{"id":8464,"date":"2022-12-17T15:01:08","date_gmt":"2022-12-17T15:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8464"},"modified":"2022-12-17T22:09:59","modified_gmt":"2022-12-17T22:09:59","slug":"buda-und-pest-und-ein-eintauchen-in-vergangenheit-und-gegenwaertigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8464","title":{"rendered":"Buda und Pest und ein Eintauchen in Vergangenheit und Gegenw\u00e4rtigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber das Fahren mit Zug<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8465\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Grau-neblige N\u00e4sse liegt \u00fcber der Landschaft, die drau\u00dfen vorbeizieht. Die Seele sehnt sich nach Licht- und Farbpunkten. Das Licht der Sonne kommt nicht durch. Umso wertvoller sind Menschen, die sich Licht und Farben schenken, sind Begegnungen dort, wo es dunkel ist und W\u00e4rme, dort wo es kalt ist. (\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zug von Wien nach Budapest. Es ist der gleiche \u00d6BB-Railjet, in dem ich schon seit 5:10 Uhr sitze, als ich im Dunkel eines Morgens einstieg. Nur der Nebel scheint noch dicker geworden zu sein und die Feuchtigkeit drau\u00dfen noch feuchter. Und doch beginnt ab der Grenze \u00d6sterreich-Ungarn ein anderes Leben. Vollbesetzt ist der Zug nun.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen haben eigenartige Geldscheine \u2013 ungarische W\u00e4hrung. Sie erinnert an ein vergangenes Jahrhundert. Ich hatte schon vergessen, dass es in der EU noch L\u00e4nder gibt, in denen nicht der Euro regiert. Ein Forint entspricht 0,0025&nbsp;Euro. Der Umrechnungskurs zeigt schon an: Ungarn ist ein Land mit hoher Inflation. Zuletzt bei 22 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Jahre ist es her, seit meine Tochter in Wien studierte und wir damals \u2013 2016 \u2013 nach Budapest fuhren. Mein Leben war noch so anders. In Wien ist heute eine Familie aus Wien eingestiegen \u2013 wie eine Best\u00e4tigung f\u00fcr all die Deix-Karikaturen. Ihre Essensgespr\u00e4che bewegen sich zwischen der Alternative von Leberkassemmel und Schnitzelsemmel und in ausgepr\u00e4gtestem Wienerslang erfahre ich, dass eine Gro\u00dfpackung W\u00fcrstel beim Lidl 6 Euro kostet. Kurz sitzen ein Mann und eine Frau aus Israel gegen\u00fcber. Der Mann hat polnische Wurzeln. Seine Familie wurde in der Shoah ausgerottet. Wir reden nicht \u00fcber die W\u00fcrstelpreise bei Lidl, sondern \u00fcber die Situation in Israel und in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten. Nach dem Regierungswechsel ist dort die Aussicht auf Frieden nochmals geschrumpft. Menschen, die nun zugestiegen sind, sehen anders aus. Ungarisch. Reden anders. Ungarisch. Einige von ihnen d\u00fcrften auch Sinti sein. Zugfahren ist Kontakt mit Menschen, die man sich nicht aussucht, die zugleich ein authentisches Spiegelbild unserer Gesellschaft sind. Manche sind nerv\u00f6s und verbreiten Nervosit\u00e4t, manche sind gelassen und verbreiten Gelassenheit, manche strahlen Freundlichkeit aus und vermehren Freundlichkeit, manche sind grantig und Grant breitet sich um sie aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gell\u00e9rt, der Stadtpatron von Budapest<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bedrohlich wirkt die bronzene Kolossalstatue des Hl. Gerhard dort, wo der nach ihm benannte H\u00fcgel beginnt. In der rechten Hand h\u00e4lt er ein goldenes Kreuz hoch, zu seinen F\u00fc\u00dfen kauert eine Gestalt, die der Heilige gerade vom \u201eHeidentum\u201c \u2013 so die Legende \u2013 bekehrt hat. Das Kreuz wurde zum Herrschaftszeichen, das Kreuz als Waffe gegen Menschen, die