\n<p>3.15 Uhr morgens. Noch rauben keine Autos die Stille der Nacht. Nur auf der Autobahn, unter der ich mit meinem Rad auf dem Weg von Hall nach Tulfes durchradle, donnern schon einige Fahrzeuge. Bald schon wird die L\u00e4rmh\u00f6lle der A-12 das ganze Inntal wieder einlullen. Ich mag immer den k\u00fchl-frischen Fahrtwind, der aufweckt und Tr\u00e4nen l\u00f6st. Im Wetterbericht wurde von einer der k\u00e4ltesten Apriln\u00e4chte gesprochen. Ein einziger wei\u00dfer Lieferwagen f\u00e4hrt auf der Auffahrt nach Tulfes an mir vorbei. Die geschlossene Schneedecke beginnt erst bei der Tulferh\u00fctte auf 1335m. So waren es 800 HM mit dem Rad. 1247 HM und 6 Kilometer liegen jetzt vor mir. 4.11 Uhr. Ober mir ein Sternenmeer im Nachthimmel, unten leuchten die Lichter im Inntal, manche bunt wie die Kugeln bei den Heiligen Gr\u00e4bern, die ich gerade vor einer Woche noch besucht hatte. Im Dunkel die Lichter. Oben und unten. Dazwischen ein einsames Ich. Die Piste hinauf bis zum Schartenkogel wurde am Vortag von den schweren Ger\u00e4ten pr\u00e4pariert. Die Furchen sind pickelhart. Die Begrenzungsstangen strahlen das LED-Licht der Stirnlampe wider. Einmal erschrecke ich von einem Waldtier, das wahrscheinlich nicht weniger durch mich erschreckt wurde. Ein richtiges Berggef\u00fchl kommt dann erst bei der Sch\u00e4ferh\u00fctte auf. Jetzt beginnt die Blaue Stunde. Noch eine gute halbe Stunde ist es bis zum Gipfel. Die Konturen des Glungezer und der Sonnenspitze lassen sich erkennen. In meinem Gehen sind keine M\u00fcdigkeit, kein Durst und kein Hunger, vielleicht w\u00e4re der Saft in der Trinkflasche ohnehin schon gefroren. Meine Gef\u00fchle und Gedanken drehen sich wie immer im Kreis. Nur Stille und etwas Wind und die Laute des Kratzens von den Fellen an den Ski, die fast den Gipfel hinauf fliegen. Vorbei an der Glungezerh\u00fctte, die diesen Winter gar nie offen sein konnte. Kurz nach sechs bin ich am Gipfel. 2675 HM. Die H\u00e4nde frieren sofort, als ich die Felle von den Ski l\u00f6se und etwas von der Sch\u00f6nheit der Blauen Stunde digital festhalte. Es ist noch Zeit, das wunderbare Schauspiel im Osten zu sehen \u2013 das dunkle Orange, das Rot, das Violett \u2013 bis um 6.30 goldgelben am Horizont \u00fcber den \u00f6stlichen Tuxeralpen die Sonne aufgeht und die schneebedeckten Gipfel der hohen Zillertaler- und Stubaier Alpen z\u00e4rtlich von diesem Licht ber\u00fchrt werden. Auch ich lasse mich ber\u00fchren vom goldenen Licht der Sonne. Nun muss ich mich beeilen. 6.45 Uhr. Um 7.55 Uhr beginnt der Online-Unterricht. Sechs Stunden Online-Schule und eine mehrst\u00fcndige Online-Konferenz am Nachmittag warten auf mich. Da tun die analogen Erfahrungen davor gut.\u00a0 Pulverschnee bis zur Sch\u00e4ferh\u00fctte und dann ziehe ich weite Schw\u00fcnge in die unverspurten gerillten Pisten hinunter. Vom Gipfel bis zum Rad sind es nicht mehr als 15-Minuten.W\u00e4hrend ich das Rad von der Kette befreie, h\u00f6re ich Morgenv\u00f6gel zwitschern. In meinem Herzen sind melancholische Stimmungen, wie sie auf so geniale Weise Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht &#8222;Blaue Stunde&#8220; formuliert hatte.<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026<\/em><br \/>\n<em>die Lampen, gedunsen, betreten im Blau,<\/em><br \/>\n<em>letzte Gesichter! Nur deins gl\u00e4nzt genau.<\/em><br \/>\n<em>Tot die B\u00fccher, entspannt die Pole der Welt,<\/em><br \/>\n<em>was die dunkle Flut noch zusammenh\u00e4lt,<\/em><br \/>\n<em>die Spange in deinem Haar scheidet aus.<\/em><br \/>\n<em>Ohne Aufenthalt Windzug in meinem Haus.<\/em><br \/>\n<em>Mondpfiff \u2013 dann auf freier Strecke der Sprung,<\/em><br \/>\n<em>die Liebe geschleift von Erinnerung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>klaus.heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/g-kreuz.jpg' class='thumbnail' \/>\u201eIch trete in die dunkelblaue Stunde &#8211; da ist der Flur, die Kette schlie\u00dft sich zu und nun im Raum ein Rot auf einem Munde und eine Schale sp\u00e4ter Rosen &#8211; du!\u201c (Gottfried Benn, Blaue Stunde) 3.15 Uhr morgens. Noch rauben keine Autos die Stille der Nacht. 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