{"id":8419,"date":"2022-12-12T05:14:30","date_gmt":"2022-12-12T05:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8419"},"modified":"2022-12-12T10:55:34","modified_gmt":"2022-12-12T10:55:34","slug":"margarete-im-regen-koenig-stephan-i-im-prunk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8419","title":{"rendered":"Margareta im Regen, K\u00f6nig Stephan I. im Prunk: zwei kontr\u00e4r bleibende Erscheinungsweisen des Christentums"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8426\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie steht allein auf einer Insel. Margareteninsel. Nach ihr ist der gr\u00fcne Streifen zwischen Pest und Buda benannt. Heilige Margareta. Nicht die Gretl mit dem Wurm, die mir beim Namen Margareta sofort einf\u00e4llt, nicht die M\u00e4rtyrerin aus Antiochia, die den bedrohlichen Drachen z\u00e4hmte, anstatt ihn wie der Hl. Georg &#8211; der mir hier in Budapest in Darstellungen auch so oft begegnet &#8211; zu t\u00f6ten, nicht sie wird in Buda und Pest und in Ungarn verehrt. Es ist die daheim kaum bekannte Hl. Margareta von Ungarn. Ihr prominenter Vater war K\u00f6nig Bela IV. Um siegreich im Kampf gegen die Tartaren zu sein, hatte der K\u00f6nig sie schon im Mutterleib dazu bestimmt, dass sie als Nonne und Jungfrau leben solle. Mit ihrer Historie sind wir im 13. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie steht 700 Jahre sp\u00e4ter allein im Regen. Unbeachtet von den Massen. Eine zarte bronzene Statue von ihr. Keine Kolossalstatue sowjetischer Machart. Jemand hat eine Rose in ihre H\u00e4nde gelegt. Sie steht inmitten von Mauerresten, die einst ein Kloster bildeten. Dort hat sie gelebt. Dort hat sie sich um die Armen und Kranken gek\u00fcmmert. In solcher Zuwendung konnten Wunder geschehen, konnten Menschen neue Hoffnung sch\u00f6pfen. Vom Volk wurde Margareta deshalb als Heilige verehrt. Sie steht inmitten von einem Labyrinth. Ein nackter Fu\u00df tritt achtsam hervor, so als beg\u00e4nne sie aus den Kreisen in den Regen zu tanzen und in den Mauerresten, die wie Linien in einem Labyrinth sind. &#8222;Tanze, Margareta, bringe mich auch zum Tanzen,&#8220; so kann ich beten, gegen all die Verzweiflung angesichts einer Welt, die so sichtbar kaputt gemacht wird. Mit ihr scheint ein m\u00e4chtiger Baum ihr gegen\u00fcber zu tanzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum von Pest wurde f\u00fcr ihn eine Kathedrale erbaut. Kein Geb\u00e4ude ist prunktvoller. Mit hoher Kuppel. Kein Geb\u00e4ude durfte h\u00f6her sein, als ungarischer Nationalismus herrschte. M\u00e4chtige Mauern, m\u00e4chtige Portale. Macht. Mit Gewalt und Macht hat er auch regiert und Kriege gef\u00fchrt. Stephan I. zur Jahrtausendwende. K\u00f6nig war er und die Magyaren hat er zu einem K\u00f6nigreich gemacht. Ganz vorne steht er in seinem Prunkbau, wei\u00df leuchtend mit Schwert und mit Krone, seine verweste Hand lagert in einem silbernen Reliquienschrein. Ein \u00d6lgem\u00e4lde zeigt ihn, wie er vor Maria kniet, Schwert und Krone neben sich liegend. Befiehlt ihm die Muttergottes: &#8222;Nimm das Schwert, um zu k\u00e4mpfen und um zu t\u00f6ten!&#8220;, oder bittet sie ihn, &#8222;leg das Schwert beiseite!