{"id":9760,"date":"2023-12-22T19:26:50","date_gmt":"2023-12-22T19:26:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9760"},"modified":"2026-02-03T07:42:54","modified_gmt":"2026-02-03T07:42:54","slug":"von-der-bleibenden-diskriminierung-gleichgeschlechtlicher-und-irregulaerer-beziehungen-in-einer-vatikanischen-festlegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9760","title":{"rendered":"Von der bleibenden Diskriminierung gleichgeschlechtlicher und \u201eirregul\u00e4rer Beziehungen\u201c in einer vatikanischen Festlegung"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ausgangspunkt: Vom Segen der Sexualit\u00e4t in ganzheitlichen Beziehungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Lehrperson f\u00fcr katholische Religion an einer Oberstufe konnte ich immer wieder Antwort geben auf die kritischen Anfragen, warum Religionen gegen Homosexualit\u00e4t seien. Das gab Gelegenheit, um mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern genau hinzusehen auf die Bibel, die von Beginn an davon spricht, dass das Menschsein in seiner Ganzheit als g\u00f6ttliches Geschenk gesehen werden kann. Dieser Grundansatz inkludiert auch die hohe Wertsch\u00e4tzung der menschlichen Sexualit\u00e4t in ihrer biologisch-psychischen Vielf\u00e4ltigkeit, die auf Liebe und Partnerschaft hin orientiert ist. Der rote Faden durch alle biblischen Schriften lautet: in der ganzheitlichen Liebe offenbart sich g\u00f6ttliche Gegenw\u00e4rtigkeit. Wo Partnerschaft und liebende Annahme als gnadenhaftes Geschenk erfahrbar werden, kann sich der Himmel \u00f6ffnen. Diese Grunderfahrung \u2013 so zeigt es uns die \u201eNatur\u201c des Menschen, unterscheidet nicht ob hetero, schwul, lesbisch, bi, divers oder queer. Wo zwei Menschen ein Ja f\u00fcreinander sp\u00fcren und leben, wo sie sich im Alltag st\u00e4rken und beschenken \u2013 dort ist g\u00f6ttlicher Segen ganz nahe. Jede Diskriminierung von Beziehungen, die nicht dem gesellschaftlich vorherrschenden Hetero-Muster entsprechen, ist unbiblisch. Jede implizite Verurteilung von Partnerschaften, die nach einer Trennung oder Scheidung geschehen und auch als Geschenk eines neuen Anfangs erlebt werden, ist unbarmherzig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Segnen mit vielen \u201eAber\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit solchem Prolegomenon in meinem Kopf und Herzen habe ich in den letzten Tagen die vatikanische Erkl\u00e4rung \u201eFiducia supplicans\u201c \u00fcber die Segnung homosexueller Paare studiert und Reaktionen dar\u00fcber geh\u00f6rt und gelesen und mit anderen Menschen dar\u00fcber gesprochen. Auch ich versuchte anfangs in Rechtfertigung meines eigenen Katholischseins noch das Gute an dieser Erkl\u00e4rung herauszufinden, wie es in der \u00d6ffentlichkeit meist rezipiert und selbst von katholischen Organisationen verst\u00e4rkt wurde. Da wurde landauf landab erkl\u00e4rt, dass nun die katholische Kirche sich von Homosexuellenfeindlichkeit gel\u00f6st habe, in dem die Segnung homosexueller Paare nun erlaubt sei und dass damit ein wesentlicher Sprung in Richtung Gleichberechtigung gesetzt worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Um was geht es aktuell? Die oberste vatikanische Glaubensbeh\u00f6rde \u2013 das Dikasterium \u2013 hat in einem am 18. 12. 2023 ver\u00f6ffentlichten und von Papst Franziskus genehmigten Schreiben die Segnung von homosexuellen Paaren erlaubt. Und jetzt kommen die vielen \u201eAber\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber solche Segnungen d\u00fcrfen nicht im Rahmen von Gottesdiensten stattfinden. Der Zynismus solcher \u00c4u\u00dferungen schmerzt. Ein Priester d\u00fcrfe etwa Segnungen bei Wallfahrten durchf\u00fchren oder eben au\u00dferhalb gottesdienstlicher Rituale. Ein zweites damit verkn\u00fcpftes Aber lautet: Es soll zu keinen Verwechslungen mit kirchlichen Trauungen kommen. Das bedeutet letztlich: Homosexuelle Verbindungen sollen nicht gleichwertig mit gleichgeschlechtlichen Verbindungen erscheinen. Das dritte Aber schlie\u00dflich, das wie eine Begr\u00fcndung f\u00fcr Aber 1 und Aber 2 gedeutet werden