Persönliche Tour-de-France und Tour-de-Suisse-Kombi – die Reise im Detail

Prolog

Die Pyrenäen vom Atlantik zum Mittelmeer in ganzer West-Ost-Ausrichtung mit dem Rennrad durchqueren. Ohne fossile Brennstoffe in Erderhitzungstagen klimabewusst unterwegs sein. Pyrenäen-Pässe wie an einer Perlenschnur miteinander verbinden. Legendäre Pässe der Tour-de-France wie den Tourmalet oder Col d’Aspin erspüren. Auf einsamen Gebirgsstraßen unterwegs sein und fern von jedem Overtourism in kleinen Bergdörfern übernachten. Stets über die mit Komoot geplante Route GPS-gesteuert auch noch so kleine Wege finden, die von den großen Straßen wegführen. An einem Brunnen sitzen und nach einer langen Berg-Tal-Berg-Tal-Berg-Tal-Fahrt das erfrischende Wasser trinken. Anfangs mehr Pferde und Kühe entlang schmaler Straßen und dann aber auch das tosende Brüllen von schweren Motorrädern. Sich an einem Brunnen oder Bach am Weg mit einer Wasserflasche das Wasser über den Kopf rinnen lassen. Im Wiegetritt steile Rampen emporklimmen – manche bis zu 18 Prozent – und stets vorsichtig bei der Abfahrt bleiben. Der Asphalt wird manchmal so heiß, dass er weich wie Gummi wird, und der Straßenbelag hat die Temperatur einer eingeschalteten Herdplatte. An einem Tag mit 100-Kilometern in den Beinen und fast 2000 Höhenmetern auch noch die letzten Kilometer bis zur Unterkunft schaffen und müde ins Bett fallen. Nicht verzweifeln, wenn in der Mitte des Tages oder am Ende plötzlich ein Platten im Reifen ist. Jeden Tag neu sich überraschen lassen von der Art der Unterkünfte. Jeden Morgen wieder die Satteltasche mit den paar Habseligkeiten stopfen, damit alles möglichst dicht ist und nicht wackelt. Dörfer mit viel Abwanderung und geisterhafte Wintersportorte. Zighunderte Brücken und zighunderte Kreisverkehre – und dabei die richtige Ausfahrt finden. Lavendelfelder, Sonnenblumenfelder, Getreidefelder, Walnussbaumwälder, Weinberge, Auwälder, Nationalparks – und dann wieder verkehrsreiche Vorstädte mit Industrieanlagen, Wohnsilos und Einkaufszentren. Vom Mittelmeer weg täglich neu die Etappen planen in Richtung Österreich. Grobe Kieswege entlang von Dünen an der Mittelmeerküste und Nationalstraßen mit nervigem Massenverkehr. Gastfreundschaft in Herbergen und Unterkünften verschiedenster Art. Dunkles kräftiges französisches Bier in 750ml-Größe. Kathedralen und kleine romanische Bergkirchen am Weg. Tiefblauer Himmel und goldene Getreidefelder. Liebevoll vorbereitete Frühstücksvariationen und immer wieder schnelle Einkäufe in Supermärkten entlang der Strecke für ausgetrocknete und hungrige Körper. Bekannte Städte mit historisch bedeutsamer Geschichte und Radwege entlang von bedeutsamen Flüssen wie Rhone und Isére. Im Kampf gegen die Windböen des Mistrals Richtung Norden nicht verzweifeln und dankbar für den Windschatten sein. Die Route ändern und entlang vieler Seen die Schweiz durchqueren. Sich Zeit nehmen für eine Abkühlung in einem der Seen. Um den großen autoverseuchten Durchzugsstrecken auszuweichen – ganz lässt sich dies nicht bewerkstelligen – kleine Wege im Auf und Ab ansteuern. Begegnet uns der Massenverkehr, der Lärm der Straßen, die glühenden Pkws – dann zweifle ich einmal mehr an der ökologischen Vernunft der Masse der Menschen.  Wie kann man angesichts der so deutlich spürbaren Folgen des Klimawandels – Rekordhitze, Dürre, Waldbrände – noch seine Spaßfahrten mit fossilen Fahrzeugen machen? Am Ende unserer Reise schließlich der Grenzstein des Fürstentums Liechtenstein und der geöffnete Grenzbalken nach Österreich. Das Ziel erreichen, doch ist das eigentliche Ziel der Weg gewesen und die erfahrene Gemeinsamkeit auf diesem Weg. Und wie so oft im Leben: Manche Träume lassen sich nur in einem Team erreichen, das aufeinander schaut, sich ermutigt, wenn Müdigkeit eintritt, und arbeitsteilig Aufgaben übernimmt nach einem Tag im Sattel. Zeitlos fahren ohne Druck, von morgens bis abends, 20 Tage ohne Ruhetag. Drei Wochen, die zeigen, dass gerade die Reduktion auf das ganz Wenige hilft, die Welt in ihren vielen Dimensionen zu erfahren, vom lauten Zirpen von Millionen Zikaden entlang heißer Wege in Südfrankreich bis zum morgendlichen Krähen der Hähne im Appenzellerland, von einem weichgewordenen Ziegenkäse mit Baguette in den Pyrenäen und einer großen Flasche Cola aus dem einzigen Lebensmittelladen in einem der Dörfer entlang der Strecke, von dem heiß ersehnten Bier am Ende einer heißen Etappe, von Menschen, die uns ungläubig wie Außerirdische betrachten, wenn sie nach dem Anfangs- und Endpunkt unserer Reise fragen. Die einzelnen Tage der Reise werde ich nun wohl auch noch dokumentieren. Wie Puzzlestücke für ein großes Ganzes. 2338 Kilometer und 25.830 Höhenmeter im Aufstieg.

