{"id":7802,"date":"2022-08-21T13:13:43","date_gmt":"2022-08-21T13:13:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7802"},"modified":"2023-02-01T05:36:30","modified_gmt":"2023-02-01T05:36:30","slug":"pater-franz-reinisch-inspiration-fuer-friedensbewegtes-denken-und-handeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7802","title":{"rendered":"Pater Franz Reinisch: Inspiration f\u00fcr friedensbewegtes Denken und Handeln"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7805\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rein-1-e1661092269664.jpg\" alt=\"\" width=\"3456\" height=\"4608\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rein-1-e1661092269664.jpg 3456w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rein-1-e1661092269664-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rein-1-e1661092269664-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 3456px) 100vw, 3456px\" \/>Vor 80 Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. August 2022 sind meine Gedanken bei einem Mann, der mir im Laufe des Lebens in vieler Hinsicht Inspiration und Ermutigung gewesen ist. Vor 80 Jahren, am 21. August 1942, wurde der Pallottinerpater Franz Reinisch in Berlin-Brandenburg hingerichtet. Obwohl er als M\u00e4rtyrer starb, steht seine Seligsprechung noch aus. Vor drei Jahren besuchte ich jenen Ort, wo Reinisch und zwei Jahre sp\u00e4ter Franz J\u00e4gerst\u00e4tter durch das Fallbeil starben.<\/p>\n<p><strong>Der einzige katholische Priester mit der Verweigerung des Fahneneides<\/strong><\/p>\n<p>In den Studienjahren war ich in verschiedenen Funktionen in der Katholischen Jugend aktiv. Uns war die Etablierung des Zivildienstes ein gro\u00dfes Anliegen. Es gab damals die Zivildienstkommission. Wer Zivildiener werden wollte \u2013 das hei\u00dft die Wehrpflicht verweigern\u00a0 \u2013 wurde von einer vom Innenministerium eingerichteten Kommission auf seine Gewissengr\u00fcnde gepr\u00fcft. Ich beriet damals junge M\u00e4nner, die zu dieser Kommission gehen wollten, hielt Vortr\u00e4ge und machte Schulungen zum Thema Pazifismus und Wehrdienstverweigerung. In der Kommission selbst wurden die Wehrpflichtigen oft verunsichert. Die Kirche w\u00fcrde doch den Wehrdienst nicht ablehnen, wurde gesagt. Die Kirche w\u00fcrde im Gegenteil die Bedeutung der milit\u00e4rischen Verteidigung als gro\u00dfen Wert sehen. Mit Blick auf J\u00e4gerst\u00e4tter und Reinisch konnte ich aber auf eine andere Geschichte verweisen: Den Vorrang des Gewissens vor jeder \u00e4u\u00dferen Pflichterf\u00fcllung. Fast alle \u201eChef-Posten\u201c in der Di\u00f6zese waren damals noch besetzt von Priestern, die vor allem als Milit\u00e4rgeistliche ihren Dienst in der Wehrmacht geleistet hatten. Damit sei nicht gesagt, dass sie nationalsozialistische Ideologien hatten. Im Gegenteil. Etliche von ihnen erlitten auch die Repressalien in einem Land, in dem in der nationalsozialistischen Herrschaft ein ganz fanatischer Hitler-Fan sein Unwesen als Gauleiter trieb. Den Fahneneid allerdings verweigerte nur einer unter den vielen Priestern: Franz Reinisch.<\/p>\n<p><strong>Politische Begr\u00fcndung<\/strong><\/p>\n<p>Franz Reinisch dachte und handelte politisch und argumentierte seine Verweigerung mit politischen Argumenten. Bereits 1939 \u2013 also schon ganz zu Beginn des Krieges, sagte er: \u201eDen Eid, den Soldateneid auf die nationalsozialistische Fahne, auf den F\u00fchrer, darf man nicht leisten. Das ist s\u00fcndhaft. Man w\u00fcrde ja einem Verbrecher einen Eid geben.\u201c Es waren politische Gr\u00fcnde, die zu seiner Ablehnung von Hitler f\u00fchrten. Seine Gewissensgr\u00fcnde ruhten auf einer politischen Einsicht zu einer Zeit, in der viele \u2013 auch in den Bischofsh\u00e4usern \u2013 eine Rechtfertigung f\u00fcr den Krieg sahen, um den Bolschewismus zu bek\u00e4mpfen. Reinisch durchschaute die Nazi-Propaganda, weil er politisch dachte. Dies ist wohl auch Auftrag f\u00fcr eine Kirche heute, die in einem gewissen Sinne immer auch politisch sein muss.<\/p>\n<p><strong>Vorrang des eigenen Gewissens<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ich denke, rede und handle nicht, was und weil es andere denken, reden, handeln, sondern weil das meine innere \u00dcberzeugung ist!&#8220; So lautet ein Schl\u00fcsselsatz von Pater Reinisch. Er sah sich einer massiven Infragestellung seiner geplanten Verweigerung des Eides ausgesetzt und wurde von den Oberen unter Druck gesetzt. Der Mainstream der Bisch\u00f6fe stand offen einer Verweigerung des Eides entgegen, aber auch in seiner eigenen Ordensgemeinschaft wurde Reinisch heftig kritisiert. Man drohte ihm sogar, ihn aus dem Orden auszuschlie\u00dfen. Pater Reinisch blieb standhaft. Sein Gewissen stand \u00fcber den Direktiven von Oberen. Viele w\u00fcrden ihn sogar als \u201estur\u201c bezeichnen. Er sagte: \u201eSooft ich auch mein Gewissen \u00fcberpr\u00fcfe, ich kann zu keinem anderen Urteil kommen. Und gegen mein Gewissen kann und will ich mit Gottes Gnade nicht handeln. Ich kann als Christ und \u00d6sterreicher einem Mann wie Hitler niemals den Eid der Treue leisten.