
Ein Berg mit einem großen Namen im Nationalpark Hohe Tauern stand schon lange auf meiner Wunschliste. Großvenediger. Immer wieder strahlte er mir von weit entgegen, wenn ich auf einem der mir vertrauten Gipfel in Richtung Osten schaute. Der fünfthöchste Berg Österreichs mit 3657 Metern – inzwischen soll er ja niedriger geworden sein. Dennoch bleibt er der höchste Gipfel vom Bundesland Salzburg. Wegen Lawinengefahr und Wetterbedingungen sagten wir bereits zweimal eine geplante Skitour dorthin ab. Diesmal aber sollte es klappen. Meine Beschreibung will subjektiv sein. Das Persönliche wickelt sich um die objektiven Fakten, die allein in Tourenbeschreibungen besser und unverschnörkelt nachgelesen werden könnten.
Die Sektion des Alpenverein Hall ermöglicht diese Tour. Sie ist wieder perfekt und professionell vorbereitet. Mit dem AV-Bus geht es nach Neukirchen am Großvenediger. Von dort fahren wir mit einem geländegängigen Tälertaxi bis hinein zum Parkplatz der Talstation von der Kürsinger Hütte. Zu Fuß wäre es eine Talwanderung von 13 Kilometern. Imposant ist schon die Anfahrt. Westlich des Tales mit dem tiefen Einschnitt zu Beginn sind hohe Wasserfälle. Später folgen Almböden. An manchen Stellen zeigen Steinmuren, wie das Gebirge aufgrund des auftauenden Permafrostes seine Stabilität verliert. Schließlich steigen wir von der Talstation der Materialseilbahn die restlich verbleibenden 600 Höhenmeter den Normalweg, das „Klamml“, zur Kürsinger Hütte (2558 Meter) auf. Der gut ausgebaute Steig geht steil hinauf und ist an manchen Stellen mit Stahlseilen und Stahltritten gesichert. Unser morgiges Ziel, der Großvenediger, sieht verlockend aus. Weit unterhalb des Obersulzbach-Kees liegt ein Gletschersee. Von dort gäbe es auch einen leichten Klettersteig hinauf zur Hütte. Die Zunge des Obersulzbach-Kees reicht längst nicht mehr in den trüben Gletschersee hinein. Immer noch mächtig mit vielen Spalten windet sie sich der Gletscher wie ein Schal um den Gipfel des Großvenedigers. Nackt sind seine Grate.
Aufbruch am nächsten Tag ist bereits um 5.00 Uhr in der Früh. Das machen auch andere Seilschaften so. In der Morgendämmerung geht es los. Das Wetter wird für uns günstig sein. Kein Regen. Kein Nebel. Kein Gewitter. Rund eineinhalb Stunden führt uns ein markierter Steig zum Anseilplatz am Gletscher. Wir sind drei Seilschaften mit je fünf Personen und einem Berg- bzw. Tourenführer. Schon gestern zeigte sich, dass wir gemeinsam ein flottes Tempo gehen können. Meine AV-Sektion ermöglicht es wieder, dass Menschen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen – das Altersspektrum umfasst diesmal 55 Jahre – gemeinsam so gut unterwegs sein können. Von Beginn an bin ich froh um die Steigeisen. Schon lange bin ich nicht mehr über einen Gletscher mit so vielen Spalten gegangen. Die Zwölfzacker halten perfekt auf der Gletscherfläche, die zu Beginn keine Firnauflage mehr hat. Werden die Gletscherbrücken halten, über die wir immer wieder gehen? Professionell manövriert uns der Bergführer hinauf zur Venedigerscharte. Kurz davor gibt es noch einen Sprung über zwei Randspalten zu wagen. Der legendäre Schlussgrat ist weniger ausgesetzt, als er in den vielen Bildern immer erscheint. Die Bedingungen sind ideal. Um 9.20 sind wir am Gipfel. Beim Rückweg wird die Firnauflage am Gletscher immer weicher und zuletzt rinnen am nackten Eis zwischen den Spalten kleine Bächlein von Schmelzwasser unter unseren Steigeisen. Der Gletscher schwitzt. Längst hat die Wissenschaft solches vorausgesagt. Im Jahr verliert auch hier der Gletscher rund 50 Meter an Länge. Längst wüssten wir alle, welche Maßnahmen es gäbe, um die Erderhitzung und damit das rasante Gletschersterben zu stoppen. Weder Massenmenschen im Massenverkehr noch eine dazu passende populistische Massenpolitik haben jedoch Gletscherschutz am Programm.
Dankbar für die achtsam Führenden , für das Aufeinanderschauen in der Gruppe und für all das Erlebte auf dieser Hochtour, für den AV-Hall mit dem stets vielfältigen Programm, für die imposanten Naturlandschaften vom Tauerntal bis zum Gipfel von einem der ganz Großen Österreichs, der von den Erstbesteigern als „weltalte Majestät“ treffend bezeichnet wurde.