Die Botschaft von einem roten Lichtkreuz, einem Tetraeder-Altar und einer Kirche in Veränderung

Noch hängt das große Kreuz von der Kassettendecke der Pfarrkirche Petrus Canisius. Es wird aus vielen roten dreieckigen Plexi-Scheiben und Glas gebildet. Blutrot wie das Leben sind die Plexi-Scheiben. Im Kreuz ist das Licht. Noch steht darunter der massive Altar, geformt nach einem Tetraeder, die das kreisförmige Altarblatt tragen. Das Kreuz schwebt über dem geerdeten Altar. Kreuz und Altar bilden die Einheit – bilden ein Oben und Unten, eine Begegnung von Himmel und Erde. Leicht Schwebendes und schwer Verankertes sind im harmonischen Spiel zueinander. Die christliche Botschaft verdichtet und konkretisiert sich im geteilten eucharistischen Brot, das Menschen und Welt verwandeln kann. So wie das jesuanische Markenzeichen die solidarischen Gastmähler waren – und nicht ein Opfertod – so drückt es der Altar aus, um den sich eine Gemeinde versammeln könnte. Eucharistie und Gemeindemessen werden in der Pfarrkirche Petrus Canisius nicht mehr gefeiert werden. Die Kirche wurde umgewidmet. Der Erhalt der Kirche wäre zu teuer. Es rechnet sich nicht mehr angesichts der kleinen Schar von Gläubigen, die auch von der Nachbargemeinde im Sinne des Seelsorgeraumkonzeptes beheimatet sein können. Die Katholikenzahl in Innsbruck ist auf 37 Prozent gerutscht. Von denen ist wohl auch der größere Teil der Kirche entfremdet. Die Kirchenbänke ringsherum sind entfernt worden. Am abgenützten Teppichboden sieht man noch die Umrisse. Es brennt kein Ewiges Licht mehr. Die beweglichen sakralen Gegenstände sind verschwunden. Lichthell von der mittäglichen Frühlingssonne ist der Innenraum – und die Lichtwände wirken nun schmutzig. Nochmals bin ich die steilen Stufen zur Kirche hinaufgegangen. Bald wird hier die Boulderhalle errichtet sein. Es wäre wohl unpassend, Altar und Kreuz noch zu belassen. Sollen sich die Kletternden auf den Altar setzen, während sie ringsherum die Bouldermöglichkeiten begutachten und einander anfeuern? Auch das Kreuz würde irritieren. Noch reflektiert es das Licht, das von oben und von den seitlichen Lichtflächen kommt.

Mein derzeitiges Zuhause ist gleich neben der denkmalgeschützten Kirche und dem Pfarrzentrum und dem großzügigen Außenbereich. All dies liegt am Inn und gegenüber der Universität und hat so aufgrund der Lage einen besonders hohen Wert. Nun soll die Kirche zur Boulderhalle werden. Die Einwohnerzahl in der Höttinger Au ist seit 1968, als im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche Petrus Canisius und das dazugehörende Pfarrzentrum erbaut worden sind, um ein Vielfaches gewachsen. Die Beteiligung an Gottesdiensten ist um ein Vielfaches geschrumpft.

Kirchlich sozialisiert bin ich weiterhin ein Anhänger von pfarrlichen Wohnortgemeinden und nicht von großen Pfarrzusammenschlüssen. Wo liegen die Ursachen, dass in einer Pfarrgemeinde mit rund 1200 Mitgliedern sich bei der Sonntagsmesse durchschnittlich nur 25 Leute treffen? Warum sind es vor allem junge Menschen, die sich immer weniger in den kirchlichen Strukturen beheimatet fühlen? Ja, die Kirche hat ein großes Imageproblem, solange Frauen und Männer in der Ämterstruktur nicht die gleichen Rechte haben. Warum darf die engagierte Pastoralassistentin dieser Pfarre Taufgespräche führen, nicht aber selber taufen oder vielleicht sogar einer Eucharistiefeier vorstehen? Solche Fragen müssten gestellt werden. Seit meiner Zeit als Alumne im Priesterseminar – und das ist viele Jahrzehnte her – träume ich von einer Kirche, in der gemäß der frühen Tradition der Kirche Frauen wie Männer die gleichen Rechte haben, in der die Sakramentenspendung nicht länger an zölibatäre klerikale Männer gebunden ist. Eine authentische, glaubwürdige, vor Ort beheimatete Kirche könnte dazu beitragen, dass nicht noch mehr Menschen die Kirche verlassen und Ausgetretene wieder in die Kirche zurückfinden und dass junge Menschen auch ohne Boulderwände eine Kirche cool erleben könnten.

Ich sitze in der Kirche und denke über die Kirche nach, über eine Kirche und ihre Liturgieformen, von denen ich mich gelöst habe, und über ein Kirchesein, das meinem Glauben entspricht. Vieles ist daraus ausgeräumt worden – wie in der Pfarrkirche Petrus Canisius – und das Ausgeräumte macht mich frei, mein Kirchesein neu zu finden. Geblieben ist die Sehnsucht nach dem Lichtkreuz von oben und der starken Verankerung unten, wo das Brot geteilt und das Leben miteinander gefeiert wird. In meiner gegenwärtig erlebten physischen Gebrechlichkeit fühle ich mich hinein in das, was eine christliche Gemeinde sein könnte: Dass man einander hilft – selbst wenn es sich nur um ein gebrochenes Bein handelt und die Unfähigkeit, dadurch einkaufen zu können. Die Menschen hier in diesem Stadtteil bräuchten einander – und es wäre schön, wenn Gemeinschaft und Solidarität oder ein Auf-einander-Schauen realisiert werden würde.

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