
Die islamistischen und christlich-fundamentalistischen Gotteskrieger opfern Menschleben. Märtyrertum ist angesagt. Der amerikanische Präsident und sein Kriegsminister preisen in ihren goldenen Palästen den Kampfesmut ihrer Soldaten. Gleiches tut Putin. Gleiches tut Selenskyi. Die nationalen Hymnen werden gespielt, wenn von Bomben und Granaten zerschossene Menschen in mit Staatsflaggen gehüllten Särgen aus den Transportflugzeugen getragen werden. Für christliche Fundis waren die Soldaten die Vorfront der großen Schlacht Armaggeddon, nach der Christus als Weltenfürst wiederkommen wird. Islamistisch verblendete Djihadisten träumten von einer Belohnung im Paradies. Tausende tote Zivilisten, zerbombte Städte und selbst das Risiko eines atomaren Schlagabtausches werden für eine angeblich gerechte Sache hingenommen, für die es sich lohne, sein eigenes Leben zu opfern.
Gott will keine Opfer – er will das Leben, ein gutes Leben für alle Menschen. Das ist der rote Faden durch die biblischen Schriften, beginnend mit dem Propheten Abraham/Ibrahim, dem Gott verbietet, seinen eigenen Sohn zu töten. Auch Jesus hat sein Leben nicht „geopfert“, wie es gefährlich ambivalent in liturgischen Texten der Kirchen so oft heißt. Jesus von Nazareth wollte das Leben in seiner Fülle. Deswegen wurde er von den Herrschenden grausam hingerichtet. Nie darf sein Tod mehr als „Sühnetod“ für unsere Sünden interpretiert werden.
Ich wurde in Kindes- und Jugendjahren noch mit einer Kreuzestheologie konfrontiert, die sich etwa in den klassischen Karfreitagsliedern manifestierte. In „Oh Haupt voll Blut und Wunden etwa heißt es in der 4. Strophe: „Nun, was du, Herr, erduldet, / ist alles meine Last; / ich hab es selbst verschuldet, / was du getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.“ Einen fast schon suizidaler, lebensverachtender Grundton lassen manche dieser alten Texte erkennen. Etwas weiter heißt es in dem Liedtext: „Ach möcht ich, o mein Leben, / an deinem Kreuze hier / mein Leben von mir geben, wie wohl geschähe mir!“ Als fleißiger Ministrant übte ich die Heilig-Kreuz-Verehrung am Karfreitag – wohl war mir bei diesem Ritual nie. In der Schule dann konnte ich als Lehrperson die blutigen Kruzifixe aus den Klassenzimmern entfernen und mit bunten befreiungstheologischen Kreuzen aus den Basisgemeinden Lateinamerikas ersetzen.
Mit Blick auf eine kriegstrunkene, bluttriefende Weltwirklichkeit gilt es heute, jeglichem verkehrten Märtyrerkult eine religiöse Legitimierung zu entziehen. Die Hinrichtung Jesu eignet sich nicht für eine Instrumentalisierung, bei der dann Kriegsherren ihre Männer und Frauen im Dienst für eine nationalistische Sache in die Kriege entsenden. Jesus wollte nicht den Tod. Er wurde von den Mächtigen hingerichtet.
klaus.heidegger, Karfreitag 2026