Vom Glauben an die Macht der Vernunft, an die Wirkkraft des kommunikativen Verständnisses und an den gewaltfreien Zwang des besten Argumentes

In der Schule des Jürgen Habermas

Wer mein philosophisches Interesse kennt und wer selbst ein philosophisches Gespür hat, weiß, wie sehr ich den gerade verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas als geistigen Lehrvater schätze. Freilich habe ich ihn nur aus Büchern von und über ihn kennengelernt. Da gibt es viele biographische und denkerische Anknüpfungspunkte, die das in mir bekräftigen, was ich selbst für richtig und wichtig halte. Ein paar Punkte möchte ich hervorheben, die mit meiner eigenen Lebensgeschichte zu tun haben und aus dem Blickwinkel Habermas’scher Gedanken in Beziehung gesetzt werden können. Ein kommunikativer Diskurs sozusagen anlässlich des Todes des 96-jährigen großen Denkers.

1.: Vernunft und Ratio als normative Kraft

„Seid vernünftig“, sagte ich meinen Kindern oder meinen Schülerinnen und Schülern immer wieder. Der Ruf zur Vernunft ist mein Mantra, das ich als Anspruch für mich und in meinen Beziehungen mit mir trage. Ich glaube an die Vernunft als Maßstab für das alltägliche Verhalten aber auch als Kompass für jedes soziale Gebilde und für das politische wie wirtschaftliche Geschehen. Unvernunft führt zu so viel Leid in den Mikro- wie in den Makroebenen. Ganz im Sinne von Kant und der Aufklärung lebte und lehrte Jürgen Habermas den aufklärerischen Grundsatz: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ In meinem Leben hat dieser rebellische denkerische Ansatz freilich oft Widerspruch mit sich gebracht. Wenn meine Meinung von vorgegebenen Denkmustern und Haltungen abwich, musste ich erfahren, nicht mehr akzeptiert zu sein oder zwischen allen Stühlen zu sitzen. Wie oft wäre es gerade in kirchlichen Kontexten bequemer gewesen, mich anzupassen! Mit meinen vom Mainstream oder Herrschaftsstrukturen abweichenden Verhalten fühlte ich mich zugleich immer wieder auch aufgehoben in Gruppen und bei Personen, die ähnlich kritisch dachten und handelten. Jedenfalls waren jene Menschen, mit denen wir damals die Partei der Grünalternativen gründeten, durchwegs begeisterte Anhänger der Frankfurter Schule, in der Jürgen Habermas seinen philosophischen Ausgangspunkt nahm.

Weil Menschen nicht einer ökologischen Vernunft folgen, sondern sich treiben lassen von egoistischen und hedonistischen Phantasien, zerstören sie den Planeten Erde, rauben sie die Ressourcen und begehen ein Verbrechen an den künftigen Generationen. Die Unvernunft liegt in den Einkaufswagen, wo sich in Plastik verschweißtes Geflügelfleisch aus den Mastbetrieben im Osten Europas neben Getränken in Aludosen findet. Die Unvernunft erweist ihre Zerstörungskraft an den Tankstellen und beim Druck auf das Gaspedal. Die Unvernunft zieht ihre Kondensstreifen am Himmel und im vielschichtigen Suchtverhalten von Jung und Alt. Die Unvernunft hält an sexistischen Strukturen in meiner Kirche fest und verhindert eine Gleichbehandlung der Geschlechter. Vor allem aber manifestiert sich die Unvernunft im Kriegsgeschehen dieser Tage. Die Kriegsherren von Putin bis Trump pflegen ihre Anti-Wokeness-Einstellung. Antiwoke ist aber nichts anderes als anti-aufklärerisch.

