Long-Distance-Rennradtour: Von Biarritz bis Feldkirch

Die Pyrenäen vom Atlantik zum Mittelmeer in ganzer West-Ost-Ausrichtung mit dem Rennrad durchqueren. Ohne fossile Brennstoffe in Erderhitzungstagen klimabewusst unterwegs sein. Pyrenäen-Pässe wie an einer Perlenschnur miteinander verbinden. Legendäre Pässe der Tour-de-France wie den Tourmalet oder Col d’Aspin erspüren. Auf einsamen Gebirgsstraßen unterwegs sein und fern von jedem Overtourism in kleinen Bergdörfern übernachten. Stets über die mit Komoot geplante Route GPS-gesteuert auch noch so kleine Wege finden, die von den großen Straßen wegführen. An einem Brunnen sitzen und nach einer langen Berg-Tal-Berg-Tal-Berg-Tal-Fahrt das erfrischende Wasser trinken. Anfangs mehr Pferde und Kühe entlang schmaler Straßen und dann aber auch das tosende Brüllen von schweren Motorrädern. Sich an einem Brunnen oder Bach am Weg mit einer Wasserflasche das Wasser über den Kopf schütten. Im Wiegetritt steile Rampen emporklimmen – manche bis zu 18 Prozent – und stets vorsichtig bei der Abfahrt bleiben. Der Asphalt wird manchmal so heiß, dass er weich wie Gummi wird, und der Straßenbelag hat die Temperatur einer eingeschalteten Herdplatte. An einem Tag mit 100-Kilometern in den Beinen und fast 2000 Höhenmetern auch noch die letzten Kilometer bis zur Unterkunft schaffen und müde ins Bett fallen. Nicht verzweifeln, wenn in der Mitte des Tages oder am Ende plötzlich ein Platten im Reifen ist. Jeden Tag neu sich überraschen lassen von der Art der Unterkünfte. Jeden Morgen wieder die Satteltasche mit den paar Habseligkeiten stopfen, damit alles möglichst dicht ist und nicht wackelt. Dörfer mit viel Abwanderung und geisterhafte Wintersportorte. Zighunderte Brücken und zighunderte Kreisverkehre – und dabei die richtige Ausfahrt finden. Lavendelfelder, Sonnenblumenfelder, Getreidefelder, Walnussbaumwälder, Weinberge, Auwälder, Nationalparks – und dann wieder verkehrsreiche Vorstädte mit Industrieanlagen, Wohnsilos und Einkaufszentren. Vom Mittelmeer weg täglich neu die Etappen planen in Richtung Österreich. Grobe Kieswege entlang von Dünen an der Mittelmeerküste und Nationalstraßen mit nervigem Massenverkehr. Gastfreundschaft in Herbergen und Unterkünften verschiedenster Art. Dunkles kräftiges französisches Bier in 750ml-Größe. Kathedralen und kleine romanische Bergkirchen am Weg. Tiefblauer Himmel und goldene Getreidefelder. Liebevoll vorbereitete Frühstücksvariationen und immer wieder schnelle Einkäufe in Supermärkten entlang der Strecke für ausgetrocknete und hungrige Körper. Bekannte Städte mit historisch bedeutsamer Geschichte und Radwege entlang von bedeutsamen Flüssen wie Rhone und Isere. Im Kampf gegen die Windböen des Mistral Richtung Norden nicht verzweifeln und dankbar für den Windschatten sein. Die Route ändern und entlang vieler Seen die Schweiz durchqueren. Sich Zeit nehmen für eine Abkühlung in einem der Seen. Um den großen autoverseuchten Durchzugsstrecken auszuweichen – ganz lässt sich dies nicht bewerkstelligen – kleine Wege im Auf und Ab ansteuern. Begegnet uns der Massenverkehr, der Lärm der Straßen, die glühenden Pkws – dann zweifle ich einmal mehr an der ökologischen Vernunft der Masse der Menschen.  Wie kann man angesichts der so deutlich spürbaren Folgen des Klimawandels – Rekordhitze, Dürre, Waldbrände – noch seine Spaßfahrten mit fossilen Fahrzeugen machen? Am Ende unserer Reise schließlich der Grenzstein des Fürstentums Liechtenstein und der geöffnete Grenzbalken nach Österreich. Das Ziel erreichen, doch ist das eigentliche Ziel der Weg gewesen und die erfahrene Gemeinsamkeit auf diesem Weg. Und wie so oft im Leben: Manche Träume lassen sich nur in einem Team erreichen, das aufeinander schaut, sich ermutigt, wenn Müdigkeit eintritt, und arbeitsteilig Aufgaben übernimmt nach einem Tag im Sattel. Zeitlos fahren ohne Druck, von morgens bis abends, 20 Tage ohne Ruhetag. Drei Wochen, die zeigen, dass gerade die Reduktion auf das ganz Wenige hilft, die Welt in ihren vielen Dimensionen zu erfahren, vom lauten Zirpen von Millionen Zikaden entlang heißer Wege in Südfrankreich bis zum morgendlichen Krähen der Hähne im Appenzellerland, von einem weichgewordenen Ziegenkäse mit Baguette in den Pyrenäen und einer großen Flasche Cola aus dem einzigen Lebensmittelladen in einem der Dörfer entlang der Strecke, von dem heiß ersehnten Bier am Ende einer heißen Etappe, von Menschen, die uns ungläubig wie Außerirdische betrachten, wenn sie nach dem Anfangs- und Endpunkt unserer Reise fragen. Die einzelnen Tage der Reise werde ich nun wohl auch noch dokumentieren. Wie Puzzlestücke für ein großes Ganzes. 2338 Kilometer und 25.830 Höhenmeter im Aufstieg.

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