{"id":8975,"date":"2023-05-16T15:55:13","date_gmt":"2023-05-16T15:55:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8975"},"modified":"2023-07-19T14:06:18","modified_gmt":"2023-07-19T14:06:18","slug":"bora-karst-und-dichter-impressionen-aus-triest-und-seiner-umgebung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8975","title":{"rendered":"Bora, Karst und Dichter: Impressionen aus Triest und seiner Umgebung \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8980\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn ich ein paar Wesensbeschreibungen miteinander vermische, dann kommt eine Stadt und ihre Umgebung heraus, die mich einmal mehr tiefer in das Sein dieser Welt und in die Geschichte und Kultur Europas eintauchen lassen. Ich \u00f6ffne mich den Eindr\u00fccken, die mir Hilfe sein k\u00f6nnen, tiefer zu begreifen, und erfahre mein Sein und Wollen in den mir unbekannten Lebensr\u00e4umen. Mein mit Triest wohl vertrauter Freund hilft mir dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kr\u00e4ftiger bis st\u00fcrmischer Wind aus dem Norden \u2013 er soll manchmal so stark sein, dass er den hier lebenden Menschen die Brille vom Gesicht rei\u00dft und man sich zumindest eine allf\u00e4llige Baseballm\u00fctze, fr\u00fcher waren es H\u00fcte, festhalten sollte. Auch wir konnten ihn sp\u00fcren. Er brachte am ersten Tag unseres Hierseins zugleich dicke Regenwolken mit sich, die sich \u00fcber uns in F\u00fclle entluden, w\u00e4hrend wir von den karstigen H\u00f6hen oberhalb in die Hafenstadt radelten und w\u00e4hrend sich die Schuhe mit Wasser ansaugten. Ich hatte dann das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde ich im Wasser waten. Im ausladenden Eingangsportal der Synagoge streiften wir uns die triefnassen Klamotten ab und w\u00e4rmten uns im nahen Caf\u00e9 San Marco, in dem James Joyce viele Jahre seines Lebens Stammgast war. Der Wind ist eine Spezialit\u00e4t dieser Stadt und hat einen eigenen Namen bekommen. \u201eBora\u201c. In mir wird das Bild einer Frau bleiben, die im Sturm hinter einem Elektrokasten Schutz und Halt suchte und wartete, bis ihr ein junger Mann helfen konnte, mit ihr \u00fcber den Zebrastreifen zu gehen, ohne vom Wind umgeworfen zu werden. Ich ging bis ans Ende der Mole am Hafen und hielt meine Brille fest und lie\u00df mich von der Gischt der vom Wind aufgew\u00fchlten Wellen anspritzen. So konnte ich jedenfalls auch in der Stadt Kr\u00e4fte der Natur sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Oberhalb der Hafenstadt, die nicht die un\u00fcbersichtliche Gr\u00f6\u00dfe der ganz gro\u00dfen Hafenst\u00e4dte wie Genua, nicht den touristischen Hype wie die nahe Tourismusmhochburg Venedig oder auch nicht die nie endenden Satellitenst\u00e4dte anderer Gro\u00dfst\u00e4dte aufweisen, oberhalb der hellen senkrechten Kalkfelsen beginnt der Karst mit mediterraner Vegetation, dicken Laubw\u00e4ldern und Str\u00e4uchern darunter. Es war ein Sonntagvormittag, als wir an den hell-wei\u00dfen Felsen oberhalb des Meeres entlangfuhren, wo ein junges Paar mit Eleganz die 7+Stellen der \u00fcberh\u00e4ngenden Boulderfelsen erkletterte. Gelb bl\u00fchten Ginsterstr\u00e4uche und wei\u00df der Holunder. Ich mag die Natur, die Fauna und Flora, das Zwitschern der V\u00f6gel, den Duft der Pflanzen und immer wieder ber\u00fchrte ich einen Stein oder ein regennasses Blatt. Die Regenf\u00e4lle der letzten Wochen lie\u00dfen jetzt Mitte Mai alles noch gr\u00fcner erscheinen und ich dachte an die D\u00fcrre in den Sommermonaten des letzten Jahres. So verliere ich kein schlechtes Wort \u00fcber den Regen und seine N\u00e4sse, auch wenn es sich seltsam anf\u00fchlt, in der Mitte des Mais so gekleidet zu sein \u2013 mit Kappe und Primaloftjacke \u2013 wie bei einer Skitour daheim mitten im Winter.