einen anderen Glauben hatten. Wo immer ich in den letzten Wochen hinkam, begegnete mir diese Herrschaftsgeschichte des Christentums. Hier in Ungarn wieder besonders. Der Hl. Gerhard ist nicht irgendein unbedeutsamer Heiliger f\u00fcr das ungarische Volk. Er ist der erste M\u00e4rtyrerbischof und zur Symbolfigur des ungarischen Christentums geworden. Im 11. Jahrhundert soll der Hl. Gerhard Bischof gewesen sein, enger Vertrauter von K\u00f6nig Stephan I. und besonders aktiv in dem, was in der christlichen Herrschaftsgeschichte als Heidenmission bezeichnet wird. Auf dem Gellerth\u00fcgel sollen \u2013 lange vor der Geschichte des missionierenden Bischofs \u2013 Hexen ihre Kulte gefeiert haben. An ihre Religion, ihre Kulte und Br\u00e4uche, ihre T\u00e4nze und ihre Verbundenheit erinnert heute nichts mehr auf dem H\u00fcgel des Gellert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz oben steht eine Freiheitsstatue \u2013 auch wieder so ein Herrschaftszeichen. Diesmal ein s\u00e4kulares, errichtet als Zeichen der Befreiung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die bronzene Frauengestalt steht auf einem monstr\u00f6sen Betonsockel. Sie h\u00e4lt in Siegespose einen Palmenwedel zwischen ihren in den Himmel ausgestreckten H\u00e4nden. Heue sehe ich die Statue hinter einem Stacheldraht. Vor allem mit Blick auf die menschenrechtswidrige Behandlung der Fl\u00fcchtlinge durch die ungarische Staatsregierung unter Orban ist diese Symbolik passend \u2013 gerade am Tag der Erkl\u00e4rung der Menschenrechte. Die Freiheit ist zu einem Denkmal erstarrt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ungarn-freiheit-1-scaled.jpg\"><img src=\"\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Pal\u00e4ste, Burgen und H\u00f6fe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, ich w\u00e4re zuletzt ein Sammler von UNESCO-Weltkulturerbe-St\u00e4tten geworden. Es passiert jedoch ungeplant und zuf\u00e4llig, dass ich dar\u00fcber stolpere. So wie das Erleben der Palastanlagen Alcazira in Sevilla, Montserrat bei Barcelona oder der Strand in San Sebastian, das nur ein paar Tage zur\u00fcck liegt. Der Gellerth\u00fcgel, die Palastanlagen auf der Burg Buda und die Silhouette des Parlaments und der Br\u00fccken \u00fcber die Donau gelten auch als UNESCO-Weltkulturerbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ausgehenden Tag \u2013 und das ist um diese Jahreszeit schon um 16.00 Uhr \u2013 versuche ich die Gr\u00f6\u00dfe und die Ausma\u00dfe zu begreifen, in einem Museum, das die Geschichte erhellt, von K\u00f6nigen erz\u00e4hlt, die hier residierten und wieder die Macht verloren, von der islamischen Herrschaft, in der eine gotische Kapelle als Moschee benutzt wurde, bevor Muslime wieder von christlichen kriegerischen Herrschern \u2013 gerade so wie bei der Reconquista in Spanien \u2013 blutig vertrieben worden sind. Das Renaissance-Schloss, die Kuppeln, Mauern, Tore und H\u00f6fe der Burg erz\u00e4hlen von vergangener Macht und Herrlichkeit und erscheinen durch die Beleuchtung und im Dezemberregen noch m\u00e4chtiger.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Historische Streifz\u00fcge durch Buda und Pest<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Dezembers ist es kalt in der Metropole Ungarns, feuchtkalt. K\u00e4me die Sonne heraus, schaffte sie es nicht in die H\u00e4userschluchten zu w\u00e4rmen und zu strahlen. Selbst die glitzernden und leuchtenden Weihnachtsdekorationen sind in dieser Stadt viel sp\u00e4rlicher, als ich sie zuletzt in den spanischen Gro\u00dfst\u00e4dten von Barcelona, Sevilla, Madrid und Donastia erlebte. Energetisch gesehen ist das kein