
Auf dem Weg zum Rietzer Grießkogel. Weil es dort so schön ist – für mich gleich zum zweiten Mal innerhalb einer Woche. Noch lässt sich von der Bushaltestelle bei der langen Lawinengalerie kurz vor Kühtai direkt weggehen. Noch findet sich gerade eine Spur zwischen den Latschen und Almrosenbuschen, die am ersten Hang hinein ins Klammtal wachsen. Noch sind wir ganz alleine und doch zu zweit nicht allein. Anfangs ist der Schnee noch gefroren von der Kälte der Nacht. Die Felle kratzen auf Millionen von Eiskristallen. Manchmal bleibe ich stehen, um in die Stille zu hören und die Stille aufzunehmen für eine Seele, die so viel den Lärm dieser Welt zu ertragen hat. Am Steilhang beim Narrenboden ziehen wir uns die Harscheisen an. Die Schrauben eines Vorderbackens sind locker und so falle ich tatsächlich einmal aus der Bindung und rutsche ein paar Meter den Hang hinunter. Der Morgenhimmel über uns ist tiefblau und die Hänge sind noch schneeweiß. Ich denke an den Kriegshimmel in Teheran, der pechschwarz ist von all den Raketen und Bomben. Ich atme tief ein im Rhythmus der Schritte. Die Luft ist rein und glasklar. Ich denke an die Menschen in den brennenden Städten, die sich vor giftiger Luft kaum schützen können. Schneehühner grüßen uns mit ihren ganz eigenen Lauten. Ich denke an die dröhnenden Bomben und Explosionen, von denen wir in den Nachrichten schon viel zu viele Tage täglich neu hören. Bald nach dem Skidepot wartet wieder meine ganz persönliche Schlüsselstelle auf mich: Ein schmales Gratstück, das meine Balancefähigkeiten herausfordert. Biancograt-Feeling im Sellrain. Dankbar hocken wir am Gipfel bei dem überdimensionalen Kreuz. Dankbar für das Aufgehobensein in der Welt der Berge und einem Miteinander. Bei der Abfahrt ist der obere Hang noch etwas knusprig, doch dann beginnt es schnell aufzufirnen und die oberste Schicht wird butterweich und wir schwingen zurück zum Ausgangspunkt.
am 9.3.2026
(Fotoc.: M.K.)