2.: Kommunikation als Schlüssel zum richtigen Handeln

In seinem grundlegenden Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“ zeigte Habermas auf, wie Menschen und ihre sozialen Gebilde zu jenen Erkenntnissen kommen, die normgebend und richtig sein können. Der Schlüssel ist die Kommunikation, der Dialog – das Reden und Hören, das Argumentieren. Hier liegt auch die Herrschaftskritik begründet. Aus einer Beziehung von Ich und Du entsteht das Handeln – nicht aus einem Diktat von oben. Nicht der einzelne weiß, was richtig ist, sondern was richtig bzw. falsch ist ergibt sich aus dem Dialog, in dem auch ein Konsens gefunden werden kann. Das Denken von Habermas gleicht dem Ansatz der „Kommunikativen Theologie“, wie ich sie in einem Masterlehrgang unter der Leitung von Matthias Scharer und seinem Team an der Katholischen Fakultät der Universität Innsbruck studieren konnte. Theologie muss sich erden in den je konkreten Lebenserfahrungen – ohne dass aber die Weisheit der Bücher aufgegeben wird. Auch mein Schreiben und meine Website sehe ich als eine Plattform, in der Kommunikation stattfinden kann: Daher freue ich mich stets über Rückmeldungen.

3.: Kritik an den postmodernen Lebensanschauungen

Habermas war ein Verteidiger der Moderne in einer Zeit, in der sich zunehmend die postmoderne Lebenshaltung eines „anything goes“ – alles ist möglich eingeschlichen hat. Mit Habermas will ich an der Zuversicht festhalten, dass eine andere Welt möglich ist – frei von den kapitalistischen Entfremdungen, frei von Kriegslogiken und der Zerstörung von Lebensgrundlagen. Mit Habermas will ich mir die Zuversicht nicht nehmen lassen, dass es noch möglich ist, diese Welt vor einem großen Armaggeddon zu bewahren.

4.: Religion und Vernunft miteinander verknüpfen

Habermas hat vor allem am Ende seines Lebens den Religionen einen wichtigen epistemischen Wert zugemessen, wobei er immer wieder auch ihre Ambivalenz in den Blick nimmt. Einerseits warnte er zeitlebens vor einer fundamentalistisch gewandeten Rückkehr der Religionen und der Verdrängung einer aufklärerischen Säkularität, andererseits sind Religionen für ihn ein epistemischer Ernstfall, der zum Leben Wesentliches beiträgt. Eine plumpe Religionskritik entspricht nicht dem deutschen Meisterdenker. In meinem Religionsunterricht ermutigte ich die Schülerinnen und Schüler stets, dass sie ihren Glauben zu begründen lernen. Ein Glaube an das Göttliche, der nicht empirisch begründet ist, der sich nicht auch im Lichte der Aufklärung „beweisen“ lässt, kann leicht zu einem gefährlichen Aberglauben werden. Gerade in der Gegenwart erleben wir eine fatale Rückkehr einer fundamentalistisch geprägten Religiosität, wie sie von Donald Trump oder Pete Hegseth instrumentalisiert wird und von Technokraten wie Peter Thiel theoretisch entwickelt wird.

5.: Mit Habermas in der Bibel lesen und sie verstehen

Am Todestag von Habermas las ich das aktuelle Sonntagsevangelium und wir redeten in unserer kleinen Gemeinde darüber. Die Stelle aus dem 9. Kapitel des Johannesvangeliums ist für mich wie ein Lehrbeispiel für das, was ich im Denken von Jürgen Habermas finde und schätze. Die Begegnung zwischen dem Blindgeborenen und Jesus ereignet sich bewusst in der Öffentlichkeit. Habermas sprach immer wieder davon, dass es die Öffentlichkeit für die Kommunikation brauche.  Die Heilung geschieht durch eine mehrfache verbale und nonverbale Kommunikation. Erstens in dem Gespräch zwischen dem Blinden und Jesus. Zweitens werden aber auch die Systeme rundherum mit einbezogen. Das führt zum Diskurs. Die Nachbarn und selbst die Pharisäer beginnen nun über das Tun Jesu zu reden. Der Blinde wird geheilt und mit Habermas könnten wir davon sprechen, dass das bessere Argument wohl am Ende das Wort hat. Die Heilung des Blinden ist wie das Licht der Aufklärung.

klaus.heidegger
(Bild von m.m., kommunikativ unterwegs in der Fanesgruppe im aufklärenden Licht)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.