kann: Aber man muss homosexuelle Verbindungen weiterhin als au\u00dferhalb der Norm ansehen \u2013 oder, mit anderen Worten, als au\u00dferhalb der von der katholischen Moral definierten Norm. Das betrifft in gleicher Weise Paare, die sich etwa nach einer Scheidung bzw. Trennung in einer neuen Partnerschaft gefunden haben und laut katholischem Kirchenrecht nicht mehr eine Ehe eingehen k\u00f6nnen bzw. \u2013 um es drastischer auszudr\u00fccken, im Zustand der \u201eS\u00fcnde\u201c miteinander leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Segnungen d\u00fcrfen sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann es tats\u00e4chlich als kleinen, winzigen Schritt in Richtung Gleichberechtigung sehen, wenn nun homosexuellen Paaren eine Segnung durch einen katholischen Amtstr\u00e4ger unter bestimmten Umst\u00e4nden nicht mehr verwehrt wird. Noch vor zwei Jahren, im Februar 2021, hatte sich ein vatikanisches Dekret, ebenfalls von Papst Franziskus unterzeichnet, gegen Segnungen prinzipiell ausgesprochen und sie als unerlaubt erkl\u00e4rt. In vielen L\u00e4ndern \u2013 unter anderem auch in \u00d6sterreich \u2013 hatten sich Priester jedoch daf\u00fcr ausgesprochen und durchaus Segnungen im Rahmen gottesdienstlicher Feiern durchgef\u00fchrt. Auch im synodalen Prozess in Deutschland und \u00d6sterreich sprach man sich daf\u00fcr aus. Den sakramentalen Charakter solcher Beziehungen will die vatikanische Glaubensbeh\u00f6rde aber bewusst nicht sehen. Im Gegenteil. Man h\u00e4lt an der Doktrin fest, dass das Sakrament der Ehe ausschlie\u00dflich f\u00fcr eine Beziehung von Mann und Frau, die noch nicht geschieden sind, g\u00fcltig ist. Beziehungen in \u201eirregul\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen\u201c und gleichgeschlechtliche Beziehungen w\u00fcrden nicht dem \u201ePlan Gottes in seiner Sch\u00f6pfung entsprechen\u201c. Das Ausleben der Sexualit\u00e4t sei der Ehe vorbehalten, die nur von einem Mann und einer Frau geschlossen werden k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vatikanisches Nein zur \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was aus der Sicht der Gleichberechtigung jedoch geboten w\u00e4re, w\u00e4re die Gleichwertigkeit von gemischt- und gleichgeschlechtlichen Beziehungen anzuerkennen und in letzter Konsequenz das Sakrament der Ehe nicht weiterhin nur den Verbindungen Mann-Frau zuzugestehen. Das Schreiben des Dekasteriums legt zwar kirchenrechtlich-liturgische Regelungen fest, unter denen Segnungen homosexueller Paare geschehen k\u00f6nnten, diffamiert sie aber zugleich als nicht der Norm entsprechend. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Rechtfertigung der vatikanischen Sichtweise wird gerne angef\u00fchrt, dass man keine Kirchenspaltung riskieren wolle, weil ein Teil des weltweiten Bischofskollegiums noch lange nicht so weit sei in der Frage der Legitimit\u00e4t homosexueller Beziehungen. Hier muss kritisch nachgefragt werden, warum sich die vatikanische Glaubensbeh\u00f6rde von homophob denkenden Kirchenm\u00e4nnern bestimmen l\u00e4sst und nicht auf jene h\u00f6rt, die mit theologischen und naturwissenschaftlichen Argumenten und auf der Basis der universellen Menschenrechte der jahrhundertealten Diskriminierung widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern w\u00fcrden zurecht eine Argumentation ablehnen, die angeblich der katholischen Lehre entspricht, dass es keine S\u00fcnde sei, homosexuell zu empfinden, aber intime Handlungen \u201ein sich nicht in Ordnung\u201c w\u00e4ren. Allein die Ehe zwischen Mann und Frau sei der Ort, um Sexualit\u00e4t ausleben zu k\u00f6nnen. In einem solchen Denken ortet der Wiener Theologe Paul Zulehner die Erkl\u00e4rung des Dekasteriums \u00fcber die Segnungen von Homosexuellen. Solange sich jedenfalls nur irgendein Funken von dem diskriminierenden Grundgedanken h\u00e4lt, dass homosexuelle Handlungen an sich s\u00fcndig seien, wird die sich die katholische Kirche in ihren obersten lehramtlichen \u00c4u\u00dferungen nur in stets neuen merkw\u00fcrdigen Papieren verrenken, die f\u00fcr all jene sehr schmerzlich sind, die