Friedensfarben

Im Gedenken an den völkerrechtswidrigen Angriff vor vier Jahren finden in diesen Tagen viele Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine statt. Einmal mehr werden die blau-gelben Fahnen mit dem Dreizack gehisst und erstrahlen offizielle Gebäude und Sehenswürdigkeiten in Blau-Gelb. Vertreter des öffentlichen Lebens und der Kirchen meinen es gut, wenn sie sich selbst hinter dem Trysub einfinden und so ihre Solidarität mit der Ukraine bekunden. Nationalflaggen in Kriegszeiten haben jedoch ihre Unschuld verloren. Sie dienen dazu, Leichensärge getöteter Soldaten zu bedecken und damit den Schrecken des Krieges zu kaschieren.
Die Farben des Friedens sind jene des Regenbogens, darin sich leuchtend finden die Farben aller Nationen, die miteinander in Frieden leben könnten. Nichts rechtfertigt ein Töten für ein paar Quadratmeter Territorium. Deswegen möchte ich so gerne sehen in Zeiten von Kriegen: die regenbogenbunten Farben, die Friedensfahnen, wie sie von Rathäusern und in Kirchen flattern könnten als eindeutige und unmissverständliche Symbole.
Friedensflagge und Desertion
Die Flagge in Zeiten von Kriegen ist schneeweiß. Sie bedeutet: Sich ergeben dem Frieden und nicht mehr kriegsrechtfertigende Ziele verfolgen. Die Antwort auf unsägliche Gewalt ist nicht wieder Gewalt. Wer Wege des Friedens verfolgt, verlässt die dunklen High-Tech-Keller, darin Menschen hinter Monitoren sitzen, um mit Killerdrohnen Jagd auf Menschen zu machen. Wer Frieden will, kommt aus den Schützengräben und richtet seine tödliche Waffe nicht länger auf Menschen, die man als Feinde sieht. Wer „Waffenstillstand“ ruft, ist nicht feige, sondern handelt vernünftig. Der Weg zu einem gerechten Frieden geht über das Schweigen der Waffen. Wer aber nach Waffen ruft, gießt Öl ins Feuer der Kriege. Wer Waffen liefert, beschleunigt die Kriegsbrände. Würden doch die Soldaten ihre Stellungen verlassen: es wäre ein Schritt in eine friedliche Zukunft! Wären Deserteure und nicht Krieger die Heroen der Nationen, wäre der eine Krieg und die vielen anderen längst schon vorbei. Abertausende Wehrpflichtige sind es in der Ukraine, die ein Einrücken in den Krieg verweigern. Sie sind keine Feiglinge. Würden die Befehle der Generäle nicht länger Gehör finden, wären Verhandlungen der Politiker denkbar. Nach vier Jahren Krieg um die Grenzen der Ukraine und nach zwei Millionen getöteten oder verletzten Menschen auf beiden Seiten der Front, muss endlich die Vernunft den Schlachtfeldern ein Ende bereiten.
Im Krieg gibt es keine Sieger
Nach all den Zerstörungen der letzten Jahre hat sich wieder gezeigt: Frieden kann nicht herbeigebombt werden. Im Krieg gibt es keine Sieger – weder für Putin noch für die Ukraine. Wer von einem „Siegfrieden“ träumt und dies weiterhin als Parole ausgibt, handelt wider besseres Wissen. Im Krieg verlieren alle.
Der nun schon vierjährige Abnützungskrieg ist für alle Beteiligten ein abscheuliches Verbrechen. Ein Krieg kann nie gewonnen werden. Kriege werden immer verloren. Menschenleben gehen verloren – auf allen Seiten. Lebensmöglichkeiten gehen verloren. Vertrauen geht verloren. Kinder haben ihre Papas verloren. Soldaten haben Gliedmaßen verloren und werden ein Leben lang verstümmelt durchs Leben gehen. Politiker, die Männer und Frauen in den Krieg schicken und Waffenlieferungen beschließen, sitzen nicht in den Schützengräben und nicht in den Panzern, auf die mit Drohnen tödliche Munition gebombt wird, und liegen nicht in den Spitälern mit abgetrennten Gliedern und verbrannter Haut. Wenn ich wieder die Reden der Mächtigen höre, die sich beispielsweise zuletzt bei der Münchner Sicherheitskonferenz trafen, dann kommen in mir surreale Bilder hoch: Auf ihren maßgeschneiderten Anzügen und adretten Designerkleidern sehe ich Blutspritzer.