&nbsp; Die Steine auf den Trails waren rutschig nass und auf den Forstwegen hatten sich Wasserlachen gebildet, in deren Br\u00e4une sich die grauen Regenwolken spiegelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hinterland von Triest, im Karst und in den W\u00e4ldern, in denen Kriegsherren auf Friedenskonferenzen Grenzen zogen, um Herrschaftsgebiete einmal so, ein andermal so abzustecken, dort gibt es seit vergangenem Sommer ein riesiges Waldgebiet, wo B\u00e4ume nicht gr\u00fcn sind, sondern als schwarze Holzgestalten wie mahnend die verkohlten St\u00e4mme und \u00c4ste in den Himmel strecken. Im Kontrast zu den schwarz-braun-verkohlten St\u00e4mmen sind die wei\u00dfen Kalksteine am Boden. Bald ein Jahr ist es her, seit hier viele Tausend Hektar Wald ein Raub der Flammen wurden \u2013 wie in vielen L\u00e4ndern Europas, als die B\u00f6den von wochenlanger Hitze verdorrt waren. Die Mountainbike-Route von Triest in Richtung G\u00f6rz f\u00fchrte uns mitten hindurch, hoch hinauf auf einen H\u00fcgel. Weit hinten war die Weite des Meeres und im Osten ragten die Bergketten Sloweniens heraus, im Westen die Bademetropolen von Caorle, Jesolo und Bibione. G\u00f6rz lag in einer gr\u00fcnen Ebene unterhalb. \u00dcber die Grenze zwischen Italien und Slowenien sind wir durch dicke unber\u00fchrte Waldlandschaft und zwischendrin kleine slowenische D\u00f6rfer gekommen. Irgendwo im Wald zwischen den Str\u00e4uchern markierte ein Schild den Grenz\u00fcbergang zwischen Italien und Slowenien. Es sind die W\u00e4lder, in denen in den beiden verheerenden Weltkriegen Menschen aufeinander schie\u00dfen mussten, damit L\u00e4nder ihre Grenzen erhielten, die heute ihre Bedeutung verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine dritte Wesenseigenheit von Triest ist die Erinnerung an bedeutsame Literaten des vergangenen Jahrhunderts, die hier lebten und gro\u00dfartige Werke schufen. Am meisten f\u00fchle ich mich mit James Joyce verbunden \u2013 und es stimmt, was mein literaturkundiger Freund fast kritisch bemerkte: Die literarischen Werke versuche ich erstens immer auch zu lesen mit Blick auf die Biographien, die hinter den Autorinnen und Autoren stehen, und zweitens mit Blick auf mein eigenes Erfahren und Ertr\u00e4umen. Unser Campingplatz lag dann auch passend gleich am Beginn des Rilke-Weges, welcher der K\u00fcste entlang zu jenem Schloss f\u00fchrt, wo Rilke durch seine Kunstm\u00e4zenin seine Schaffenskraft entfalten konnte. In den Werken von Joyce und Rilke und anderer Dichter verdichtet sich auch das, was Triest einzigartig macht und in der Historie dieser Stadt seine Wurzeln hat. Die Geschichte der Stadt und damit ihrer Bev\u00f6lkerung ist gepr\u00e4gt von Begegnungen und Verschmelzung und Abgrenzungen zwischen unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Ethnien und vor allem auch divergierenden Machtinteressen. Die Stadt hat den Stempel einer 500-j\u00e4hrigen Habsburger-Geschichte. Mit Triest verwirklichte sich das Habsburger-Reich seinen Traum von einem eigenen Hafen am Meer. Im Schloss Miramari und den weiten Gartenanlagen ebendort konnten wir noch den imperialen Charakter des Habsburger-Reiches und die traurige Geschichte vom habsburgischen Mexiko-Kaiser Maximilian I. und seiner Frau Charlotte nachempfinden. Welche Irrl\u00e4ufe kennt doch die Geschichte der Menschheit, die nur im Wahnsinn enden k\u00f6nnen! Der Irrlauf heute hat wohl Namen wie Klimawandel und Aufr\u00fcstung. Die Pal\u00e4ste rund um den zentralen Platz in Triest demonstrieren noch heute die Macht und den Wohlstand, die die Habsburger hier zur Schau stellen wollten. Triest k\u00f6nnte heute zugleich ein Lehrbeispiel f\u00fcr die Zukunft sein: F\u00fcr eine Freiheit ohne die Bevormundungen durch Kaiser und K\u00f6nig, wo die Menschen in Freiheit \u00fcber ihre Geschicke entscheiden. Nie mehr soll es sein, dass Herrscher ihre Macht gegen Menschen missbrauchen, dass Menschen sich vor Menschen verstecken m\u00fcssen, wie wir im Bunker vom Schloss Duino nachempfanden. Und in all dem die Kirchen und Religionen? Auch hier gilt es wohl, die Ambivalenzen zu sehen. In meiner Erinnerung wird bleiben der Besuch einer gotischen Kirche &#8211; ihre Anf\u00e4nge reichen zur\u00fcck bis in die Langobardenzeit &#8211; in der in der Apsis gr\u00fcne Pflanzen um Karststeine wachsen und wo dazwischen ein wenig von jenem Wasser rinnt, das in F\u00fclle zauberhaft aus Karstquellen flie\u00dft, die sich vor der Kirche befinden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/trie-joyce-4-2-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Wenn ich ein paar Wesensbeschreibungen miteinander vermische, dann kommt eine Stadt und ihre Umgebung heraus, die mich einmal mehr tiefer in das Sein dieser Welt und in die Geschichte und Kultur Europas eintauchen lassen. 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