Montag, 22. Juni 2026: Von Biarritz nach Saint-Jean-Pied-de-Port

Der Startpunkt unseres Rennradabenteuers ist in der baskischen Stadt Biarritz im Südwesten Frankreichs. Aber eigentlich war der Aufbruchspunkt schon daheim: mit all den Träumen, Erwartungen und Vorbereitungen und der Lust nach gemeinsamem Abenteuer, nach dem Austesten von Grenzen und der Bereitschaft, sich Neuem und Unbekanntem zu öffnen – einmal nicht kurz und schnell ein paar Tage, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. In der Hitzewelle, die in Deutschland herrschte, wurde schon die Anfahrt mit den Zügen zum Abenteuer. Einige der geplanten Züge fielen ganz aus, andere hatten dann in Folge Verspätung, Reservierungen verfielen. Deutschland steckt Milliarden in die Aufrüstung – an der Bahninfrastruktur hapert es aber ordentlich. Die sorgfältig gepackte Radtasche und minimalistisch konzipierte Radtasche meiner Companera wurde im Zug entwendet. In Köln musste dann alles neu gekauft werden. Der Interrail-Global-Pass für 5 Tage macht das Reisen sehr günstig und mit den leichten Radtaschen sind die Carbonräder schnell verstaut und finden auseinandergebaut Platz in den Gepäcksregalen der Schnellzüge. Reservierungsmöglichkeiten für den TGV sind freilich schon komplizierter. Es gibt nur eine beschränkte Anzahl für Global-Pass-Fahrende. So hatten wir noch einen zusätzlichen Aufenthalt in Paris, fanden dort ein kleines einfaches Hotel mit freundlicher Aufnahme in der Nähe vom Gare Montparnasse. Bis dorthin ging es abends durch die Stadt, die wegen eines jährlich stattfindenden Musikfestivals im Ausnahmezustand war. Vor vielen Lokalen wurde Musik gemacht und standen jeweils Hunderte Menschen. Auf dem Umweg vom Bahnhof Gare du Nord quer durch die Stadt und entlang einiger der bekannten historischen Gebäude und Plätze geschah dann der Unfall. Kurz vor dem Eifelturm, wir wollten dort bei Sonnenuntergang sein, machte es einen lauten Knall, dem ein Schmerzens- und Wut-Schrei folgte. Blutend am Ellbogen und am Bein lag meine Companera auf der Straße. Das Hinterrad hatte einen Platten. Einer der Tausenden E-Bike-Fahrer ist voll von hinten in sie gekracht, als sie wegen Scherben auf dem Weg leicht abgebremst hatte. Der Knöchel war geschwollen. Sollte das schon das Ende der geplanten Tour gewesen sein, noch bevor sie richtig angefangen hatte? Die herbeigerufene Polizei war wenig hilfreich. Mit etwas Mühe und geschockt konnte ich den Platten flicken. In einer nahen Polizeistation wurden die Wunden versorgt. Knochen, Gelenke und das Rad funktionierte noch. Das kleine Hotel mit dem freundlichen Portier war tröstend.

Zurück nach Biarritz. Nur wenige Leute steigen aus dem TGV. Unsere Räder werden aus den leichten Nylonsäcken gepackt. Die Montage geht schnell: Laufräder befestigen, Sattel wieder auf ideale Sitzposition bringen, die Satteltaschen unter dem Sattel festbinden. Von Beginn an erweist sich das Fahrrad als klimatauglich bestes Fahrzeug. High Noon-Stimmung am entlegenen Bahnhof. Der TGV, mit dem wir von Paris bis Biarritz in rund vier Stunden durch Frankreich sausten, war akklimatisiert. Hitze hier in Biarritz. Der Bahnhof liegt rund sieben Kilometer außerhalb der Stadt. Das Startfoto der Tour soll aber am Strand des Atlantiks sein. Wir finden die Bucht unterhalb der mondänen Fassaden der Hotelanlagen aus dem 19. Jahrhundert, die von jener Zeit erzählen, als hier Mitglieder der europäischen Königshäuser in ihrem Reichtum schwelgten. Der Reichtum von damals bröckelt ab. Die Belle Epoque und ihre Prasserei sind vorbei. Die Reichen von heute verdienen ihr Geld mit Finanzvermögen und ihre Yachten sind in den Häfen und ihre Luxusautos stehen vor den noblen Hotels. Nur wenige Menschen sind an diesem Tag am Sandstrand. Der Sand ist glühend heiß. Selbst das Wasser des Atlantiks fühlt sich nicht kalt an. Eine Möwe erobert die Jause eines Menschen, der sie während des Bades im Meer liegen ließ. Wir stärken uns noch mit einem Picknick am Strand und dann beginnt die Fahrt ins Landesinnere.

