Vom Zillertal nach Nürnberg und zurück

Nazispuk im Zillertal und anderswo

Wahrscheinlich angetrunkene Jugendliche fielen im Kontext des Gauderfestes in der Zillertalbahn auf, als sie Nazi-Parolen riefen und entsprechende Gesten machten. Die Fragen zu diesem Vorfall Mitte Mai 2026 gehen in eine doppelte Richtung: Wieviel Unwissen, Dummheit, Bosheit und Arroganz – eine gefährliche Mischung – muss zusammenkommen, dass viele Jahrzehnte nach dem Terror des Naziregimes, nach der Shoah mit 6 Millionen Jüdinnen und Juden, deren Leben vernichtet wurde, nach dem unermesslichen Leid von 70 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs und nach den enormen Zerstörungen immer noch naziaffine Kakophonien Räume finden? Die zweite Frage lautet: Warum haben andere Fahrgäste nicht sofort Zivilcourage gezeigt und die Polizei gerufen oder selbst die Rabauken zur Rede gestellt? Es kann doch davon ausgegangen werden, dass die Bestimmungen des Verbotsgesetzes für Wiederbetätigung bekannt sind. Über eine Soziale-Medien-Plattform wird mir ein AfD-Video eingespielt. Die Algorithmen haben längst errechnet, dass ich mich über rechtsextreme Machenschaften erkundige, weshalb ich dann diese unappetitlichen Reels und Clips zugespielt bekomme. Auf einem mächtigen Adler fliegt eine kräftig-blonde Frau mit Zöpfen über die deutschen Lande zur Musik: „Flieg, deutscher Adler, flieg.“ Die Rede ist von Stolz und Treue und von Vaterland.

Soeben habe ich den Film „Nürnberg“ gesehen. Darin geht es um das Verhör von Hermann Göring beim Kriegsverbrecher-Tribunal in Nürnberg nach der Befreiung vom Naziterror. Ein US-amerikanischer Gerichtspsychiater soll im Vorfeld der Anklage den psychischen Zustand des zweiten Mannes nach Hitler untersuchen und damit eine Grundlage für den Prozess schaffen. Ich greife drei wesentliche Aspekte aus diesem Historien-Drama heraus.

Die Frage nach narzisstisch-größenwahnsinnigen Despoten

Erstens wird Hermann Göring als narzisstisch-größenwahnsinniger Politiker charakterisiert. Er liebte den Prunk und die schöne Uniform; er liebte die Ballsäle und sah sich als der Größte unter allen. Er machte seine Politik ohne Gewissen und Skrupel. Kurz vor dem Film sah ich wieder den amerikanischen Präsidenten in seinem stets mit noch mehr Goldschnörkel versehenen Oval Office. Über alle demokratischen Usancen hinweg entscheidet er – wie der Reichsmarschall in der Naziherrschaft – über Krieg und Frieden. Ramy Malek, der US-Psychiater beim Nürnberger-Prozess gegen Göring, lässt es in seinen Bemerkungen nicht nur bei dem angeklagten Göring stehen. Immer wieder deutet der Psychiater an, dass die Strukturen und Mechanismen, die Göring groß werden ließen und zur gefährlichen Bestie machten, immer wieder geschehen können.

Die Frage nach Zivilcourage oder Mitläufertum

Zweitens sagt ein US-amerikanischer Dolmetscher und Soldat, mit dem Malek zusammenarbeitet, einmal mit inhaltsschwerem Ton: Warum nur haben so viele Menschen mitgemacht, haben so viele Menschen geschwiegen, nicht protestiert? Die Schrecken der Shoah, des Naziterrors und des Zweiten Weltkriegs können mit nichts verglichen werden. Dennoch muss auch heute die Frage gestellt werden: Warum schauen so viele Menschen einfach nur zu oder machen mit, wenn die Welt einer Klimahölle zurast? Warum gibt es nicht mehr Protest gegen all die Mechanismen, die Kriege nicht verhindern oder stoppen, sondern im Gegenteil auch friedliche Länder „kriegstauglich“ machen wollen? Warum sind allein in diesem Jahr schon mehr als 1200 Menschen im Mittelmeer auf der Flucht ertrunken?

Die Frage nach dem Völkerrecht

Drittens wirft der Film „Nürnberg“ über das internationale Militärtribunal vor 80 Jahren, bei dem erstmals auf der Basis des Völkerrechts Kriegsverbrecher verurteilt wurden, auch die Frage nach dem Stellenwert des Völkerrechts heute auf. Heute gibt es, anders als zur Zeit der Nürnberger Prozesse, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Wie wird heute mit Kriegsverbrechen umgegangen, wenn ein Genozid am palästinensischen Volk verübt wird, wenn der US-Präsident den Präsidenten eines anderen Landes herausbomben lässt oder gegen jede Regelung der UN-Charta Angriffskriege startet? Wie mit dem russischen Regime umgehen, wenn es mit militärischer Macht einen Nachbarstaat angreift, um dort eigene Gebietsansprüche zu behaupten?

Klaus Heidegger
(zum Bild: Denkmal vor dem Hauptgebäude Uni in Innsbruck aus dem Jahr 1926 mit einer künstlerischen Intervention der blutroten Schrift aus dem Jahr 2019)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.