{"id":7300,"date":"2022-03-02T20:45:01","date_gmt":"2022-03-02T20:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7300"},"modified":"2026-02-02T19:47:43","modified_gmt":"2026-02-02T19:47:43","slug":"ueber-die-grenzen-militaerischer-verteidigung-und-ihre-nicht-militaerischen-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7300","title":{"rendered":"\u00dcber die Grenzen milit\u00e4rischer Verteidigung und ihre nicht-milit\u00e4rischen Alternativen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eAber die haben doch das Recht, sich gegen die russische Invasion zu wehren \u2026\u201c, sagte mir ein Sch\u00fcler in einer Religionsstunde, als wir \u00fcber die fortschreitende Eskalation des Krieges, \u00fcber die Bombardements und die martialischen Bilder von Panzerkolonnen, Raketeneinsch\u00fcssen und fl\u00fcchtenden Menschen sprachen. &#8222;Ja&#8220;, antwortete ich, &#8222;das Recht zu verteidigen gibt es, doch die entscheidende Frage ist, welche Mittel und Wege geeignet sind, um m\u00f6glichst viel Blutvergie\u00dfen zu verhindern. Es gibt eben auch die vielen nicht-milit\u00e4rischen Strategien einer nicht-milit\u00e4rischen Verteidigung.2 Keine zwei Monate ist es her, als wir im Unterricht am Beispiel von Desmond Tutu und Nelson Mandela einige Aspekte des erfolgreichen gewaltfreien Widerstands erarbeitet hatten. Es gelang ihnen, sich ohne Waffengewalt von einem brutalen Apartheidregime zu befreien.<\/p>\n<p>\u201eSollen die sich abschlachten lassen \u2026\u201c, stellte mir jemand die rhetorische Frage, als ich in einem Artikel gegen die Pl\u00e4ne anschrieb, die ukrainische Armee nun mit westlicher Hilfe massiv mit Kriegsger\u00e4t auszustatten. Nein, schreibe ich zur\u00fcck, gerade ein \u201eAbschlachten\u201c soll verhindert werden. Je ausgepr\u00e4gter und je l\u00e4nger aber der gewaltsame Abwehrkampf der Ukrainer dauert, desto heftiger werden die K\u00e4mpfe, desto brutaler wird die Schlacht, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Zerst\u00f6rungen. Es ist hingegen kein Zeichen von Schw\u00e4che, wenn es eine milit\u00e4rische Kapitulation gegen\u00fcber einem milit\u00e4risch weitaus \u00fcberlegenen Aggressor gibt. Der Widerstand kennt so viele andere Formen, die nicht mit Waffen gef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Von Gandhi stammt das Diktum: \u201eEin Land, das mit Gewalt erobert wird, kann nicht mit Gewalt gehalten werden.\u201c Auch Milit\u00e4rexperten weisen heute auf zwei Aspekte hin: Ein milit\u00e4risch berechtigter Widerstand ist erstens nur dann v\u00f6lkerrechtlich gedeckt, wenn es eine Unterscheidung zwischen Zivilbev\u00f6lkerung und Milit\u00e4r gibt. Dies ist bei der geplanten Volksbewaffnung in der Ukraine nicht mehr gegeben. Dadurch w\u00e4re der Blutzoll besonders hoch. Zweitens spricht auch das V\u00f6lkerrecht genauso wie die kirchliche Lehre von der gerechten Verteidigung von der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. Der Preis, der f\u00fcr einen milit\u00e4rischen Abwehrkampf zu zahlen ist, darf nie unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch sein.