Rund 60 Kilometer und 750 Höhenmeter sind es von Biarritz bis zum ersten Etappenort in Saint-Jean-Pied-de-Port. Für einen normalen Rennradtag daheim nicht viel. Für die Reise mit Gepäck und vor allem bei der Hitze reicht es aber für einen Halbtag. Meist führt die Strecke entlang von Radwegen oder Nebenstraßen direkt entlang der Nive. Vor uns ist die Silhouette der westlichen Pyrenäen sichtbar. An einer Wasserstelle schütte ich mir die Flasche mit kaltem Wasser über den Kopf. Später fällt das Handy aus mit der Botschaft: „Wegen Überhitzung wird das Smartphone in den Ruhemodus gesetzt.“ Auf rund der Hälfte des Weges geht es in schluchtenartiges Gelände. Es wird Abend, bis wir in der kleinen Stadt ankommen. Ich freue mich auf diesen Ort, weil ich hier vor acht Jahren mit meinem Sohn Jakob auf der Rad-Pilgerfahrt von Innsbruck bis Santiago rund die Hälfte des Weges hinter mir hatte. Es war unser letzter Tag in Frankreich und es ging dann über einen Pass nach Spanien. Auf der steinernen Brücke über die Nive standen wir. Durch das Jakobustor gingen wir in die Altstadt. Noch lagen damals rund 80 Kilometer bis Pamplona als Tagesziel vor uns. Heute wirkt die Stadt menschenleer. Die Hitze scheint auch die Pilgerinnen und Pilger vertrieben zu haben. In der traditionellen Pilgerherberge sind nur ein paar Leute. In der Pizzeria daneben sind wir die einzigen Gäste. Der erste Tag unserer Pyrenäendurchquerung ist gut gelungen.

Dienstag, 23. Juni 2026: von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Bedous

Geplant war ein früher Aufbruch. Hier ganz im Westen Europas wird es aber erst später hell. Es war eine Tropennacht ohne Abkühlung. Rund 80 Kilometer verteilt auf knapp 2.000 Höhenmeter im Aufstieg sind geplant. Nach 20 Kilometern beginnt der erste von vielen Anstiegen. Eine kleine Bergstraße führt weit über die Hügellandschaft hinauf. Teils betragen die Steigungen bis zu 18 Prozent. Da es keinen Verkehr gibt, lässt sich aber gut in Schlangenlinien fahren. Pferde weiden – manche von ihnen haben Glocken – entlang der Straße. Gleich nach dem zweiten Pass macht es ein plötzliches Geräusch am Hinterreifen. Pffffffffffffffff. Der Schlauch ist geplatzt. Ich setze den Reserveschlauch ein. Ein paar Kilometer später dann wieder: Pffffffffffffff – Reifenplatzer. Die Alufelge ist aufgrund der Hitze und der Wirkung der Bremsbacken glühend heiß. Nun beginnt das Flicken. Vergeblich. Gleich nach dem Anbau macht es wieder pfffffffffffff. In einiger Entfernung ist eine Auberge. Ein paar Männer, die sich als sehr kundig darstellen, versuchen mit einem Pannenspray aus ihrem Auto den Reifen zu flicken. Ich fahre dann ein paar Meter und wieder macht es dieses schreckliche Pffffffff-Geräusch. Ein empathischer Mann erkennt die Not und bringt uns mit seinem schwarzen BMW in das nächste Dorf. Hier gibt es eine Fahrradwerkstätte. Und wieder geht es mit dem Auto zurück auf den Berg, zurück zur Auberge, wo die Fahrräder einstweilen standen. Es wird vier Uhr. Wir haben erst die Hälfte der Strecke geschafft und noch stehen drei weitere Pässe vor uns. Ich bremse nun vorsichtig, gebe wenig Druck in den Reifen, lasse die Bremse nicht schleifen, mache Pausen bei den Abfahrten, damit sich die Felge nicht wieder erhitzt. Mein Rad mit Felgenbremsen und dünner Bereifung entspricht nicht mehr dem Stand der Technik angesichts von Hitze und grobem, schlaglochdurchsetzten Fahrbanuntergrund. Am Talgrund zeigt eine Temperaturanzeige bei einer Pharmazie 45 Grad. In Abendstimmung, bei der die einsame Berglandschaft besonders eindrucksvolle Farben schenkt, geht es dann noch trotzdem sehr locker über zwei Pässe und hinunter in das kleine Dorf Bedous. In der kleinen privaten Unterkunft werden wir gastfreundlich empfangen. Eine junge Spanierin hat dort ein Haus gekauft und liebevoll für Reisende hergerichtet. Es wird dunkel, als wir am Dorfplatz gerade noch eine Pizza aus einem Pizzawagen erhalten. Zum Trinken gibt es das Wasser vom Dorfbrunnen.

Mittwoch, 24. Juni 2026: Von Bedous nach Aucun

Am Tagesprogramm stehen drei Cols mit zusammen 2.330 Höhenmetern im Anstieg und 74 Kilometern. Die Landschaft wird gebirgiger. Der Col d’Aubisque und der Col du Soulor fordern strategisches Fahren in der Hitze. Es gilt, jeden Schatten zu nützen, den ein Baum entlang der Strecke spendet, und mit dem Wasser achtsam hauszuhalten. In irgendeinem Brunnen halte ich zur Kühlung das Rad ins Wasser. Die Unterkunft im Etappenort war reserviert. Diesmal ist es ein einfaches Hotel – und der Radraum mit vielen teuren Rennrädern zeigt, dass wir nun das Herzstück des Rennradsports der Pyrenäen erreicht haben. Morgen steht ja der bekannteste Pass der Pyrenäen für uns am Programm.

