{"id":8546,"date":"2023-01-07T15:12:27","date_gmt":"2023-01-07T15:12:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8546"},"modified":"2023-01-10T19:40:21","modified_gmt":"2023-01-10T19:40:21","slug":"rueck-und-ausblicke-auf-mein-theologisches-suchen-im-angesicht-einer-benedikt-xvi-nostalgie-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8546","title":{"rendered":"R\u00fcck- und Ausblicke auf mein theologisches Suchen im Angesicht einer Benedikt XVI.-Nostalgie \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8551\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>20er-Jahre Theologinnen und Theologen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind alle Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geboren. Kinder der Zwischenkriegszeit sind es. 1926 J\u00fcrgen Moltmann, der die \u201eTheologie der Hoffnung\u201c begr\u00fcndete, 1928 Johan Baptist Metz, der Vater der \u201ePolitischen Theologie\u201c, 1928 Gustavo Gutierrez, einer der Gr\u00fcnder der Befreiungstheologie, 1929 Dorothee S\u00f6lle mit ihrem \u00f6ko-feministischen Ansatz. In meinen Studienjahren las ich ihre B\u00fccher, die mich seither auf verschiedenen Lebensetappen begleiten. Auch Joseph Ratzinger f\u00e4llt mit dem Geburtsjahr 1927 in diese Zeit. Auf meine Lebensfragen \u2013 oder um es mit Martin Heidegger zu formulieren: auf die Herausforderungen des Geworfenseins in diese Welt &nbsp;&#8211; gab mir Ratzingers Theologie keine Antworten. Sie lagen woanders. Das vorherrschende Gottesbild vom &#8222;allm\u00e4chtigen Vater&#8220; sowie die Jenseitsvertr\u00f6stung waren f\u00fcr mich nicht relevant.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Politische Theologie von Metz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Religion k\u00f6nne auf den Begriff \u201eUnterbrechung\u201c reduziert werden, sagte Metz. Existenziell gesehen ist diese keine Leeraussage, sondern f\u00fcr mich immer wieder erfahrbar. Dort, wo die Hoffnungslosigkeit im Alltag unterbrochen wird durch einen Augenblick der Hoffnung, wo die Traurigkeit durch ein tr\u00f6stendes Wort unterbrochen wird, dort ist auch f\u00fcr mich Religion erfahrbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGott ist tot\u201c und doch lebt das G\u00f6ttliche woanders<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dorothee S\u00f6lle lie\u00df sich &#8211; wie beispielsweise auch Karl Rahner &#8211;  vom Existenzialismus eines Martin Heidegger beeinflussen. &nbsp;\u201eDasein ist das Hineingehaltensein ins Nichts.\u201c, zitierte sie gerne ihr philosophisches Vorbild. Theologisch gewendet liegt hier auch die Gott-ist-tot-Theologie. Die \u201eGott-ist-tot\u201c-Ansage einer Dorothee S\u00f6lle Ende der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts bleibt aktuell. \u201eIch glaube nicht an Gott \u2026\u201c, war eine der Kernaussagen vieler Jugendlicher, die in meinen Religionsunterricht kamen. Sie mussten ihn als Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eines katholischen Privatgymnasiums besuchen. Ihre Eltern waren nicht geboren, als Dorothee S\u00f6lle bereits formulierte: \u201eGott ist tot.\u201c Sie meinte damit \u2013 ganz in der Tradition der klassischen Religionskritik von Feuerbach, Marx, Nietzsche, Sartre \u2026 &#8211; dass es diesen tradierten omnipotenten Himmelsvatergott mit seinen Vertr\u00f6stungsfunktionen nicht mehr geben darf. K\u00f6nnte ich es heute \u00fcberspitzt auf den Punkt bringen mit dem Satz: Ich glaube nicht an den Gott, wie er in der Theologie von Ratzinger-Papst-Benedikt propagiert wird? Im Sinne vom dialektischen Denken von Theodor Adorno bedeutet diese Negation, dass sie mich zu einer anderen Position f\u00fchrt, zu einem ganz anderen Gottesbild, das ich \u2013 wieder auch ganz in der Tradition von S\u00f6lle-Boff &amp; Co \u2013 im Leben und der Botschaft Jesu wiederfinde. Kein Gott der Vertr\u00f6stung, sondern der radikalen Menschenliebe, kein Gott der Bewahrung, sondern ein Gott der Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reich Gottes als zentrale Kategorie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das erste, freiwillig gew\u00e4hlte bibeltheologisches Seminar &nbsp;in meinem Theologiestudium w\u00e4hlte ich bei Nikolaus Kehl. \u201eDie Gottesherrschaft als Handlungsprinzip\u201c lautete der Titel \u2013 und das gleichnamige Buch dazu von Helmut Merklein.