Längentaler Weißer Kogel unter klimabedingten besonderen Umständen

Ich mag diesen Gipfel als Skitourenziel. Zum einen geht es auf einen hohen Gipfel. 3217 Meter ragt er inmitten der 3000er-Welt der südlichen Sellrainer Berge heraus. Vom Ausgangspunkt beim Alpengasthof Lüsens auf 1630 m sind es 1600 Höhenmeter, die sich auf einer satten Wegstrecke von 10 Kilometern verteilen. Vor allem mag ich das lange Hochtal, das sich ab der Längentaler Alm nach der ersten Steilstufe durch eine Waldschneise in mehreren Stufen flach bis zum Gletscher und steilen Gipfelaufbau am Ende des Tales hinzieht.

Die Winter sind längst anders geworden, als sie früher waren. Die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen machen sich gerade besonders bemerkbar. Ganz ungewohnt für diesen ansonst so begehrten Hotspot für Skitouren ist der Parkplatz leer. Wir sind die einzigen Skitourengeher. Die Sonne schickt gerade die ersten Sonnenstrahlen auf die Spitze des mächtigen Lüsener Fernerkogels. Nur wenige Touren lassen sich aufgrund der aktuellen Bedingungen gehen. Die Südhänge sind bis in die Gipfelregionen hinauf schneelos. Unsere Route ist aber passend für die aktuelle Schneesituation. Zuerst geht es die Loipe hinein, dann ein kurzer steile Aufschwung durch eine Waldschneise. Selbst da hinauf passt die Spur. Es beginnt der lange und schöne Anstieg durch das Längental. Das Westfalenhaus liegt oberhalb von unserem Aufstieg schneelos inmitten einer braunen Landschaft. Der Steilhang hinauf zum Seeblaskogel ließe sich aktuell nur schwer machen. Mächtig sind die Felswände vom Lüsener Fernerkogel bis zum Brunnkogel beim Aufstieg zu unserer linken Seite. Über den Ferner wählen wir den Aufstieg ganz auf der westlichen Seite. Am Steilhang ziehen wir schon bei der Querung zum Skidepot die Ski aus und stapfen zum Gipfel weiter. Über den Felsen im steilen Gelände liegt bröseliger Schnee, so dass man kein Gefühl dafür hat, ob eine glatte Felsplatte oder lose Steine unter den Tritten sind. Das stresst mich dann, obwohl ich mir es angewöhnt habe, zur Sicherheit immer die Eisen und Pickel dabei zu haben. Das gemeinsame Sein am Gipfel in der heute radikalen Einsamkeit der Berge mit einem grandiosen Rundumpanorama und der Nachbarschaft mächtiger Gipfel ist Natureinheit spüren in sich und mit der Welt. Besonders mächtig sind die Nordwände des Schrankogel im Süden. Die Abfahrtsbedingungen sind besonders. Einmal leichter Pulver über Harschdeckel – vor allem am Gletscher, dann um die Steine kurven, die aus den Moränenrücken herausschauen. Wenn man umsichtig und defensiv fährt, lässt sich aber jeder Steinkontakt gut vermeiden. Ein besonderer Anblick ist wieder das Gletschermaul am Ende des Ferners. Die Gletscherhöhle hat die Ausmaße von einem kleinen Haus, das unter dem Toteis liegt, das inzwischen nicht mehr von Schnee genährt wird. Heute wirkt das Maul besonders weit aufgerissen. Es ist, als würde der Gletscher hinausschreien: „Was tut ihr der Welt an? Warum hört ihr nicht endlich damit auf, Tonnen an Treibhausgasen in die Atomsphäre zu blasen, die ein weiteres enormes Ansteigen der Temperaturen vor allem im Alpenraum und das Verschwinden der letzten Gletscher verursachen werden?“ Den Längentaler Gletscher wird es wohl bald nicht mehr geben.

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