Donnerstag, 25. Juni 2026: Von Aucun nach Arreau

91 Kilometer und im Anstieg 2.470 Höhenmeter. 4 Anstiege, darunter als Höhepunkt der Tourmalet mit 1461 Metern im Anstieg. Es ist der höchste Pyrenäenpass mit 2.100 Höhe und für alle Rennradfahrende der Traum. Hier wird jedes Jahr neu Tour-de-France-Geschichte geschrieben. Wir gehen es freilich besonnen und gemütlich an. Bei der Hitze wäre es anders auch nicht machbar. Am Tourmalet surren viele Rennräder. Mit Gepäck sind wir aber so ziemlich die einzigen. Die Landschaft gleicht schon etwas den Alpenpässen. Ausgewiesen hässlich sind die riesigen Hotelanlagen in den Skiorten auf beiden Seiten des Passes. Nochmals geht es hinauf auf einen Col und auf der anderen Seite – als es schon Abend wird und die Farben besonders schön sind – in vielen Serpentinen steil hinunter. Es ist gut zu wissen, dass wir am Ende der Tour die Unterkunft bereits gebucht haben. Ein Hotel, das schon ganz zugeschnitten ist für Menschen, die mit Rennrädern unterwegs sind.

Freitag, 26. Juni 2026: Von Arreau nach Cierp

69 km, 1700 HM

Wieder haben wir Pässe vor uns. Wäre mein Rad weniger anfällig für Pannen und würde ich nicht Angst vor dem vibrierenden Geräusch im Vorderrad haben, könnte ich die Abfahrt wohl besser genießen. Die Landschaft ist wunderschön. Diesmal kommen wir so früh am Etappenort an, dass wir auf die Landlady warten, die ein altes Landhaus besitzt und uns so gastfreundlich empfängt, dass sie uns und den zwei weiteren Gästen – ebenfalls Rennradfahrer – ein dreigängiges Menü hervorzaubert.

Samstag, 27. Juni 2026: Von Cierp-Gaud nach Seix

79km, 2300 HM

Welche Erinnerung wird von diesem Tag wohl bleiben? Das liebevoll zubereitete Frühstück, das wir gemeinsam mit den beiden anderen Rennradfahrern serviert bekommen. Die vielen Pässe – der erste war Col d’Mente, der zweite Col de Portet d’Aspet, der dritte Col de la Cor. Die Einraum-Boulangerie-Patisserie, wo wir uns ein Baguette kauften – viel mehr gab es nicht. Das gute Essen in einem Restaurant knapp danach. Die Hitze des Tages und die vielen Kilometer und vielen Höhenmeter. Der Naturladen in Siex mit lokalen Produkten am Fluss mit einem Platz davor, wo sich gleich ideal noch ein abendliches Picknick für die Hungrig-Durstigen anbot. Das einfache Hotel direkt am Fluss, dessen Rauschen uns in der Nacht begleitete und wo auf der anderen Seite eine alte Burg über der Stadt thront? Das Bier im Gastgarten am Rande eines Platzes, wo Einheimische Boccia spielten und wir unsere Getränke hatten.

Sonntag, 28. Juni 2026: Von Seix nach Ax-les Thermes

84km, 1670 HM

Der freundliche Hotelangestellte hilft mit seinem Deutschkenntnissen bei der Suche nach der Kontaktlinsenflüssigkeit. Es ist Sonntag. Die Pharmazien haben geschlossen. Irgendwo mitten auf unserer Strecke – scheinbar im Nirgendwo – zufällig, weil eine Ausfahrt zu spät genommen wurde – finden wir aber eine Pharmazie und ein kleines Problem hat sich damit gelöst. Zwei Hügel sind zu überwinden. Zunächst der Col des Caouignous und dann der Col de Poret. Nach dem zweiten in einem Tal, das von der Hauptstraße nach Andorra geprägt ist, auf der Tausende Autos fahren, finden wir nichts anderes als ein McDonalds. Das Ende der Etappe ist in Sicht. Der Thermalkurort Ax nicht mehr weit, wobei die letzten Kilometer eines Tages gefühlt immer weit sind. Ich versuche den Nackenschmerz weg zu mobilisieren, der mich am Ende einer Etappe oft anhüpft. Auf der Nationalstraße gibt es zumindest meistens einen Fahrradstreifen. Das Hotel entspricht so ganz den Vorstellungen eines Kurortes. Es ist die letzte Übernachtung in den Pyrenäen vor einer langen Etappe.

Montag, 29. Juni 2026: Von Ax-les-Thermes nach Perpignan

131 km, 1340 HM

Es wird der Tag, an dem wir das erste Projekt abschließen werden: Die Durchquerung der Pyrenäen. Dazu passt ein reichliches Frühstück. Von Ax führt eine sehr kleine Straße und ganz ohne Verkehr zunächst ein paar hundert Meter auf den Col du Chioula hinauf. Und dann noch der Col des Sept Freres. Es sind unsere letzten beiden Pässe in den Pyrenäen. Ich habe nicht gezählt, wie viele es waren. Drei bestimmt jeden Tag. Nun stehen nur mehr rund 100 Kilometer Abfahrt zum Mittelmeer bevor. Die Strecke ist wunderschön. Sie führt durch ein Tal, das an manchen Stellen zu einer Schlucht wird, zuletzt immer entlang eines Flusses, der sich in den Ebenen von Perpignan verliert. Ein kräftiger Rückenwind unterstützt uns und wir können über weite Strecken über 30km/h fahren. Das Zirben der Zikaden übertönt jedes vorbeifahrende Auto. An einer kleinen Raststation stärken wir uns noch mit französischem Käse und Baguette. Kurz vor Perpignan heißt es allerdings noch einmal Nerven bewahren. Komoot-Steuerung fällt aus, weil der Akku meines Handys gar ist und ich zu spät den externen Akku ansteckte. Google-Maps ist verwirrend, wir sind müde, Wolken türmen sich im Süden auf, Industriegebiete sind noch zu durchqueren. Endlich in Perpignan. Mitten im Zentrum am Place de la Republique ist unsere private Unterkunft. Zunächst allerdings haben wir noch keinen Code für den Schlüsseltresor am Eingang. In einer Bar daneben sind hilfreiche Menschen und schließlich schaffen wir es, einen Zugang zu bekommen. Wieder einmal stehen dann unsere Räder im Apartment. Ziel erreicht. Erfüllt von vielen Eindrücken und müde können wir zur Ruhe kommen.

