Von der Philosophie und Theologie eines Gipsfußes

Absurdität als Ausgangspunkt

Schon der Unfall hatte etwas Absurdes an sich und katapultierte mich in die Philosophie eines Camus. Die Ski waren wie so oft in diesem Winter-Frühling auf dem Rucksack. Mit dem Rad versuchte ich schnell auf der linken Seite an einem Fußgänger vorbeizufahren, der auf meinem Weg war und nicht wusste, ob er sich nun rechts oder links bewegen sollte. Mein Gemütszustand war im Augenblick ohnehin nicht der beste. Es war ein Mix von verschiedenen äußeren und inneren Umständen. Zu schnell. Zu unaufmerksam. Da war allerdings auch ein Baum, dessen Äste mit sprießend-frühlingsgrünem Laub voll waren. Die Skispitzen verhängten sich darin. Es zog mich abrupt zurück. Ich machte einen Vollbremser und landete vor dem Beginn einer Brücke auf dem Asphalt. Der Radrahmen entfaltete wie ein Brecheisen seine physikalische Energie von Geschwindigkeit mal Gewicht auf meinem Sprunggelenk und Wadenbein. Die Brücke sollte mich auf die andere Seite bringen. Vor der Brücke blieb ich nun liegen. Aus der Brücke wurde ein Bruch – eine Fibula fractura, wie ein CT-Bild später zeigen sollte. Noch in der Notfallambulanz der Klinik wollte ich mir der Absurdität nicht bewusst sein und träumte von der Skihochtour in den Viertausendern der Schweiz, die unmittelbar im Anschluss hätte sein sollen.

Fünf Wochen Gipserlebnis liegen nun bereits hinter mir. Von einem täglich aktiven Sportleben mit Skitouren, Sportklettern, Radfahren und Schwimmen war ich auf Null gestellt. Zunächst war eine Woche Liegespaltgips. Ich traute meinen Fuß kaum zu bewegen, damit möglichst schnell zusammenwachse, was auseinander war. Ich blickte hinauf zu den Bergen, auf denen ich den Tagen zuvor noch war und wo nun der Schnee in der Frühlingssonne und mit den warmen Winden aus dem Süden schnell schmolz. Meine neue Existenzweise mit einem gebrochenen Bein und irgendwie ramponierten Bändern rund um das Sprunggelenk schenkte mir nun neue Erfahrungen, die ich verknüpfte mit jenen philosophischen und theologischen Grundgedanken, die mir in den letzten Jahren wichtig wurden. Nun hatte ich mehr Zeit für diese geistigen Ausflüge.

Phänomenologie des Gipsfußes

Philosophie und Theologie gehen von konkreten Realitäten und einem konkreten Erleben aus. Als ich auf der theologischen Fakultät vier Semester Philosophie studieren konnte, hatte ich vieles noch nicht verstanden, obwohl die Namensgleichheit von Heidegger mit Heidegger eine existenzphilosophische Nähe zum großen deutschen Philosophen vermuten ließe. Doch beginne ich mit der Phänomenologie eines Edmund Husserl. Mit ihm könnte ich philosophieren, dass ein Gipsfuß nicht nur ein Objekt ist, sondern seine Objektivität auch mit der Subjektivität des Betrachtenden zu tun hat und erst darin seine besondere Bedeutsamkeit erlangt. Auch das Sprechen und Schreiben über einen Gipsfuß kann in Anlehnung an Husserl schon Philosophie sein. Mein Dasein mit Gipsfuß – hier nun die Terminologie von Martin Heidegger – eröffnet die möglichen neuen Begegnungen. Ich verknüpfe diese im Sinne der kommunikativen Theologie mit dem, was über Glauben und Religion gesagt werden kann.

Der Himmel, das sind die anderen

Das wohl berühmteste Diktum von Sartre lautet: „Die Hölle, das sind die anderen.“ In der Unbeholfenheit und relativen Hilflosigkeit, so plötzlich nur mehr einbeinig den Alltag zu meistern und unterwegs zu sein – den rechten Fuß durfte ich ja nicht belasten – erfuhr ich vor allem auf vielfältige Weise die heilend-helfenden Kräfte. Ohne Vorbehalt kann ich wohl von göttlichen Zuwendungen sprechen. In der liebenden Fürsorge begegnet mir das, was Religionen als „Gott“ bezeichnen, denn Gott ist Liebe und Barmherzigkeit, ist Licht im Dunkeln und eine Kraft, die Hoffnung und Stärke schenkt. Dankbar bin ich, in so einer Situation, wo ich auf Hilfe angewiesen bin, nicht alleine zu sein. Ich denke auch an kleine Alltagssituationen, als ich notwendige Erledigungen zu bewältigen hatte. Neben der großen Erfahrung von Unterstützung denke ich an ein paar Erlebnisse der letzten Wochen, in denen ich sowohl empathische und helfende Mitmenschen erlebte aber auch selbstzentrierte Egos.

