{"id":8396,"date":"2022-12-07T20:45:55","date_gmt":"2022-12-07T20:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8396"},"modified":"2022-12-08T15:12:04","modified_gmt":"2022-12-08T15:12:04","slug":"die-geschichte-einer-kleinen-muschel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8396","title":{"rendered":"Die Geschichte einer kleinen Jakobsmuschel"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8397\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch am Morgen sitzt ein Fremder am Rande einer gro\u00dfen Stadt am Strand. Die Sonne ist gerade \u00fcber dem Meer aufgegangen. Er liebt Sonnenaufg\u00e4nge. Oft ist er in seinem Leben schon im Dunkel der Nacht auf einen Berg gestiegen, um die ersten goldenen Strahlen zu sehen. In ihnen ist so viel Hoffnung. Er liebt auch die Sonnenunterg\u00e4nge. In ihnen liegen Tr\u00e4nen geborgen. Aber jetzt ist nicht Abend. Und jetzt ist er nicht auf einer Bergspitze. Jetzt h\u00f6rt er das Rauschen der Wellen und sp\u00fcrt den weichen Sand unter den F\u00fc\u00dfen und atmet den frisch-salzigen Wind ein. Er schlie\u00dft die Augen, um die Sinne auf das Meeresrauschen zu konzentrieren. Was erz\u00e4hlt ihm das weite Meer? Vor einem Monat war er auf der anderen Seite, weit dr\u00fcben, wo eine gro\u00dfe Insel ist, an dessen K\u00fcste er mit dem Rad entlangfuhr und sich immer wieder vom salzigen Wasser tragen lie\u00df. Es war eine Zeit einer ganz besonderen sportlichen Freundschaft und eines wunderbaren Teamspiels. Auch dort stand er manchmal fr\u00fch auf, um den Aufgang der Sonne zu sehen. Aber das ist eine andere Geschichte und doch verwandt mit der Gegenwart. Jetzt baut die Sonne mit ihrem Strahl eine goldene Br\u00fccke \u00fcber das Wasser zum einsam Tr\u00e4umenden. Er b\u00fcckt sich, um eine kleine Muschel aufzuheben. Eigentlich will er sie nicht dem Meer wegnehmen, doch dann rechtfertigt er sich: Wahrscheinlich w\u00fcrde sie ohnehin bald von einem der L\u00e4ufer zerbrochen werden, die an diesem Sonntagmorgen bereits am Strand entlanglaufen, oder von den Surfern, die nun mit ihren Brettern kommen, um mit den Wellen zu spielen. Vielleicht ist diese Muschel kein Zufall, sondern ein Geschenk des Meeres. Er m\u00f6chte die Muschel einer lieben Person schenken und ihr damit einen besonderen Sinn verleihen. Noch wei\u00df er nicht wem. Die Muschel ist klein und sch\u00f6n und sandsalzig und braunfarben wie der Sand am Strand und f\u00fchlt sich in seiner Hand fest und zugleich zerbrechlich an. Achtsam und dankbar steckt er sie in seine linke Jackentasche. \u2026<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter. Der Hochgeschwindigkeitszug saust den Lagunen entlang. Die Dezembermorgensonne zaubert wunderbare Farben in die Landschaft, l\u00e4sst die rosa Flamingos noch mehr rosa erscheinen und die wei\u00dfen Schw\u00e4ne noch wei\u00dffarbener. Die r\u00f6tlich-gelben Sumpflandschaften und die mit frischem Schnee \u00fcberzuckerten Berggipfel im Westen tun seiner Seele gut nach all dem vielen Asphalt und dem Beton der Millionenst\u00e4dte, in denen er zuletzt war. Seine Finger fliegen \u00fcber die Tastatur des Notebooks, ohne dass er dabei seine Blicke von der Landschaft drau\u00dfen l\u00f6sen m\u00fcsste. Er muss einen Artikel fertig stellen und sein Kopf ist voll von Gedanken, die nach au\u00dfen dr\u00e4ngen. &#8222;Figueres&#8220; steht auf dem Bahnhofsschild. Oft h\u00e4lt der Zug ja nicht. Es ist die letzte Station vor der spanisch-franz\u00f6sischen Grenze. Eine Frau&nbsp; steigt zu und sitzt ihm nun gegen\u00fcber. Sie legt einige Notizb\u00fccher vor sich auf den Tisch. Manchmal schreibt sie mit ihrer F\u00fcllfeder etwas in ein Notizbuch. Sicher sind es Gedichte. Sie reist mit Rucksack. Beim Hinsitzen schenkte sie dem Fremden gegen\u00fcber ein kurzes Begr\u00fc\u00dfungsl\u00e4cheln. Worte gibt es keine. Nichts wei\u00df er von ihr und doch viel mehr. An der Grenze rinnt ihr eine Tr\u00e4ne \u00fcber die rechte Wange. An was sie wohl denkt? Was schreibt sie in ihr Buch? Welche Musik h\u00f6rt sie? Warum hat sie geweint? Nur achtsam sieht er manchmal zu ihr. M\u00e4nner sollen mit ihren Blicken vorsichtig sein. In seinem zur\u00fcckhaltenden Blick liegt kein Starren, kein Habenwollen, nur ein staunendes Wertsch\u00e4tzen. Wie alt ist sie? Mitte Drei\u00dfig? Seine Gedanken fliegen hin und her zwischen der Landschaft und den St\u00e4dten, die drau\u00dfen vorbeisausen. Figueres wurde im spanischen B\u00fcrgerkrieg besonders oft bombardiert. Salvador Dali ist ihr bekanntester B\u00fcrger. Zuletzt sah er in einem Museum ein Bild von Dali. An der Grenze zu Frankreich werden die P\u00e4sse kontrolliert. Schwerbewaffnete Polizeibeamte gehen durch den Zug. Der Schengenraum ist in diesen Zeiten wohl nur mehr auf Papier. Der Zug saust durch S\u00fcdfrankreich.