Dienstag, 30. Juni 2026: Von Perpignan nach Port-la Nouvelle

60 km, 410 m

Das erste große „Projekt“ ist beendet. Die Pyrenäen vom Atlantik bis zum Mittelmeer sind durchquert. Dazu hatte ich jede Etappe geplant. Irgendwie war es also klar eingeteilt. Wie soll es nun weitergehen? Wie weit und welche Strecke werden wir nun wählen. Es gibt nun keine vorgegebenen Etappenorte und Unterkunftsmöglichkeiten. Wir werden eben nun Tag für Tag planen. Eine kurze Etappe soll es heute werden, um auch noch Zeit für den Strand zu haben. Dieser ist nicht weit. Der Tag ist heiß. Der Sand am Meer ist sehr heiß. Das Baden im Meer kühlt und lockert die Muskeln. Nur wenige Menschen sind an diesem langen Sandstrand. Den meisten wird es wohl zu heiß sein. Im Strandrestaurant sind jedenfalls weit mehr Menschen. Unsere Fahrt geht weiter. Kilometerlang reihen sich nun Apartment und Hotelanlagen und Vergnügungspark aneinander. Erst später wird die Meereslandschaft unbebaut. Eine kleine Straße windet sich entlang von typischer Mittelmeervegetation. Hunderttausende Zikaden zirpen in der glühenden Hitze. Das Sträßchen endet in einem Schotterweg entlang der Dünen, der kaum noch befahrbar ist. Ausweg gibt es keinen. Da müssen wir nun eben durch. Belastung für Mensch und Material. Aus einer kurzen Tour wird doch eine zeitlich längere. In der kleinen Ortschaft werden wir aber von privaten Gastgebern herzlich empfangen. Die Wirtin spricht Deutsch. Kommt aus München. Die Räder können wir im Eingangsbereich abstellen. Ein Geschäft ist für den ersten Hunger und ersten Durst in der Nähe. Für den zweiten gibt es dann eine Pizzeria gegenüber. Der Besitzer ist Iraner, der früher in Deutschland gearbeitet hat, und freut sich, uns zu bekochen – neben uns ist nur noch eine andere Familie – und mit uns Deutsch reden zu können.

Mittwoch, 1. Juli 2026: Von Port-la-Nouvelle nach Pezennas

87km, 1020m

Die Fahrt wird zunächst sehr anstrengend und nervig. Böiger Wind bläst vom Norden. Wir können nur eine Nationalstraße nehmen. Ausweichroute gibt es keine . Wenn ein Schwerlaster vorbeisaust, heißt es in dem starken Wind noch einmal mehr, das Gleichgewicht beim Radeln nicht zu verlieren. So geht es viele Kilometer. Ab Narbonne wird es leichter. Mittags in Narbonne. Die Stadt verzaubert mit ihrem mittelalterlichen Reiz, einem wunderschönen Stadtplatz und einer Kathedrale. Da nehmen wir uns Zeit im Schatten der Bäume und der alten Gemäuer für eine Mittagsrast. Ein weiterer Höhepunkt wird die Stadt Beziers. Schon von weitem wird die mächtige Kathedrale sichtbar, die hoch auf einem Hügel thront und das Zentrum der alten Stadt bildet. Man könnte hier tief in die Geschichte eintauchen – in die Zeit, als Kreuzritter im Auftrag des Papst die blutigen Albigenserkriege führten und ein Massaker an der Bevölkerung von Beziers geschah. Für uns stehen heute noch einige Kilometer bevor. Pezennas selbst ist wieder eine typische kleine französische Stadt. Die private Unterkunft in einem alten Haus mittendrin. Die Räder tragen wir ein enges Stiegenhaus hinauf in den zweiten Stock. Etwas außerhalb der Altstadt finde ich einen Supermarkt für Ess- und Trinkbedürfnisse. In der Stadt finden wir dann ein kleines Restaurant mit Straßengarten und leckerer vegetarischer Gemüse-Falaffel-Schüssel.

Donnerstag, 2. Juli 2026: Von Pezennas nach Cassarac

102 km, 850m Anstieg

Nach dem Frühstück im Apartment drehen wir noch eine Runde durch die Stadt, die doch eine stattliche Größe hat. Es geht hinaus ins Hinterland zwischen Küste und den großen Städten wie Montpellier mit Bauten aus der Jetztzeit – wie dem Weißen Turm.

Als Unterkunft finden wir diesmal ein B&B-Hotel am Rande der vielen großen Straßen, die hier zusammenkommen. Viele Auswahlmöglichkeiten gab es nicht. Die Bedürfnisse nach Schlafen und kurzem Regenerieren für den nächsten Radtag genügen. Außerdem wird es ein Frühstück geben.

