„Die Welt ist aus den Fugen.“ So sprach der UN-Generalsekretär bei der Generalversammlung. Die Klimakrise ist dabei der größte Faktor. Der individuelle Massenverkehr wiederum trägt in vielen Ländern am meisten zu den Treibhausgasemissionen bei. Anschauungsunterricht gibt es zuhauf vor der eigenen Haustür.
Einen Diskurs über Normalität brach zu Sommerbeginn eine österreichische Landeshauptfrau von niederösterreichischen Zäunen. Normalität, das muss vorangestellt sein, ist ein politischer Kampfbegriff aus rechtsradikalem Eck. Mit dem blau-schwarzen Zaunpfahl fordert sie zumindest intellektuell auf, über Normalität zu sinnieren. Nicht will ich, wie es die Ex-Innenministerin tat, Menschen in den Kategorien von normal und abnormal schubladisieren. Zurecht hatte der grüne Vizekanzler solche begrifflichen Klassifizierungen als faschistoid bezeichnet. Die Bad Boys aus Niederösterreich, mit denen sich Mikl-Leitner liiert hat, betreiben mit ihrem Landbauer an der Spitze mit ihren Normalitätsdefinitionen jedenfalls eine postfaschistische Politik. Was sie als „woke“ diffamieren – Menschen der LGTBQ*-Gemeinschaften, eine gendergerechte Sprache, eine menschenrechtskonforme Aufnahme von Flüchtlingen oder gar die Letzte Generation – gilt ihnen als abnormal. Was aber ist normal? Was ist die Norm? Wer sind die Normaldenkenden von Mikl-Leitner, Landbauer & Co? In der Frage der Automobilität lässt sich dies leicht ausmachen.
Ich erfahre und ertrage täglich und immer wieder eine bestimmte Normalität. Normal ist es, wenn eine Stadt im automobilen Verkehrsgeschehen erstickt. Stinkende und lärmende Blechwürmer wälzen sich morgens von den Speckgürteln rund um Innsbruck in das Stadtgebiet und abends wieder zurück. Meist sitzt nur ein Mensch in dem tonnenschweren High-Tech-Gefährt. Egal ob die Stadt in heißen Sommertagen sich anfühlt wie ein Backofen – und eine verkehrsbedingte hohe Ozonkonzentration vor allem die Schwachen gefährdet, egal ob im Winter noch mehr Abgase freigesetzt werden, um die Motoren in Gang zu bringen und das Innere der Autos zu heizen, die Normaldenkenden denken nicht daran, ihr Auto vielleicht nicht benützen zu müssen. Und nicht nur an den Wochenenden wälzen sich die Blechwürmer durch die Täler und über die Pässe, durch Städte und Dörfer, damit Normaldenkende an fremden Orten jene Erholung suchen, die sie mit ihrem massenhaften Verhalten den Menschen entlang der Autotrassen zerstören. Normaldenkende denken wohl nicht an die Emissionen, mit denen der Massenverkehr die Klimakrise befeuert, denken nicht daran, dass die fossilen Treibstoffe irgendwo aus Off-Shore-Bohrungen kommen und aus Gegenden, die durch die Erdölgewinnung verseucht und zerstört werden. Normaldenkende verknüpfen nicht den Preis an der Zapfsäule mit dem Geld, das dann für Waffenkäufe und kriegerische Unternehmungen verwendet wird. Die KI, die eine Fülle an Daten auf den hochmodernen Cockpits anzeigt, ist entsprechend für automobiles Verhalten programmiert. Emotionale und vorausschauende Intelligenz fehlt darin. Es fehlt wohl auch: Empathie für die vielen Menschen, die heute schon von den Folgen der Erderhitzung betroffen sind, für die von Unwetterkatastrophen Betroffenen, für Umweltflüchtlinge oder Hitzegeschädigte. Die in den Umfragen stärkste Partei Österreichs will sich jedenfalls der Anliegen der Normaldenkenden annehmen und hetzt wider alle Vernunft gegen schärfere Temporegulierungen wie 30/80/100.
Fix ist: Derzeit hat der Verkehrssektor den größten Anteil an Treibhausgasemissionen. Der massenhafte Individualverkehr ist so etwas wie der Geisterfahrer bei Klimaschutzmaßnahmen. Das heißt zugleich: Im Verkehrssektor ließen sich ohne viel Aufwand sehr leicht Klimaschutzmaßnahmen setzen. Daher auch die so einfache Forderung der Letzten Generation nach Tempo 100 auf Autobahnen als ein wesentlicher Schritt. Angesichts der katastrophalen Folgen der Erderhitzung, der apokalyptischen Szenarien, wenn die Kipppunkte des Abschmelzens der großen Gletschermassen erreicht sind, wenn die 1,5- oder 2 Grad-Ziele der Klimaabkommen nicht erreicht werden, angesichts dessen schenken Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation oder von Extinction Rebellion Hoffnung und ermutigen, doch nicht zu resignieren.