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Armee ist stark! Wir werden nicht aufgeben! Wir werden k\u00e4mpfen! \u2026\u201c, sagte zu Beginn des Friedensgebetes im Innsbrucker Dom eine junge Ukrainerin, die in Innsbruck studiert und deren Eltern in Kiew sind. Es waren bewegende Worte. Doch passt der Aufruf zu heldenhaftem Kampf in den Kontext einer Kirche und eines Friedensgottesdienstes? Bischof Hermann las dann aus dem Neuen Testament den Beginn der Bergpredigt vor. \u201eSelig, die keine Gewalt anwenden \u2026 selig, die Frieden stiften \u2026\u201c Jesus sprach diese Worte nicht in eine Heile-Welt-Situation hinein. Im Gegenteil. Das j\u00fcdische Volk war von den r\u00f6mischen Besatzungstruppen seit vielen Jahren unterjocht. Aufst\u00e4ndische wurden gekreuzigt, Frauen in Sexsklaverei geschickt. Da gab es j\u00fcdische Widerstandsk\u00e4mpfer, die mit primitiven Waffen gegen r\u00f6mische Besatzungssoldaten vorgingen. Jesus w\u00e4hlte nicht den gewaltsamen Weg der Sikarier und Zeloten, die gegen die R\u00f6mer mit Guerillamethoden k\u00e4mpften, aber auch nicht jenen der Sadduz\u00e4er, die sich mit den Besatzern arrangiert hatten. Der jesuanische Weg ist charakterisiert durch Gewaltverzicht und Feindesliebe.<\/p>\n<p>In dieser Schreckenszeit des Krieges in der Ukraine verstummen die Stimmen im Kriegsgeheul, die von einem Verzicht auf Waffengewalt reden. Noch vor ein paar Tagen wollten sich die Staatenlenker des Westens aus dem Krieg heraushalten. Heute wird Kriegsger\u00e4t in Masse bereitgestellt. Im Aufwind des Denkens in den Kategorien von milit\u00e4rischer Gewalt und Gegengewalt werden zus\u00e4tzliche Milliarden f\u00fcr die R\u00fcstungsetats aufgebracht. Auch \u00d6sterreich plant eine Erh\u00f6hung der Milit\u00e4rausgaben. Warum gibt es nicht mehr F\u00f6rderungen f\u00fcr zivile Friedensdienste, f\u00fcr Trainings in gewaltfreier Aktion oder f\u00fcr Friedensforschung? Gerade jetzt m\u00fcssten wir sehen: Milit\u00e4rische Waffen sind untauglich f\u00fcr den Frieden.<\/p>\n<p>Der gewaltfreie Weg ist jener, der nicht nur in den religi\u00f6sen Schriften als Ma\u00dfstab vorgegeben wird, sondern von Poeten und Poetinnen immer wieder in lyrischen Texten beschrieben wird. So Bertold Brecht:<\/p>\n<p><em>General, dein Tank ist ein starker Wagen.<\/em><br \/>\n<em>Er bricht einen Wald nieder und zermalmt hundert Menschen.<\/em><br \/>\n<em>Aber er hat einen Fehler:<\/em><br \/>\n<em>Er braucht einen Fahrer.<\/em><\/p>\n<p><em>General, dein Bombenflugzeug ist stark.<\/em><br \/>\n<em>Es fliegt schneller als der Sturm und tr\u00e4gt mehr als ein Elefant.<\/em><br \/>\n<em>Aber es hat einen Fehler:<\/em><br \/>\n<em>Es braucht einen Monteur.<\/em><\/p>\n<p><em>General, der Mensch ist sehr brauchbar.<\/em><br \/>\n<em>Er kann fliegen, und er kann t\u00f6ten.<\/em><br \/>\n<em>Aber er hat einen Fehler:<\/em><br \/>\n<em>Er kann denken.<\/em><\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAber die haben doch das Recht, sich gegen die russische Invasion zu wehren \u2026\u201c, sagte mir ein Sch\u00fcler in einer Religionsstunde, als wir \u00fcber die fortschreitende Eskalation des Krieges, \u00fcber die Bombardements und die martialischen Bilder von Panzerkolonnen, Raketeneinsch\u00fcssen und fl\u00fcchtenden Menschen sprachen. &#8222;Ja&#8220;, antwortete ich, &#8222;das Recht zu verteidigen gibt es, doch die entscheidende&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[1143],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7300"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7300"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12213,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7300\/revisions\/12213"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}