Das Fest Pauli Bekehrung aus friedensethischer Perspektive

Saulus-Paulus war Jude und ist es geblieben

Über viele Jahrhunderte nährte das Fest Pauli Bekehrung, das in der Kirche am 25. Jänner gefeiert wird, ein antijüdisches Narrativ. Der böse Jude Saulus habe sich zum edlen Christen Paulus bekehrt. Bis zum heutigen Tag spiegelt sich diese Sichtweise im vielbenützten Sprichwort „vom Saulus zum Paulus“ wider, was so viel heißt wie: vom Bösen zum Guten. Aus solcher Perspektive ist eben der Jude der Böse, vor dem wir uns schützen müssten. In der katholischen Liturgie hielt sich noch bis vor kurzem die Karfreitagsfürbitte, in der für die Bekehrung der Juden gebetet wurde.

Die Bibelforschung ist jedoch eindeutig. Saulus, so der jüdische Name für die griechische Bezeichnung Paulus, war und ist immer Jude gewesen. Er war ein Pharisäer – was in der jüdischen Tradition nichts Anrüchiges war, sondern im Gegenteil: er war ein anerkannter Gelehrter, kundig der Heiligen Schriften und des jüdischen Gesetzes. Das Messiasbekenntnis des Paulus war kein Bruch mit dem Judentum, sondern lag in der Kontinuität des Volkes Israel. Saulus/Paulus als Jude zu sehen, bietet daher eine wichtige Brücke zwischen Judentum und Christentum. Sie widerspricht jedem christlichen Antijudaismus.

Der Sturz vom „hohen Ross“

In vielen Bildern wird das „Damaskus-Erlebnis“ auf Bildern festgehalten. Man sieht den Apostel Paulus, wie er auf seinem Ritt von Jerusalem nach Damaskus von einem hellen Licht geblendet wird und zu Boden fällt. Ich denke an ein Gemälde von Caravaggio. Paulus liegt wie ein Käfer mit erhobenen Armen rücklings am Boden. Ein kräftiges Pferd steht hinter ihm. Paulus blickt dem Licht von oben entgegen, so als könnte er ganz innen den Ruf Christi hören. Sein Schwert liegt nutzlos neben ihm. Es hat seine Funktion verloren.

Es war notwendig, vom „hohen Ross“ zu steigen, um auf Augenhöhe mit den Menschen zu kommen. Das ist eine bleibende Botschaft. Vom Ross herunter kann keine Begegnung stattfinden. Wo sich Menschen aber begegnen, werden die Feindbilder geschreddert und wird das Gemeinsame erkannt. In die Sprache der Friedensethik gepackt, kann es wie folgt beschrieben werden. Wo das helle Licht der jesuanischen Entfeindungsbotschaft strahlt, verlieren Waffen ihre Bedeutung. Diese Botschaft gilt es gerade heute gegen all die ganzen gigantischen Rüstungsdynamik zu erzählen.

Feinde erweisen sich als Freunde

Laut Apostelgeschichte soll Paulus nach Damaskus geritten sein, um auch dort jene Menschen zu verfolgen, die in Jesus den erwarteten Messias sahen und sich trafen, um die Botschaft Jesu in ihrer Gemeinschaft lebendig sein zu lassen. Gerade sie sind es nun, die den gestürzten und geblendeten Paulus in ihre Gemeinschaft holen. Sie taten, was sie sowohl von Jesus gelernt hatten und was in der Goldenen Regel als Herzstück der hebräischen Bibel gilt. Ich denke an die wunderschönen orthodoxen Ikonen, in denen diese Geschichte bildhaft beschrieben wird. In der Mitte einer solchen Ikone liegt der vom Pferd Gestürzte am Boden, auf der rechten Bildhälfte wird er liebevoll von einem Jünger Christi an der Hand genommen und in ihre Gemeinde gebracht. Das stellt die linke Bildhälfte dar. Dort sitzt Paulus in der Gruppe der Jünger und liest in den heiligen Schriften. Da gingen Paulus wahrscheinlich die Augen auf – und wie ein Blinder konnte er sehen und vielmehr noch spüren, was er aus den Schriften des Judentums kannte: Wie das Reich der Himmel beginnen kann und dass es Jeshua ben Mirjam war, der dafür lebte und starb. Ich stelle mir vor, wie Paulus als Jude in Damaskus die jüdische Gemeinschaft von Menschen entdeckt hat, die in der Nachfolge Jesu das Brot teilten und füreinander sorgten. Er lernte am eigenen Leib die Feindesliebe kennen. Obwohl er verfolgt hatte, oder vielleicht gerade deswegen, haben sie den vom Pferd Gestürzten aufgenommen. Ihre Feindes- und Nächstenliebe hat Paulus wohl überzeugt, dass die Auferstehung Jesu kein leeres Geschwätz ist, sondern konkrete Eutopie. In seinen späteren Reisen zu den christlichen Gemeinden rings um das Mittelmeer erlebt er, wie sich die Anhänger und Anhängerinnen dieses Jeschua selbst nach seiner Hinrichtung nicht kleinkriegen ließen, sondern spürten: Er lebt dort, wo seine Botschaft gelebt wird, wo geteilt wird, wo die Armen und Hilfsbedürftigen in die Mitte gerückt werden.

Klaus Heidegger, zum Fest Pauli Bekehrung am 25. Jänner 2026

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