{"id":6986,"date":"2021-12-05T09:00:51","date_gmt":"2021-12-05T09:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6986"},"modified":"2026-01-31T12:57:32","modified_gmt":"2026-01-31T12:57:32","slug":"von-kontgefleckten-engeln-im-advent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6986","title":{"rendered":"Von &#8222;kotgefleckten Engeln&#8220; im Advent"},"content":{"rendered":"<p><strong>wegmeditierend<\/strong><\/p>\n<p>Auf meinem vor\u00fcbergehenden Weg zur und von der Schule, entlang der l\u00e4rmgetr\u00e4nkten Hallerstra\u00dfe und dem im Winter tiefgr\u00fcnen Inn, liegt unweit von zwei Br\u00fccken der fast unscheinbare Traklpark. Trakls traurige Gedichte begleiten mich und manchmal denke ich gedankenverloren an einen seiner Verse, in denen sich Lebenserfahrungen seelentief verdichten. Meine wunde Seele h\u00f6rt ihn pathetisch schreiben vom\u00a0Gl\u00fcck \u201evon Liebenden, die sanft weniger leiden\u201c, und vom Gef\u00fchl der \u201eVerlorenheit im Ewigen\u201c.<\/p>\n<p><strong>von \u201ekotgefleckten Engeln\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Verbunden f\u00fchl ich mich dann selbst in meinem Sein mit jenem ungl\u00fccklichen Dichter, f\u00fcr den die Lyrik wichtig war, um irgendwie mit dem Leben noch zurecht zu kommen. Vor allem die religi\u00f6sen Metaphern von Trakl sprechen mich in der Tiefe an. Dazu z\u00e4hlen die Engel, die in Trakls lyrischen Texten \u00f6fters vorkommen. Es sind aber nicht die kitschigen Engel, die wir zuhauf besonders in weihnachtlichen Zeiten finden, sondern es hei\u00dft dann: \u201eAus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Fl\u00fcgeln. W\u00fcrmer tropfen von ihren vergilbten Lidern.\u201c Diese expressionistische Ausdrucksweise und apokalyptische Bilderwelt sind zun\u00e4chst verst\u00f6rend, auf den zweiten Blick aber zeigen sie die Widerspr\u00fcchlichkeit auf, die unsere Existenz in der Welt ausmachen. Sie haben auch zu tun mit den apokalyptischen Bildern im Heute: der Erhitzung der Erde, dem Elend in den Fl\u00fcchtlingsquartieren, dem Hunger in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens, dem gro\u00dfen Artensterben und vor allem den pandemischen Zust\u00e4nden. Da haben die Engel tats\u00e4chlich \u201ekotgefleckte Fl\u00fcgel\u201c. Es wird nichts mehr besch\u00f6nigt.<\/p>\n<p>Freilich ist unsere Welt heute anders als jene, in der Trakl lebte und litt. Sie ist nicht jene der Vor- und Kriegszeit des Ersten Weltkrieges, deren todbringende Fratze Trakl ins Gesicht schauen musste. Doch auch heute leben wir in Krisenzeiten, die Angst machen k\u00f6nnen. Es gibt das Erschrecken vor den Elendsquartieren dieser Welt, das sich im k\u00fcnstlichen Glanz unserer Konsumwelt nicht verstecken l\u00e4sst. Das Massenelend der Arbeiterschaft, mit dem ein Trakl zur Jahrhundertwende in Wien im Gefolge der Industrialisierung konfrontiert war und das so punktgenau in seinen lyrischen Bildern beschrieben wird, ist 100 Jahre sp\u00e4ter in den Megacitys im globalen S\u00fcden zu finden.<\/p>\n<p><strong>gottverlassen<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf Trakl \u2013 wobei ich mich nie mit ihm nur ann\u00e4hernd vergleich m\u00f6chte \u2013 f\u00fchle ich mich legitimiert, selbst auch dem literarischen Pathos Raum zu geben, ohne mich daf\u00fcr sch\u00e4men zu m\u00fcssen. Wenn manche meinen, die emotionsgeladene Sprache des literarischen Expressionismus sei uns gegenw\u00e4rtigen Menschen heute fremd geworden, so trifft dies keinesfalls auf mich zu. Wer klagt, tr\u00e4gt immer zugleich in sich die Hoffnung, die klagen l\u00e4sst, weil Hoffnung noch ohne Erf\u00fcllung ist. Inmitten von Verzweiflung stirbt die Romantik nicht.