Freitag, 3. Juli 2026: Von Nimes nach Bollene

99 km, 1100 HM

Frühstück in dem B&B-Hotel. Es hat nicht den Charme jener Herbergen, in denen wir in den Pyrenäen übernachtet hatten, vielmehr passt es zu den Bedürfnissen der Autofahrenden, die es nicht weit zur nahen Autobahn haben. Sie ist unüberhörbar. Zweckrationalität einer Autofahrgesellschaft. Radfahrende wie wir passen da nicht dazu. Gestärkt und mit Vorfreude auf das Rhone-Tal geht es für uns weiter. Kleine Landstraßen verwöhnen die Seele. Es geht zwischen Weinbergen und Getreidefeldern dahin. Avignon wird zu einem kulturellen Höhepunkt. Wir fahren über die Rhone-Brücke in die Altstadt. Gerade noch können wir uns mit den Rennrädern zwischen Touristen durch die Straßen schlängeln und vor dem mächtigen Papstpalast sind wir dann fast allein. Auf die berühmte Dreiviertel-Brücke über die Rhone – einem der Wahrzeichen von Avignon – können wir mit den Rädern allerdings nicht fahren. So bekommen die Touristen aus aller Welt keine Gesellschaft von uns. Es zieht uns weiter. Der Rhone entlang. An einer Rhonebiegung essen wir die Melone, die wir schon sehr lange mit uns herumschleppen. Die nächsten Kilometer werden dann immer anstrengender. Der Mistral bläst uns entgegen. Kurz vor dem Ziel noch einmal ein Stopp bei einem Verkaufsort für lokale Produkte. Obst und Getränk ebendort bauen auf – schenken Kraft für die nächsten Kilometer im Windkanal des Rhonetales und ich bin dankbar für den Windschatten, weil mein Nacken ziemlich schmerzt. Froh sind wir über die Herberge. Ein einfaches Zimmer. Fredo, der Wirt, kocht für die Gäste ein Abendessen. Mehr brauchen wir an  diesem anstrengenden Tag wieder nicht. Wir planen den morgigen.

Samstag, 4. Juli 2026: Von Bollene nach Valence

80 km, 820 Hm

Weiter geht es nun gegen den Mistral. Stets das Rhonetal hinauf – allerdings sehen wir den Fluss so gut wie nie. Der stürmische Wind aus dem Norden – dorthin fahren wir ja – macht alles sehr anstrengend. Wir steuern direkt das Zentrum von Valence an. In einem alten Haus haben wir ein privates Studio gebucht. Im dritten Stock. Unter dem Dach. Unter uns eine der Kopfsteinpflasterstraßen. In einem Restaurant auf einem Platz finden wir einen schönen Ort, um das bekannteste Essen der Stadt zu genießen: Winzige Ravioli, die mit lokalem Käse gefüllt sind. In der Nacht wird es sehr laut. Klimaanlage gibt es keines im Apartment. Die Franzosen feiern auf der Straße unter uns lautstark einen weiteren Sieg der französischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM.

Sonntag, 5. Juli 2026: Von Valence nach Grenoble

99,8 km, 680 Hm

Wir ändern die Route.  Es soll an diesem Sonntag nicht mehr das Rohne-Tal hinauf weitergehen, sondern östlich nach Grenoble. So können wir etwas dem Nordwind entgehen. Sonntagsstimmung. Kilometerlange kerzengerade Straßen entlang von Lavendelfeldern. Erster Stopp ist in der Stadt Romans. Dort findet gerade ein Fest statt. Marktgetümmel. Wir sitzen auf den Stufen vor der Kathedrale und lassen uns auf das Spektakel ein, bevor es wieder in die Landschaften hinausgeht.  Und dann kommen die berühmten Walnussbaum-Plantagen. In einem Dorf um die Mittagszeit hat ein einziges Geschäft offen. Wir trinken einen Liter Cola, um uns Energie zuzuführen. Es hilft. Der letzte Teil der Strecke wird wunderschön. Wir radeln auf einem Flussdamm ständig der Isere entlang. Der Weg führt uns – zuletzt noch mit Unterstützung von Rückenwind – direkt in die Stadt Grenoble, die so viel größer und anders als in meiner bisherigen Vorstellung ist. An einem der alten Plätze steht ein großes Hotel – für uns so geeignet, um zur Ruhe zu kommen. Noch einmal gibt es in einem Gastgarten das bereits bekannte lokale Ravioli-Gericht.