katholisch denken und entweder in als \u201eirregul\u00e4re Beziehungen\u201c diffamierten Partnerschaften oder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein regenbogenbunter Segen und ein regenbogenbuntes Segnen in einer diversen Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was st\u00fcnde in einem Katechismus, einem Lehrbuch der Kirche, geschrieben mit der Feder der Liebe \u00fcber Menschen gleichen Geschlechts, die sich lieben auch mit der sexuellen Sprache ihrer K\u00f6rper? Nicht mehr kleingeredet w\u00fcrde ein Segen, der liegt in ganzheitlicher Annahme, in wertsch\u00e4tzendem Zusammensein und in achtsam-z\u00e4rtlichen Begegnungen. Festgehalten w\u00e4re als erstes: Gott ist die Liebe; in ihr liegt g\u00f6ttliche Gegenw\u00e4rtigkeit. Solches Statement w\u00e4re der Ausgangspunkt aller \u00dcberlegungen. Diese Liebe ist bunt, ist bunt wie der Regenbogen, ist hetero oder schwul oder lesbisch oder queer, l\u00e4sst sich orten vor und nach und in und au\u00dferhalb der Ehe, ist dort zu finden, wo Liebe nicht besitzergreifend ist, sondern befreit, wo Liebe nicht einengt, sondern frei macht, wo Liebe nicht selbsts\u00fcchtig ist, sondern sich hingibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re die Verk\u00fcndigung der Kirche, die fortf\u00fchrte die Botschaft der Bibel? Sie erz\u00e4hlte von Adam und Eva, die sich ihrer Nacktheit nicht sch\u00e4men mussten, und von einer Gottkraft*, die zufrieden das Sch\u00f6pfungswerk betrachtete und meinte, es sei \u201esehr gut\u201c, damals im Garten Eden, als sie die Menschen in ihrer irdenen Nacktheit sah. Solche Verk\u00fcndigung w\u00fcrde neu erklingen lassen das Hohe Lied der Liebe und sie w\u00fcrde mit dem Apostel Paulus formulieren, \u201eaber das Gr\u00f6\u00dfte von allem ist die Liebe\u201c. Diese Verk\u00fcndigung n\u00e4hme die Menschwerdung des G\u00f6ttlichen ganz ernst, ein Gott* mit Haut und Haaren, wo Leiblichkeit nicht verteufelt wird, sondern Himmlisches sich mit Erde verbinden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re eine Moraltheologie, die ber\u00fccksichtigte die Erkenntnisse der Wissenschaft? Sie klassifizierte Homosexualit\u00e4t nicht als anormal, sondern betrachtete sie gleichwertig wie Heterosexualit\u00e4t. Anormal w\u00e4ren dann jene kruden Theorien ewig gestriger M\u00e4nner, die Homosexualit\u00e4t als heilbare Krankheit bezeichnen. Als bodenlose Dummheit w\u00e4ren erkannt jene S\u00e4tze, die zwar Homosexualit\u00e4t nicht mehr verteufeln, zugleich aber sexuelle Aus\u00fcbung ebendieser als S\u00fcnde bezeichnen. Endlich w\u00fcrde aufgegeben jenes l\u00e4ngst \u00fcberholte naturrechtliche Konstrukt, dass Sexualit\u00e4t stets offen sein m\u00fcsste f\u00fcr Nachkommenschaft und als Voraussetzung f\u00fcr eine g\u00fcltige Eheschlie\u00dfung ebendies fordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re eine kirchliche Pastoral, die sich nicht l\u00e4nger mit sch\u00f6nen Worten zufriedeng\u00e4be? Sie w\u00fcrde jeglicher Diskriminierung in kirchlichem Handeln gegen\u00fcber Homosexuellen begegnen. Man w\u00fcrde Segnungsfeiern f\u00fcr Paare nicht an der geschlechtlichen Orientierung aufh\u00e4ngen und selbst eine kirchliche Trauung und Ehe f\u00fcr gleichgeschlechtliche Paare w\u00e4re \u201enormal\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube an eine Kirche, die schuldbewusst die homophoben Verirrungen der Vergangenheit erkannt hat und heute umso mehr jeglichen strukturellen Diskriminierungen begegnet. Sie sieht die S\u00fcnde dort, wo Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen strukturell benachteiligt oder ausgeschlossen werden. Dann wird meine Kirche eine regenbogenbunte sein, in der die regenbogenbunte Gottheit in ganzer Buntheit ein Zuhause hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgangspunkt: Vom Segen der Sexualit\u00e4t in ganzheitlichen Beziehungen Als Lehrperson f\u00fcr katholische Religion an einer Oberstufe konnte ich immer wieder Antwort geben auf die kritischen Anfragen, warum Religionen gegen Homosexualit\u00e4t seien. 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