<\/p>\n<p>Wo dem Leiden in die Augen geblickt wird, stellt sich zugleich die Gottesfrage oder die uralte Thematik der Theodizee. Trakl, der dem geistigen Einfluss Nietzsches nicht fern war, verdichtet diese Gottesfrage:<br \/>\n\u201eIch sah die G\u00f6tter st\u00fcrzen zur Nacht,<br \/>\nDie heiligsten Harfen ohnm\u00e4chtig zerschellen,<br \/>\nUnd aus Verwesung neu entfacht,<br \/>\nEin neues Leben zum Tage schwellen.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201ees wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nein, so sage ich mir heute aber auch trotzig wie ein Mantra vor: Es soll nicht sein, dass irgendein Leben zerbricht an der Schwere des Lebens, dass irgendwer versucht zu ertrinken sein Leid mit todbringenden Giften, es soll vielmehr sein, dass g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte walten, wo Verzweiflung um sich greift. Und dann sehe ich in all den Zeilen von Trakl, die wie ein Gebet klingen, auch Licht durchscheinen: \u201eDas bin ich.<br \/>\nGott, nur einen kleinen Funken reiner Freude \u2013 und man w\u00e4re gerettet.<br \/>\nLiebe, und man w\u00e4re erl\u00f6st.\u201c<\/p>\n<p>In meinem Kopf und Herzen ist das Gedicht \u201eMenschheit\u201c:<br \/>\n\u201eHier Evas Schatten, Jagd und rotes Geld.<br \/>\nGew\u00f6lk, das Licht durchbricht, das Abendmahl.<br \/>\nEs wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen<br \/>\nUnd jene sind versammelt zw\u00f6lf an Zahl. \u2026\u201c<br \/>\nDie Abendmahlserfahrungen, die Trakl hier anspricht, erlebe ich selbst gegenw\u00e4rtig freilich weniger in den Kirchen, wo zu viel ritualisiert und salbungsvoll abgespult wird, und wo wirkliches Leben sich im Schein der Worte oft nicht findet. Die Lichtfunken gibt es noch in jenen Zuwendungserfahrungen, die fortdauern und manchmal inmitten des Alltags aufleuchten. Im \u201esanften Schweigen von Brot und Wein\u201c nehme ich den Zuwendungsgott wahr, wo Br\u00fccken gebaut und nicht abgerissen werden. So kann ich selbst die Balance halten, die radfahrend nur in der Bewegung liegt.<\/p>\n<p><strong>traklverlassen<\/strong><\/p>\n<p>Unter der M\u00fchlauer Eisenbahnbr\u00fccke mit ihren steinernen B\u00f6gen f\u00fchrt der Radweg. Wenn gerade ein Zug dar\u00fcberf\u00e4hrt, dann wird Trakls Gedicht \u201eVorstadt im F\u00f6hn\u201c h\u00f6rbar und auch das \u201eDonnern eines Zugs vom Br\u00fcckenbogen\u201c, das darin vorkommt, wird en passant begreifbar. Georg Trakl ist in seiner Innsbrucker Zeit oft da vorbeigekommen, wohnte in der N\u00e4he der beiden Br\u00fccken in M\u00fchlau, das damals noch ein eigenst\u00e4ndiges Dorf war. Dort ist im neuen Friedhof auch sein Grab zu finden. Sein Todestag war erst vor kurzem und die Stadt Innsbruck ehrte einen ihrer gro\u00dfen Dichter mit einem Blumengesteck. An seinem Grab tr\u00e4umte ich k\u00fcrzlich von einer Welt, in der die leise Poesie die Einsamkeit l\u00f6sen und Ungerechtigkeiten aufheben wird. Dann wird es ein gutes Leben f\u00fcr alle geben. Dann werden die schwerm\u00fctigen Klagegedichte verstummen und hoffnungsvolle Freudenlieder angestimmt. Der Engel auf dem Grabstein Trakls wird dann von seinem \u201eKot\u201c befreit werden und tanzen k\u00f6nnen, ganz ohne jenes Schnapsfl\u00e4schchen, das irgendwer sinnf\u00e4llig auf die Grabplatte gestellt hatte. Die neuen Lieder und T\u00e4nze haben wohl mit Advent zu tun.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 5.12.2021<br \/>\n(Bild: ein Banksy in Venedig)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>wegmeditierend Auf meinem vor\u00fcbergehenden Weg zur und von der Schule, entlang der l\u00e4rmgetr\u00e4nkten Hallerstra\u00dfe und dem im Winter tiefgr\u00fcnen Inn, liegt unweit von zwei Br\u00fccken der fast unscheinbare Traklpark. 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