
Ich denke an ein Gedicht von Bertold Brecht und höre meine Skifelle auf der Spur kratzen. Tiefblauer Himmel und darin Wolken so schneeweiß wie die Schneelandschaft ringsherum. Nur kärglich bedeckt der Schnee in diesem Winter das Fimbatal mit seinen Gipfelhängen. An manchen Stellen schaut die sanft plätschernde Fimba zwischen windgepressten Schnee-Eisgebilden heraus. Der Fichtenwald auf den steilen Abhängen hinunter ins Paznaun ist längst hinter uns. Auch die Lärchen und selbst die Zirben wachsen dort, wo die Felle der Ski auf der Spur nun achtsam gleiten, nicht mehr. Mein stilles Bergglück vermischt sich mit Versen von Brecht:
„Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?“
Kühler Wind weht mir vom Süden her ins Gesicht. Gerade sind wir über die unsichtbare Grenze zwischen Österreich und der Schweiz gegangen. Die Bergwelt ist grenzenlos. Es sind die Kriegsherren, die Grenzen ziehen und dann um Territorien blutig kämpfen. Es wird Abend. Die Sonne verschwindet auf den Hängen der Engadiner Berge. Im Tal noch hörte ich die Dauerschleifen von Nachrichten über die Kriege, über die Zerstörung des Planeten durch Klimakrise verursacht durch die Ignoranz, den Egoismus und die Dummheit der Massen. Auch wenn es jetzt kalt ist, soll 2026 der heißeste Sommer der Messgeschichte werden. Der Abnützungskrieg – welch schreckliches Wort! – geht mit zwei Millionen Toten und Verstümmelten in sein fünftes Jahr. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz beraten die mächtigsten Politiker nicht über Auswege aus den Kriegen, sondern wie sie selbst mit Atomwaffen geführt werden könnten. Mein Manifest gegen die Wehrdienstzeitverlängerung blieb vor dem Aufbruch unfertig. Die Berge sind mir wie ein Exil auf der Flucht vor den dystopischen Abgründen. Bertold Brecht flüchtete ins Exil und schrieb:
„In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen.
Auch ohne Gewalt auskommen,
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen,
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“
Spätnachmittags kommen wir auf der Heidelberger Hütte an. Sie umfängt den Geflüchteten mit Wärme und Nahrung. Der Hüttenwirt und sein Team sind wie immer sehr gastfreundlich. Das Essen ist reichlich und wird liebevoll zubereitet. Längst ist mein Handy auf Flugmodus geschalten. Die andere Welt ist weit weg. Das LVS-Gerät ist ausgeschalten. Eine Umarmung zeigt: Wir sind füreinander da. Und für einen Augenblick des Seins wird erfahrbar, was Brecht am Ende seines Gedichtes schreibt. Die Utopie einer Welt, in der Menschen nicht länger ausbeuten und zerstören, sondern achtsam füreinander da sind.
„Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.“
klaus.heidegger, 14.2.2026
Lieber Klaus!
Ich schreibe gerade den Leitartikel in unserem Pfarrbrief zum Thema „seid wachsam“. Zwischendurch schaue ich auf. Da sehe ich deine Gedanken von deinem Weg, hinaus aus dem dunklen Tal in die wunderbare Bergwelt.
Danke dir für deine Wachsamkeit und dein unermüdliches Hinweisen auf Unrecht.
Andreas
Lieber Andreas, Danke für die wertschätzende Rückmeldung. mlg