Nach vier schrecklichen Kriegsjahren kann der Ruf nur lauten an alle, die daran beteiligt sind: Hört auf mit dem Kämpfen, hört auf mit dem Bomben! Hört endlich auf Waffen und immer bessere Waffen zu liefern. Es sind schon viel zu viele gestorben, viel zu viele verstümmelt, viel zu viele Kinder haben ihre Väter verloren in sinnlosen Kämpfen, Ehepartner haben Geliebte verloren; Städte voller Leben wurden zu gespenstisch anmutenden Ruinenstädten. Im Visier der Scharfschützen und Drohnenpiloten stehen Menschen, die leben wollen, die Familien haben, die meist nur gezwungen werden zum Dienst mit der Waffe.
Aufrüstung als gefährlicher Irrweg
Massive Aufrüstung ist nur ein Weg in neue Kriege und die Fortsetzung der alten. Man bereitet sich auf einen Ernstfall vor und meint mit Ernstfall den Krieg. Doch Aufrüstung und Frieden sind ein Oxymoron. Wer zum Krieg rüstet, wird Krieg machen. Es fehlen die klaren Worte, alles zu tun, dass Kampfhandlungen eingestellt werden. Verstummt und vergessen scheint der Ruf des Papstes in den Kartagen 2024, als er die „Weiße Fahne“ als Strategie für einen Friedensweg vorschlug. In Fernsehsendungen und Talkshows erklären Soldaten in Kampfuniform, wie Kriege gemacht werden. Würden die Menschen den „masters of war“ die Gefolgschaft aufkündigen, würden die Rüstungsingenieure sich in den Dienst des Friedens und nicht des Krieges stellen, würden Soldaten nicht mehr zu Waffen greifen, stünden die Autokraten so nackt da, wie sie von Gott erschaffen wurden.
Diplomatie als ein Ausweg
Der österreichische Spitzendiplomat Wolfgang Petritsch sprach in einer ORF-Diskussionsrunde (22.2.2026, Im Gespräch mit Susanne Schnabl) vom eklatanten Mangel an diplomatischen Bemühungen. Man habe die möglichen Gesprächskanäle zu Putin einfach ignoriert. Die österreichische Außenpolitik sei völlig militärlastig und das Budget für die Diplomatie reiche bei weitem nicht aus, um sich entsprechend für Verhandlungen stark zu machen. Petritsch schlug vor, dass die EU einen Sondergesandten beauftragen könnte, um mit Putin Verhandlungen zu führen. Das klingt so anders als die unversöhnlichen Kriegstöne der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas.
Des Kaisers neue Kleider
Die modernen High-Tech-Waffen sind des „Kaisers neue Kleider“, die nur lügenhaft eine Scheinsicherheit vortäuschen. Es bräuchte vielmehr den Ruf des Kindes in der Parabel von Hans Andersen: „Der ist ja nackt!“ – so würde die Lüge der militärischen Sicherheit entlarvt. Nur selten gibt es da Stimmen von Menschen, wie Frieden gemacht werden könnte. Macht endlich Frieden! Kriege werden gemacht, aber auch Frieden kann gemacht werden. Wehrhaftigkeit und Abrüstung schließen sich nicht aus. Wehrhaftigkeit misst sich nicht an immer noch besseren Tötungssystemen. Gewaltfreie Interventionen und diplomatische Bemühungen sind die Wege zum Frieden.
Klaus Heidegger, 23.2.2026