Montag, 6. Juli 2026: Von Grenoble nach Aix-les Bains

71 km, 620 Höhenmeter

Heute gibt es wieder ausreichend Frühstück. Luxusfrühstück sogar. Ich muss wieder gar nicht schauen, wie das Wetter wird. Heiß. Sehr heiß. Keine Wolke am dunkelblauen Himmel. Sonnig. Am Postamt in Grenoble geben wir ein Paket mit all den Regensachen auf, die wir stets ungebraucht mit uns herumschleppten. An vielen Orten merkt man die innere Sicherheitslage in Frankreich. Der bewaffnete Sicherheitsbeamte mit Schussweste ist uns hilfreich. Die Postbeamtin ist hilfreich. Das Paket wird aufgegeben. Um gut zwei Kilo weniger schwer werden wir nun die nächsten Etappen unterwegs sein. Wie weit? Es ist uns noch unklar. Die heutige Etappe plus Unterkunft in Aix-les-Bains haben wir am Abend noch geplant. Umgeplant. Spontan. Wir werden nicht direkt nach Genf fahren. Die Preise in den dortigen Unterkunftsoptionen sind jenseits des Normalen. Die Umplanung ist bei der Ausfahrt noch nicht in meinem Orientierungssinn verankert. Der will mich nach Norden lenken. Es geht aber zunächst südöstlich. Nochmals etwas der Isere hinauf. So machen wir eine Zusatzrunde durch Grenoble. Die nächsten Kilometer werden landschaftlich spannend. Es geht zwar entlang einer Bundesstraße, aber der Verkehr ist erträglich und meist gibt es einen Radstreifen. Wir sind, wie meistens in der ersten Hälfte einer Etappe, gut gestimmt. Da steckt immer auch mehr Kraft im Körper. Die Route führt durch ein breites Tal der Isére. Auf der linken Seite sind hohe senkrechte Felswände der französischen Kalkalpen. Für Extremkletterer muss das ein Paradies sein. In einem der Seitentäler liegt abgelegen Chartreuse, wo Bruno von Köln den Karthäuserorden begründet hatte. Rechts von uns ist die Bergkette höher aber sanfter. Mittags eine kurze Rast bei einer kleinen romanischen Kirche. Es gibt ein Mittagsschläfchen. Dann geht es teils auf kleinen Straßen weiter. Getreidefelder und Wälder wechseln sich ab. Kleine Dörfer. Ein kleiner Fluss. Wir treffen auf eine größere Rennradgruppe, die im Pulk fahren. Etwas reihen wir uns hinten in den Windschatten ein. Da wird das Treten plötzlich um vieles leichter. Dann verlieren wir kurz vor der größeren Stadt Chambery die Gruppe und fahren in unserem eigenen Tempo. Bei einer Unterführung knalle ich mit dem Vorderrad in ein Schlagloch. Pfffffffffffffffff. Reifenplatzer. Reifenflicken. Es wird Zeit für eine Jause und vor allem für Flüssigkeit. Da nehmen wir gerne einen Umweg zu einem Supermarkt in Kauf. Ein kühles Smoothie, ein Saft, eine Zuckermelone, ein Baguette und Käse. Der Nussbaum, unter dem wir es essen, spendet Schatten. Weiter geht es. Allerdings wegen des Umweges zunächst ohne die geplante Komoot-Runde. So geraten wir zunächst in ein etwas undurchdringliches Straßengewirr, wo wieder einmal alle Straßenverläufe nur hin zur Autobahn führen. Etwas zurück – und wir finden den Radweg und die Schilder zum Etappenort Aix-les-Bains. Neun Kilometer vor dem Ziel – pfffffffffffffff – diesmal hat meine Companera einen Platten. Überraschend leicht fällt das Flicken. Ein Dorn steckt im Mantel. Es wird wieder Abend, bis wir in jenen Ort kommen, der eigentlich am größten Süßwassersee Frankreichs liegt und als „Riviera der Alpen“ bezeichnet wird. Für den See bleibt aber für uns keine Zeit mehr. Er liegt unterhalb der dicht verbauten Stadt und wir sehen ihn gar nicht. Bei der Fahrt zu unserer Unterkunft fuhren wir zuvor noch an einem alten römischen Torbogen vorbei. Schon zur Römerzeit sollen hier die Thermalquallen genützt worden sein. Das alte schlossähnliche Hotel atmet etwas das Flair eines Thermalkurortes. Bei der Ankunft trinken wir die Hälfte des Zitronen-Melissewassers. Im Garten unter Rosensträuchern zwischen dem Hotel und der benachbarten Kirche machen wir unser französisches Picknick. Die Planung der nächsten Etappe wird dann doch etwas komplizierter.  Marin am Nordufer des Genfer Sees wird das nächste Ziel. Die einzige Unterkunftsmöglichkeit dort wird wohl eine Art „Notunterkunft“.

Dienstag, 7. Juli 2026: Von Aix-les-Bains nach Marin

104km, 1320 Hm

Der Tag beginnt diesmal wieder mit einem ausgiebigen Frühstücksbuffet. Unser Plan ist, früh los zu starten. Das schaffen wir fast. Dann aber gleich nach den ersten hundert Metern lässt sich die elektronische Schaltung vom Rad meiner Companera nicht mehr bewegen. Der Akku ist leer. Also zurück zum Hotel. Warten während des Aufladens und es wird draußen immer wärmer. Meist geht es heute entlang von Straßen – zum Glück wieder oft mit Radfahrstreifen – zunächst nach Annecy. Wir streifen die Stadt aber nur und lassen auch den dortigen See links liegen und kurven – teils auf einer markierten Radspur – durch das dichte Verkehrsgewühl dieser Stadt. Weiter geht es zur Stadt Evian-les-Bains zum Genfer See. Hier fand erst vor kurzem der G7-Gipfel statt. In dieser Stadt wurde auch das Waffenstillstandsabkommen zwischen Frankreich und Algerien unterzeichnet, das 1962 den Algerienkrieg beendet hatte. Ich denke an die BBC-Nachrichten vom heutigen Tag: Die Kriege in der Ukraine und im Mittleren Osten gehen weiter. Wann werden die Mächtigen dieser Welt endlich zur Vernunft kommen? Als wir vor der Stadt Evans die mächtige Dranse überqueren, vermuten wir weit im Hintergrund das Mont-Blanc-Massiv strahlend weiß hervorleuchten. Der Tag klingt schließlich wunderschön aus – mit französischem Bier am Strand vom Genfer See schon in Abendstimmung und einer Pizza in der kleinen Stadt.  Erwartet weniger schön ist freilich die Unterkunft. Notunterkunft eben.

