{"id":7653,"date":"2022-07-04T19:56:57","date_gmt":"2022-07-04T19:56:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7653"},"modified":"2022-08-22T07:37:33","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:33","slug":"tag-3-pompeji-der-vesuv-und-ein-verruecktes-leben-im-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7653","title":{"rendered":"Tag 3: Pompeji, der Vesuv und ein verr\u00fccktes Leben im Heute"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7654\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3456\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31.jpg 4608w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4608px) 100vw, 4608px\" \/><strong>Sonntag, 3. Juli 2022<\/strong><\/p>\n<p>Wieder soll mein Erz\u00e4hlen kein faktenorientierter Bericht \u00fcber die weltbekannten Orte sein, die wir an diesem Tag besuchen. Mir geht es darum, das subjektive Erleben, das ich damit verbinde, zum literarischen Ausdruck zu bringen, und dadurch die Orte in ihrer Bedeutsamkeit f\u00fcr das heute neu zu entdecken.<\/p>\n<p>Es ist fast so, als h\u00e4tten sich alle 4 Millionen Menschen aus der Gegend von Neapel an diesem Sonntagmorgen zugleich auf den Weg gemacht, um irgendwo einen Platz am Meer zu finden. Blechw\u00fcrmer kommen uns auf den engen Stra\u00dfen der sorrentinischen Halbinsel entgegen, bis die blechernen W\u00fcrmer dann irgendwo an einer Engstelle \u00fcberhaupt zum Stillstand gezwungen werden. Nur die Tausenden motorisierten Zweir\u00e4der schl\u00e4ngeln sich todesmutig zwischen den stauenden Autos durch. Eine doppelte Sperrlinie gilt f\u00fcr sie nicht. Zum Gl\u00fcck fahren wir in die andere Richtung \u2013 nach Pompeji. Dort angekommen: In der sommerlichen Hitze warten Parkplatzw\u00e4rter auf Kundschaft und auf Reisebusse, die Touristen ausspucken in gro\u00dfer Zahl, warten Souvenierh\u00e4ndler darauf, ihre h\u00e4sslichen Produkte an gestresste Touristen zu verkaufen,\u00a0 warten Kellner darauf, ausgetrocknete Touristen in ihre Restaurants zu locken.<\/p>\n<p>Die Ausgrabungen von Pompeji sind Weltkulturerbe und f\u00fcr uns als schulische Projektgruppe auf Bildungsreise wohl ein Must-have-done. So haben die Sch\u00fcler*innen heute vormittags Sonntagsunterricht \u00fcber eine Stadt, die um 79 nach Christus unter der Vulkanasche verschwand, die ausgegraben und in ihren urspr\u00fcnglichen Dimensionen als arch\u00e4ologischer Themenpark der Superklasse f\u00fcr das Heute hergerichtet worden ist. Nicola, der F\u00fchrer der Gruppe, nennt Unmengen an Fakten, ohne aber in die Tiefe zu gehen. Im Amphitheater h\u00e4tte wohl mit mehr Empathie \u00fcber die Gladiatorenk\u00e4mpfe berichtet werden k\u00f6nnen und dar\u00fcber, wie eine Kulturvolk zugleich Menschenrechte missachtete und zu unvorstellbaren Grausamkeiten bereit war \u2013 ja sich dar\u00fcber sogar erg\u00f6tzen konnte. Die Hinweise \u00fcber das Bordell und die \u201eDienste\u201c der Frauen waren auch nicht versehen mit dem Bewusstsein, das wir heute \u00fcber sexuelle Gewalt haben m\u00fcssten. Ein erigierter Penis als Stukkatur an einer Stra\u00dfenecke kann a) als Ausdruck patriarchaler M\u00e4nnergewalt interpretiert werden oder b) einfach als Geschmacklosigkeit einer genital fixierten Gesellschaft. Lieber h\u00e4tte ich jedenfalls mehr Aufkl\u00e4rung erfahren \u00fcber die beiden Tempel, an denen wir eigentlich nur vorbeigesaust sind. Was allerdings h\u00e4ngen bleibt \u2013 auch als Auftrag f\u00fcr das heute \u2013 sind die Hinweise und das Erleben, wie eine Stadt aufgebaut werden kann, in denen es keine K\u00fchlanlagen und Ventilatoren braucht, um sich vor der Hitze zu sch\u00fctzen. Die Baumeister von Pompeji\u00a0n\u00fctzten die Winde, die die durch die Stra\u00dfen wehen konnten. Sie brauchten auch kein gro\u00dfen Maschinen, um gro\u00dfe Dinge zu bauen &#8211; sie n\u00fctzten die Kraft der Steine, die zu Bogen geformt wurde, wo ein Stein den anderen st\u00fctzte. Auch wenn fast zwei Jahrtausende vergangen sind, seit diese Stadt von Vulkanasche begraben wurde und die gesamte Bev\u00f6lkerung dabei umkam, bleibt in mir das Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Kinder, f\u00fcr die M\u00e4nner und Frauen &#8211; f\u00fcr all die Menschen, die damals erstickten und von Steinen begraben wurden und deren Leben j\u00e4h endete. Die Ausgrabungen von Pompeji sind kein Vergn\u00fcgungspark f\u00fcr sensationsgeladenen Tourismus.\u00a0Danach: Mittagspause an einem der h\u00e4sslichsten Orte am Rande des Weltkulturerbes: bei einem Supermarkt, der der den Charme einer Tiefgarage hat. Allerdings schmecken die Orangen, die ich dort erwerbe, wirklich super und bauen mich wieder auf.<\/p>\n<p>Nun geht es auf den Vesuv. 18 Kilometer Bergmautstra\u00dfe. Ein F\u00fchrer begleitet uns. \u00dcberraschenderweise ist der Krater, aus dem 79 nach Christus der Vesuv ausgebrochen ist und dessen Asche dann Pompeji unter sich begrub, heute dort, wo die Stra\u00dfe hinaufgeht. Der Bus f\u00e4hrt also in den alten Krater hinein. Die urspr\u00fcngliche Form des Vulkans hat sich ge\u00e4ndert. Man sieht noch die Reste des Lavaflusses vom letzten gro\u00dfen Ausbruch aus dem Jahr 1944. Vom Parkplatz sind es nur mehr wenige Meter hinauf bis zum heutigen Kraterrand. Unter uns der Golf von Neapel. Die Farben des Vulkangesteins und die Sedimentablagerungen, die Blicke in den Kraterschlund, die bunte Vegetation da oben: es sind neue Sinneseindr\u00fccke, die besonders sind. Ich nehme einen kleinen Vulkanstein in die Hand und sp\u00fcre die groben, spitzigen Ecken und Kanten. Drinnen glitzert es wie von kleinen Glassteinchen.\u00a0 Ich sp\u00fcre die Hitze, ohne dass sie mich st\u00f6ren w\u00fcrde \u2013 nicht allen Sch\u00fcler*innen geht es so \u00a0&#8211; und ber\u00fchre mit meinen Fingern die gelben Ginsterstr\u00e4uche mit ihren stacheligen \u00c4sten. Ich sp\u00fcre Leben, Wachsen und Vergehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Amalfi-31.jpg' class='thumbnail' \/>Sonntag, 3. Juli 2022 Wieder soll mein Erz\u00e4hlen kein faktenorientierter Bericht \u00fcber die weltbekannten Orte sein, die wir an diesem Tag besuchen. 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