Ein Donnerstag, an dem ich mich mit meinen Krücken und ihren auffällig plastikgelben Ellbogenstützen zur Nachbehandlung auf die Klinik bewege. Tiefblau ist der Frühlingshimmel. Schneeweiß darunter noch die Gipfel. Kräftig-grün schon die Bäume und Sträucher. Die Welt ist bunt und kräftig in ihren Farben und Schattierungen. Mein Weg hinunter zur nächsten Busstation ist mit meinem gebrochenen Bein und den lädierten Bändern am Sprunggelenk eine Herausforderung. Autos fahren an dem krückelnden Mann vorbei, dem es sichtlich nicht so leichtfällt, nur einbeinig die enge steile Straße hinunter zu gehen. Eigentlich könnte mich ja ein empathischer Autofahrer mitnehmen, denke ich mir. Ein Mann in meinem Alter geht gerade die Straße hinunter. Freundlich fragt er auf Englisch, ob alles okay sei. An seinem Rucksack baumelt eine Jakobsmuschel. Ich sage: Ultreia! Ein wenig gehen wir gemeinsam. Ich mag seinen australischen Akzent und vergesse etwas die Anstrengung meines Krückengangs. So redend, schaffe ich das Humpeln leichter. Australien ist mit Austria für ein paar Minuten verbunden. Bis zur Busstation ist es eine halbe Stunde. Mit dem Rad wären es nur wenige Minuten. Der Bus fährt mir direkt vor der Nase weg. Ein älterer Herr gibt mir einen Tipp, wie ich am besten zur Klinik komme. Bus – Straßenbahn. Nach mehr als eineinhalb Stunden Wegzeit bin ich in der Ambulanz. Ich entschuldige mich für die halbstündige Verspätung. Die Anmeldefrau ist wieder sehr freundlich. Es geht dann auch schnell: Gipsabnahme – neuer Gips – wieder in einem Tiefblau. Blau ist die Farbe des Himmels. In deutlich Oberinntaler Dialekt bekomme ich vom Gipsbastler Tipps. Er gibt mir einen Überziehschuh für den Gips. Dann Röntgen. Dann Untersuchung. Der Arzt ist mit meinem Röntgenbild zufrieden. Ruhe im Gips sei die Therapie. Wieder beginnt für mich eine lange Reise zurück. Der Weg durchs Klinikgelände ist lang. Hundert Meter sind nun vergleichbar mit einem Halbmarathon. Die Ampelphase am Zebrastreifen ist zu kurz für mich. Straßenbahn. Bus. Dann die steile Straße hinauf. Ich mache mehrmals Pause. Es geht langsam. Dann fährt wieder ein Auto vorbei. Es fährt unerwartet zurück. Ein junger Mann fragt mich, ob er mich irgendwohin mitnehmen könne. Dankbar nehme ich es an.

Im Laufe der nächsten Wochen hatte ich noch zwei Mal eine solche Erfahrung. Gott schickt also doch immer wieder Engel auf diese Erde. Von Nietzsche über Sartre und Camus – ich würde all diesen großen Denkern antworten: Den Gott, den ihr in euren Denksystemen verworfen habt, den gibt es wirklich nicht. Es gibt keinen allmächtigen Über-Ich-Vater-Gott. Dieser ist wirklich nur eine Erfindung, eine Vertröstung, eine Projektion und muss abgeschafft werden. Es gibt nicht den Himmel in einem Jenseits. Mein Gipsfußsein hat mir aber wieder neu auf besondere Weise gezeigt. Jene heilende und empathische Gottkraft gibt es, die im inneren Wesen aller Religionen liegt.

Freilich gibt es auch die anderen Erfahrungen: Autofahrende, die das unbeholfene Krückenwesen eher noch an den Rand einer engen Straße drängen. Meine Wohnsein in einem Mehrparteienhaus, wo innerhalb von sechs Wochen niemand von meiner Malaise erfuhr. Ich könnte wohl neben meinen Nachbarn, die Tür an Tür wohnen, sterben, ohne dass es auffiele. Wie hatte es Sartre in seinem Werk „geschlossene Gesellschaft“ formuliert: „L’enfer, c’est les autres“.

Von der Gipsfußexistenz zur Essenz

Noch einmal zurück zu Camus. Was könnten die Philosophie und das Denken von Camus mir sagen? Was zeigen mir seine literarischen Werke? Er würde mich wohl ermutigen, das Absurde zu umarmen, um es zu verändern und in dieser Umarmung einen Sinn zu sehen. Nicht aufgeben, sondern im Gegenteil das Absurde als Gegebenheit annehmen, um in dieser Auseinandersetzung mit dem chaotisch Absurden die eigene Resilienz zu stärken und einen Sinn zu entdecken. Nochmals las ich den kurzen Essay von Camus „Der Mythos des Sisyphos“. Es gilt auch für mich: So wie selbst Sisyphos in seiner Aufgabe, den Stein immer neu hinauf zu wälzen, glücklich sein konnte, weil er gegen diese unausweichliche Arbeit nicht rebellierte, weil ihn diese Arbeit nicht in eine nihilistische Lebensverweigerung trieb, sondern ihn selbst zum anderen „Helden“ machte. Ich denke an Viktor Frankl und seine logotherapeutische Weisheit. Nicht du schenkst dem Leben einen Sinn, sondern das Leben schenkt dir in seinen je verschiedenen Seinsformen einen Sinn. Und Sartre würde ergänzen: Es ist meine Freiheit, in jeder konkreten Situation meiner Existenz die Essenz zu entfalten.

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