Nachteil. Vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude Ungarns steht ein Weihnachtsbaum mit Tausenden bunten LED-L\u00e4mpchen, vor der Kathedrale St. Stefan gibt es einen Weihnachtsmarkt. Das ist es schon. Daf\u00fcr gilt wohl umso mehr: W\u00e4rme entsteht vielmehr dort, wo Menschen sich achtsam begleiten und liebevoll begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwischen zerfallender Pracht und Wiederaufbau und einer Flucht in die H\u00fcgel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Etliche der Prachtbauten in den gro\u00dfen Stra\u00dfenz\u00fcgen, die l\u00e4rmend sind von den Tausenden Autos, die noch mehr l\u00e4rmen, wenn die Stra\u00dfen regennass sind, wirken trostlos und verlassen. Riesenfenster scheinen l\u00e4ngst nicht mehr zu dichten; von einst pr\u00e4chtigen Fassaden br\u00f6ckelt der Verputz. Es ist, als tr\u00fcgen solche Bauten noch die Sch\u00e4den der vergangenen Kriege, die Ungarn alle verlor. Den Ersten Weltkrieg, der f\u00fcr Ungarn bedeutete, zwei Drittel seines urspr\u00fcnglichen Landes zu verlieren. Den Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende die Eingliederung in den Ostblock war. Den blutigen Aufstand 1956, der mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen nochmals blutiger niedergeschlagen wurde. W\u00e4hrend ich durch die Stra\u00dfen Budapests gehe, bin ich oft gedankenversunken in der Geschichte. Menschen, die schwarz wirken im Dunkel der Stra\u00dfenz\u00fcge im Dezembergrau einer Gro\u00dfstadt, im Erdgescho\u00df so manches Gesch\u00e4ft, bei dem man sich wundern kann: Wird wirklich jemand mit Blick auf den Ramsch in den Auslagen so ein Gesch\u00e4ft betreten? Der Duft von einem Kaffee und junge Menschen, die darin arbeiten, schenkt zwischendrin Hoffnung, sich dann wieder als Winzling f\u00fchlen inmitten von H\u00e4usern, die so massiv den Horizont begrenzen. 50 Jahre kommunistische Planwirtschaft haben so viel kaputt gemacht, dass es wohl weitere 50 Jahre dauern wird, bis neues Leben wird sein k\u00f6nnen. Da tut es gut, hinauszugehen in die H\u00fcgel am Rande der Stadt, im feuchtgrauen Nebel kleine Steige zu einem Turm hinauf steigen, der in das Grau des Nebels reicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschlie\u00dfend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in diesen vier Tagen \u2013 von denen zwei mit viel Reisezeit verbunden waren \u2013 etwas in das Leben und die Geschichte Budapests und damit Ungarns eintauchen k\u00f6nnen. Es waren Stunden, die mir halfen, ein wenig mehr wieder die Welt zu verstehen \u2013 und damit mich selber auch als jemand in dieser Welt zu begreifen. Der tosende Verkehr in den Stra\u00dfen Budapests hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie unsere Welt einem apokalyptischen Untergang entgegenf\u00e4hrt und ich w\u00fcnschte mir, ich h\u00e4tte den Mut zum Widerstand der Menschen der \u201eletzten Generation\u201c. Die Erinnerung an eine Geschichte, die so sehr mit jener von \u00d6sterreich verkn\u00fcpft ist, macht einerseits wieder neu betroffen, andererseits schenkt sie auch Hoffnung, dass fundamentale \u00c4nderungen m\u00f6glich w\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/ung-bud-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>\u00dcber das Fahren mit Zug Grau-neblige N\u00e4sse liegt \u00fcber der Landschaft, die drau\u00dfen vorbeizieht. Die Seele sehnt sich nach Licht- und Farbpunkten. Das Licht der Sonne kommt nicht durch. Umso wertvoller sind Menschen, die sich Licht und Farben schenken, sind Begegnungen dort, wo es dunkel ist und W\u00e4rme, dort wo es kalt ist. 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