
Im Monat, dessen Name sich vom römischen Kriegsgott ableitet, sind nach dem einerseits schneearmen und andererseits lawinengefährdeten Winter, nun noch Skitouren gut möglich. Ich versuche dabei meine Gedanken zu lösen von den kriegerischen Cäsaren im Heute.
Die äußeren Fakten der Skitour am 21. März sind schnell erzählt und Beschreibungen auf den Wolfendorn lassen sich in den einschlägigen Foren genügend finden. In „Almenrausch“ heißt es, es sei „eine der schönsten Skitourenziele im Brennergebiet“ und die Tour wird als „anspruchsvoll“ angegeben. Knapp 1400 Höhenmeter sind es vom Brennerwolf auf 1400 Meter bis zum 2776 m hohen Gipfel. Mit meinem schreibenden Rückblick verbinde ich das Äußere mit dem konkreten Jetzt und verstricke darin meine Gedanken und Gefühle, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendeln. Die winterlich geprägten Touren bedeuten jedes Mal neu mit ihren rasch wechselnden Bedingungen ein behutsames Sich-Zurechtfinden mit Berg und Wetter. Stets gilt die Bergphilosophie: Nicht wir passen die Berge an unsere Bedürfnisse an, sondern wir Menschen passen uns an die Natur der Berge an.
Die besondere Qualität heute ist wohl wieder, dass wir uns als Gruppe im Berg bewegen. Die beiden Tourenführer des AV-Hall sind ein harmonisches Duo. Die Mitglieder der Gruppe sind routiniert. Startpunkt ist beim Gasthof Wolf knapp unterhalb der Brennergrenze. Nur kurz haben wir die Ski noch am Rucksack und gehen den markierten Waldsteig zwischen nadellosen Lärchen hinauf Richtung Luegeralm. Dann geht es aber gleich Rinnen und Hänge mit ausreichend Schnee in etlichen Spitzenkehren höher. Noch lange hören wir den Lärm des Massenverkehrs auf der Brennerautobahn. Die Lawinensituation ist entspannt. Harscheisen braucht es nicht. Im Himmel ist ein schnell wechselndes Wolkenwirrwarr, das manchmal zwischen grau-schwarzen Wolken das Blau des Himmels hervorblitzen lässt und dann wieder ein paar Schneeflocken herunterwirbelt. Nach den Steilhängen bietet sich ein weites Becken, das im Süden von Felswänden eingegrenzt wird. Steil ragt der Gipfel des Wolfendorns heraus. Davor ist das Wolfenkind – eine kleine imposante Felsgestalt. Ein paar Schneehühner machen sich bemerkbar und beschweren sich über die Eindringlinge. Der Wind vom Süden hat mächtige Wechten geformt. Auf der Gratschneide hinunter ins Pfitschertal sind Wächtenverbauungen. Die alte Militärstraße lässt sich an manchen Stellen noch gut ausmachen. Vom Skidepot weg bin ich dann wieder froh um die Sicherheit, die mir die Steigeisen am steilen Gipfelhang geben. Am Gipfel mit dem windschiefen Holzkreuz kommen einige Erinnerungen an meine Studentenzeit. Damals war der Wolfendorn ein für mich beliebter Berg. Ich konnte mit dem Zug – im Raucherabteil – bis zur Haltestation Brennersee fahren. Das war mein Ausgangspunkt und selbst im April war es noch möglich, von unten mit den Ski wegzugehen. Damals auch war der Gipfelhang für mich problemlos vom Süden her mit Ski zu besteigen. Ich saß dann alleine am Gipfel und rauchte selbstgedrehte Zigaretten – was ich Jahrzehnte später als zeitbedingte Dummheit beurteile. In meiner Geldtasche hatte ich Schilling und Lire und wusste so vieles noch nicht. Allerdings waren schon damals meine Gedanken geprägt von den Büchern über die Grenzen des Wachstums und von Philosophen wie Habermas, die uns Wege zeigten, wie ein gutes Leben für alle Menschen auf diesem Planeten ohne Krieg und Ausbeutung möglich wäre. Schon damals wollte ich nie Teil der Ausbeutungs- und Kriegskultur sein.
Aber zurück in die Gegenwart. In den Hängen und Mulden finden wir bei der Abfahrt unverspurten Pulver und weiter unten kurven wir mühelos zwischen den Lärchen zurück zum Ausgangspunkt. Das Gasthaus Wolf ist einladend und bietet einen idealen kulinarischen Abschluss für eine Gemeinschaftstour, bei der es stets um mehr geht als um Höhenmeter und Pulverschwünge. Neben dem Gasthaus steht die Wolfenkapelle aus dem 16. Jahrhundert. Bevor die Autobahn in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut wurde, stand sie weiter unten am Passübergang. Gasthaus und Kapelle wurden dann einfach abgebaut und an der heutigen Stelle wieder errichtet. Als Theologe sinniere ich über das große Kruzifix im Inneren der Kapelle. Der Künstler hat sein eigenes Haar genommen, um damit das Haupthaar Jesu zu bilden. Was heißt es für mich heute, jesusähnlich zu werden, fragt in mir meine Theologenseele.
Fotoc.: JJ