&nbsp; Wir lassen dazu neutestamentliche Texte im griechischen Original. Im Zentrum des christlichen Glaubens, so die Quintessenz, steht das \u201eReich Gottes\u201c, die \u201eGottesherrschaft\u201c \u2013 aber nicht als Vertr\u00f6stungsgr\u00f6\u00dfe, sondern in ihrer radikalen diesseitigen M\u00f6glichkeit. Dieses Verst\u00e4ndnis ist wohl auch zentral f\u00fcr die Befreiungstheologien. Der Schweizer Theologe Urs Eigenmann zeigt in einem Artikel auf, dass Joseph Ratzinger\/Benedikt XVI. vor allem in seinem Jesusbuch mehrmals die Reich-Gottes-Botschaft Jesu verneint, ja das Denken in Reich-Gottes-Kategorien sogar einer satanischen Versuchung gleichsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bewahrende Theologie des Katechismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Theologie von Joseph Ratzinger f\u00fchrte ihn selbst nicht zu politischen Nachtgebeten wie bei Dorothee S\u00f6lle. Ratzinger war als damals junger Theologe in T\u00fcbingen und Regensburg nicht zu finden, als Menschen zu Tausenden gegen den Vietnamkrieg auf die Stra\u00dfe gingen. Die 60er-Jahre waren gepr\u00e4gt von solchen Aufst\u00e4nden, von einem Aufbegehren. Als junger Theologieprofessor verlie\u00df Ratzinger aus Protest gegen die Studentenbewegung die Universit\u00e4tsstadt T\u00fcbingen und ging nach Regensburg, wohin der Aufbruch bislang noch nicht gekommen war. W\u00e4hrend die Religion zu finden war, als die V\u00f6lker in Afrika sich von den Kolonialherren befreiten und in Lateinamerika Christinnen und Christen versuchten, sich aus den Diktaturen zu l\u00f6sen, baute Ratzinger seine Theologie lieber auf Augustinus auf und blieb wohl dabei. Dass man sich auf Augustinus beziehen kann als Inspiration zum Widerstand, zeigte uns freilich auch das Beispiel von Sophie Scholl. Selbst eine Augustinus-Rezeption l\u00e4sst also verschiedene Wege zu, die in eine gegens\u00e4tzliche Richtung gehen k\u00f6nnten: Im Sinne einer radikalen Ernstnahme der &#8222;Liebe&#8220; &#8211; die nicht im Sinne einer Verjenseitigung und Vertr\u00f6stung gesehen wird, sondern als im Menschlichen realisierte G\u00f6ttlichkeit, nicht aber als in eine Transzendenz und Jenseitigkeit hin verlagerte Vertr\u00f6stungskategorie mit all den Abwertungen und Missachtungen vor allem im Bereich der Sexualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Interview wurde Dorothee S\u00f6lle einmal gefragt, ob sie an eine &#8222;Auferstehung&#8220; im Jenseits glaube. Ihre Antwort damals: &#8222;Daran denke ich nicht!&#8220; Mir ist bewusst, dass im Pers\u00f6nlichen der Ansatz der Vergegenw\u00e4rtigung und der Ausschluss einer bestimmten Jenseitshoffnung auch gef\u00e4hrliche und vor allem schmerzhafte Dimensionen enth\u00e4lt. Da hei\u00dft es eben, sich nicht mit bestimmten Zust\u00e4nden abzufinden, sondern f\u00fcr eine Verbesserung der Lage einzutreten. Das bedeutet im Pers\u00f6nlichen manchmal, eine radikale Einsamkeit zu ertragen und den Schmerz, wenn Vers\u00f6hnung nicht gelingen mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 7.1.20243<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/lams-20-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>20er-Jahre Theologinnen und Theologen Sie sind alle Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geboren. Kinder der Zwischenkriegszeit sind es. 1926 J\u00fcrgen Moltmann, der die \u201eTheologie der Hoffnung\u201c begr\u00fcndete, 1928 Johan Baptist Metz, der Vater der \u201ePolitischen Theologie\u201c, 1928 Gustavo Gutierrez, einer der Gr\u00fcnder der Befreiungstheologie, 1929 Dorothee S\u00f6lle mit ihrem \u00f6ko-feministischen Ansatz. 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