&#8220;? <\/p>\n\n\n\n<p>Der m\u00e4chtige K\u00f6nig steht nicht im Regen wie Margareta, die mir zuvor auf einsamem Spaziergang begegnete. Tausende dr\u00e4ngen sich in seiner Kathedrale und davor im weihnachtlichen Markt zwischen W\u00fcrsten und Langos und Glitzerl\u00e4mpchen und Weihnachtsdeko im \u00dcberfluss. Seine Krone ziert seit der Macht\u00fcbernahme durch Fidesz das ungarische Staatswappen und befindet sich im Parlamentsgeb\u00e4ude. Keine andere Person wird im ungarischen Nationalismus mehr instrumentalisiert. K\u00f6nig Stephan I., der Herrscher aus dem Jahr 1000, der Zwangstaufen verordnete, der mit Brutalit\u00e4t und Gewalt das erste ungarische K\u00f6nigreich schuf, der aus Machtinteresse nicht davor zur\u00fcckschreckte, seinen Vetter blenden zu lassen und in dessen Ohren Blei gie\u00dfen lie\u00df. Ungeachtet dessen wurde der erste ungarische K\u00f6nig vom Papst bald nach seinem Tod heiliggesprochen. Das ungarische K\u00f6nigshaus war n\u00fctzlich f\u00fcr die Machtinteressen des Papstes. Heute ist er n\u00fctzlich f\u00fcr das Narrativ eines christlichen Abendlandes und damit f\u00fcr eine Abwehr von all dem, was als \u201enicht-christlich\u201c definiert wird. Heiden, Juden oder Muslime. Ein Gem\u00e4lde zeigt ihn, wie er mit Ritterr\u00fcstung im Kampfget\u00fcmmel Menschen aufspie\u00dft. K\u00f6nig Stephan steht f\u00fcr die schlimmste unheilige Allianz: der Verbindung von Kreuz und Schwert. Mir graut, wenn ich seine rechte Hand als Reliquie in einem kostbaren Schrein in einer Seitenkapelle der Stephanskirche sehe. Stephans Hand, die gemordet hat und morden lie\u00df, soll seit 1000 Jahren nicht verrottet sein. Wie wahr: Heute gibt es viele H\u00e4nde, die wie Stephans Hand sind. Das gegenw\u00e4rtige Kriegsgeschehen in der Ukraine ist so nahe. In der Kathedrale des Hl. Stephan kann ich nicht beten, wie ich es tat in den Ruinen des Klosters der Hl. Margareta.<\/p>\n\n\n\n<p>Dankbar bin ich heute f\u00fcr heilende H\u00e4nde, die das Werk von Margareta und nicht das Kriegshandwerk von K\u00f6nig Stephan weiterf\u00fchren: Die heilenden Kr\u00e4fte, die sich um Fl\u00fcchtlinge k\u00fcmmern und sie nicht in brutalen Push-back-Aktionen in neue Verzweiflung sto\u00dfen; die Hunderttausenden H\u00e4nde der Margareta heute: Eltern, die ihre Kinder begleiten; Kinder, die ihre altgewordenen Eltern unterst\u00fctzen; einfach \u00fcberall dort, wo eine Hand aufrichtet und tr\u00f6stet. Die Hand der Heiligen Margareta braucht keinen Reliquienschrein und verwest nicht. Sie \u2013 und nicht K\u00f6nig Stephan \u2013 soll die Zukunft des Christentums sein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Margareteninsel-Budapest, Dezember 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Margareta-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Sie steht allein auf einer Insel. Margareteninsel. Nach ihr ist der gr\u00fcne Streifen zwischen Pest und Buda benannt. Heilige Margareta. Nicht die Gretl mit dem Wurm, die mir beim Namen Margareta sofort einf\u00e4llt, nicht die M\u00e4rtyrerin aus Antiochia, die den bedrohlichen Drachen z\u00e4hmte, anstatt ihn wie der Hl. 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