&#8220;<\/p>\n<p>Reinisch konnte seine Kraft zum Widerstand wesentlich auch aus dem Glauben sch\u00f6pfen, seiner Verbundenheit mit Gott und dem Evangelium. Da kannte er sich als Philosoph und Theologe aus. S\u00e4tze wie \u201eman muss Gott mehr gehorchen als den Menschen\u201c waren f\u00fcr ihn keine leeren Worte, sondern wurden gelebt. Vor allem aber sah er sich als Priester in der Nachfolge Jesu, den man in der herrschenden Diktion aufgrund seines konsequenten Gewaltverzichts wohl auch als \u201estur\u201c bezeichnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dem eigenen Gewissen zu folgen, das hei\u00dft auch manchmal: in Widerspr\u00fcche zu geraten, die unbequem sind, die den Widerstand von Vorgesetzten zur Folge haben k\u00f6nnten und eine herrschende Ordnung st\u00f6ren k\u00f6nnen. Niemand von uns muss aber heute deswegen mit Verfolgung oder gar Tod rechnen. Umso mehr k\u00f6nnte es in vielen Bereichen ein mutiges Handeln geben. Nichts, nein gar nichts, l\u00e4sst sich mit der Nazi-Terrorherrschaft vergleichen. Doch die widerst\u00e4ndische Grundhaltung gilt auch f\u00fcr andere Bereiche: Sowohl politisch wie auch in der Kirche. Meine pazifistischen Grundhaltungen verbunden mit entsprechendem politischem Handeln \u2013 sei es in der Beteiligung an den gro\u00dfen Friedensdemonstrationen gegen die NATO-Nachr\u00fcstung oder im Widerstandscamp gegen die Stationierung von Abfangj\u00e4gern, in der Solidarit\u00e4tsarbeit f\u00fcr die Totalverweigerer oder in der Organisation von Friedenskundgebungen \u2013 all dies gefiel nicht immer bis zu einem Berufsverbot in meiner Heimatdi\u00f6zese. Heute ist es anders. Heute ist Franz J\u00e4gerst\u00e4tter seliggesprochen und Pater Franz Reinisch wird einer der n\u00e4chsten Seligen sein. Die katholische Kirche ist dankbar, Selige des Widerstandes gegen das Naziregime in ihrer Mitte zu haben.<\/p>\n<p><strong>Ermutigung im Heute<\/strong><\/p>\n<p>Nochmals sei gesagt: Das Naziregime ist unvergleichlich. Doch auch heute gilt es hinzuschauen, wo es Krieg und Kriegsvorbereitungen gibt. In \u00d6sterreich ist eine Verdoppelung des Milit\u00e4rbudgets geplant und gerade wurden in meinem Land Panzer- und Artillerie\u00fcbungen durchgef\u00fchrt. Spitzenpolitiker der Gr\u00fcnen haben ihre gewaltfreien Positionen verlassen und setzen sich f\u00fcr Waffenlieferungen an ein kriegsf\u00fchrendes Land ein \u2013 \u201ezur Verteidigung\u201c, wie es hei\u00dft. Der Milit\u00e4rpakt Nato w\u00e4chst und alle Nato-Staaten genauso wie China, Russland, Indien, Israel oder arabische Staaten r\u00fcsten massiv auf. Da tut es eben gut, auf M\u00e4nner wie Pater Reinisch zu schauen, die anders dachten und handelten.<\/p>\n<p>Es ist Sonntag Nachmittag. Ich fahre zu ein paar jener Orte, die mit Reinisch verbunden sind. An der Friedhofsmauer seiner Primizkirche in Innsbruck-Wilten erinnert eine Gedenktafel an Pater Reinisch und seine dort begrabenen Eltern. Ich setze mich in die prunkvolle Basilika, wo er seine Primizmesse gefeiert hatte. Gegen\u00fcber der Primizkirche f\u00fchrt der Pater-Reinisch-Weg zu einer kleinen Gedenkst\u00e4tte mit einem Reinisch-Relief und einem Marienbild. Unter den Namen der &#8222;f\u00fcr die Freiheit \u00d6sterreichs Gestorbenen&#8220; am Freiheitsdenkmal am Eduard Walln\u00f6fer-Platz ist auch der Name Franz Reinisch. Unweit davon in der Gilmstra\u00dfe ist Franz in die Volksschule gegangen. Es geht noch vorbei am Leopoldina-Haus in der B\u00fcrgerstra\u00dfe, an der Johanniskirche und der Herz-Jesu-Kirche, wo jeweils auch Reliefs an Reinisch erinnern. Wichtiger noch als diese \u00e4u\u00dferen Gedenkorte ist es freilich, seinen Geist des Widerstands gegen illegitime Herrschaftsanspr\u00fcche und f\u00fcr ein Leben in der Nachfolge Christi lebendig sein zu lassen.\u00a0 Pater Franz Reinisch. Danke!<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 21.8.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rein-1-e1661092269664.jpg' class='thumbnail' \/>Vor 80 Jahren Am 21. August 2022 sind meine Gedanken bei einem Mann, der mir im Laufe des Lebens in vieler Hinsicht Inspiration und Ermutigung gewesen ist. Vor 80 Jahren, am 21. August 1942, wurde der Pallottinerpater Franz Reinisch in Berlin-Brandenburg hingerichtet. Obwohl er als M\u00e4rtyrer starb, steht seine Seligsprechung noch aus. 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