<\/p>\n\n\n\n<p><em>The unknown fellow traveller<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>I\u2019d like to know<br>what music she is listening now<br>while she is closing her eyes<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>I\u2019d like to know<br>what dreams she feels now<br>while she is listening to the music<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>I\u2019d like to know<br>if dreams and music are real<br>while feeling her presence<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Umsteigen in einer gro\u00dfen franz\u00f6sischen Stadt &nbsp;fragt er sie nach dem weiteren Weg. \u201eSuisse\u201c, ihre Antwort. \u201eMe too\u201c, antwortet er. \u201eSo maybe we see us in the next train again\u201c, ihre kurze Antwort. Zwei Reisende haben nun den gleichen Weg und verlieren sich dann wieder unter den Tausenden, die am Bahnhof warten, ankommen, wegfahren, am Bahnhof, wo Frauen mit Kindern im Tragetuch ihr Bettelgl\u00fcck versuchen, wo Reisende nerv\u00f6s oder gelassen auf die Abfahrtszeiten schauen. In den letzten Wochen, seit er wieder mehr Zeit hat, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, dachte er oft an gro\u00dfe Philosophen und Philosophinnen und brachte sie mit seinem Leben in Verbindung. Albert Camus kommt ihm nun in den Sinn. Er hatte sich w\u00e4hrend dieser Reise immer wieder als Fremder inmitten einer Masse von Menschen erlebt, mehr noch aber als jemand, der sich den Augenblicken \u00f6ffnet, weil in ihnen letztlich der Sinn des Lebens liegt. Beim Warten auf den Anschlusszug \u2013 er ist um eine Stunde versp\u00e4tet \u2013 treffen sie sich wieder. Auch ein weiterer Reisender wird zum Mitreisenden. Nun sind sie zu dritt. Aus Fremden wird ein Team, aus Fremden werden Vertraute. Das Leben bekommt seinen Sinn inmitten des Absurden. Fremdheit l\u00f6st sich auf in einer Seelenverwandtschaft. Wer die drei von au\u00dfen beobachtet, k\u00f6nnte meinen, die sind schon lange miteinander unterwegs. Sie philosophieren miteinander, als s\u00e4\u00dfen sie im H\u00f6rsaal einer philosophischen Fakult\u00e4t und nicht in einem vollbesetzten Sechserabteil des Regionalzuges zur Schweizer Grenze. Sie erz\u00e4hlen sich von dem, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist. Auch wenn er nerv\u00f6s ist, weil er nicht wei\u00df, ob er die weiteren Anschlussz\u00fcge noch erreichen wird oder irgendwo die Nacht auf einem kalten Bahnhof wird verbringen m\u00fcssen, lebt er nun nur noch im Augenblick. Kurz vor dem Aussteigen fragt er sie, ob er ihr etwas in die Hand legen darf. Sie nickt und schlie\u00dft die Augen und f\u00fchlt: \u201eI think I now what it is \u2026\u201c Er darf sich eines ihrer Bildern aussuchen, die sie in eines ihrer Notizb\u00fccher gemalt hatte, &nbsp;und w\u00e4hlt jenes, das ihn an die surrealen Bilder von Salvador Dali oder Picasso erinnert. Ein kostbares Geschenk. Nun ist es so, als h\u00e4tte alles seinen Sinn bekommen. Der Streik der franz\u00f6sischen Bahn und die um zwei Tage versp\u00e4tete Fahrt, das Umbuchen auf einen Erste-Klasse-Platz: es wurde sehr gut im Augenblick. Bald wird sie \u00fcber die Br\u00fccke gehen, mit der jenes Buch beginnt, das er w\u00e4hrend der Fahrt zu lesen begann: Nachtzug nach Lissabon. Auch das wohl kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p><em>the tiny shell<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>the emotions are deep like an ocean<br>you can hear their sound in a shell<br>the mountains are built of shells<br>they can move again<br><br><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bcn-meer-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Fr\u00fch am Morgen sitzt ein Fremder am Rande einer gro\u00dfen Stadt am Strand. Die Sonne ist gerade \u00fcber dem Meer aufgegangen. Er liebt Sonnenaufg\u00e4nge. Oft ist er in seinem Leben schon im Dunkel der Nacht auf einen Berg gestiegen, um die ersten goldenen Strahlen zu sehen. 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