Mittwoch, 8. Juli 2026: Von Marin nach Freiburg

110 km, 1430 Hm

Nach einem doch etwas mickrigen Frühstück machen wir uns gleich auf zum Genfer See. Die Etappe ist lang, aber ein Bad im See muss dann doch sein. Tatsächlich finden wir auch bald eine einsame Bucht. Ein Supermarkt in der Nähe stärkt uns mit Produkten, die zu unserem Ernährungsverhalten passen. Viele Kilometer geht es direkt am Südufer des Genfer Sees entlang. Teils sind wir auf dem Rhone-Radweg. Fast unbemerkt bleibt der Wechsel in die Schweiz. Weit und grün ist das Delta, in dem die Rhone in den Genfer See fließt. Wir überqueren sie auf einer kleinen Radbrücke. Weit im Hintergrund heben sich die Walliser Alpen hervor. Vor uns ist die Stadt Montreux. Am südöstlichen Ufer zuerst das mächtige Schloss Chillon. Die Autobahn mit dem Massenverkehr verläuft auf Brücken und durch Tunnels hoch über der Stadt. Unser Weg führt an Hotelpalästen vorbei. An der berühmten Uferpromenade machen wir Rast. Mittagsschläfchen im Schatten eines Baumes und mit Genfersee im Vordergrund. Fast kitschig. In der Mittagshitze geht es dann wieder rund 500 Höhenmeter hinauf in die Freiburger Vorberge. Hitze – aber kaum Autos. Die Landschaft wird lieblich. Komoot gibt kleinste Sträßchen vor. An einer Stelle allerdings müssen wir einen Umweg nehmen. Baustelle – und eine gesetzgesteuerte Straßensperrarbeiterin will uns nicht daran vorbeilassen. Schließlich finden wir aber auf Umwegen zur ursprünglichen Route zurück und viele Kilometer geht es in einem ständigen Auf-und-Ab nach Fribourg. Dort wartet ein Apartment auf uns. Für Selbstkochen wird es allerdings zu spät. Die Geschäfte sind geschlossen. In der Hauptstraße gibtr es aber ein Programmkino, das gerade noch Pizza und Aufstriche anbietet – und dazu trinken wir Bier. Ziel nach all dem Unerwarteten wieder gut erreicht.

Donnerstag, 9. Juli 2026: Von Freiburg nach Luzern

120 km, 1520 HM

Eine lange Etappe steht bevor mit vielen Höhenmetern. Der 9. Juli ist ein besonderer Tag. Frühstück besorge ich uns vom Supermarkt, zu dem ich mit dem Rad fahre. Ein kultureller Höhepunkt ist gleich am Beginn die historische Altstadt mit der Kathedrale St. Nikolaus und dem markanten Turm im Stil der Glamboyantgotik. Wie zuletzt mit Jakob hole ich mir dort einen Pilgerstempel. Teils kommt mir die Gegend danach bekannt vor. Mehrmals queren wir den Jakobsweg. Bern mit seiner touristischen Einzigartigkeit liegt auf unserer Strecke. Dort bietet sich auch ein Kaffee an, das bestimmten Gourmetwünschen entgegen kommt. Ein Highlight ist die Altstadt mit dem Berner Münster. Hinein geht es ins Emmental – passend der bekannte Name für die Kühe und landwirtschaftlichen Betriebe links und rechts der Strecke – dann sehr wellig auf kleinsten Straßen durch einen UNESCO-Biosphärenpark. Nochmals anstrengend werden wiederum die letzten Kilometer. Wie oft. Am meisten ziehen sich jene Kilometer nach dem Hunderter und am Ende eines Tages. Wir erreichen Luzern. Im Fluss, der aus dem Vierwaldstättersee führt, lassen sich Menschen flussabwärts treiben. Vorbei geht es am bekannten Wahrzeichen von Luzern. Die Unterkunft haben wir optimal gewählt: Ein einfaches Backpacker-Hostel fast direkt am See und an einer Bucht, in der sich schwimmen lässt. Das schieben wir auf morgen auf. Im Hostel machen wir uns noch eine große Portion Pasta, um die Kohlenhydratspeicher wieder etwas nachzufüllen.

Freitag, 10. Juli 2026: Von Luzern nach Ricken

Spontan wird umgeplant. Es soll auch noch Zeit für ein Verweilen am Vierwaldstättersee und am Zugersee sein. So sind für heute geplant: 75 Kilometer und 900 Höhenmeter. Tatsächlich wird das Bad im Vierwaldstättersee an einer Mole, hinter der Aberdutzende Segelboote angebunden sind, mit Blick auf Pilatus auf der einen Seite und Rigi auf der anderen Seite, sehr besonders. Nochmals kurven wir durch die Hotspots dieser Stadt – vor allem die blumengeschmückte hölzerne Kapellenbrücke, die über die Reuss führt, die hier in den Vierwaldstättersee mündet. Nicht weit ist es zum Zugersee und das Bedürfnis nach Schwimmen im See und etwas Pause ist riesengroß und verständlich. Kurz vor Zug finden wir eine Bucht, eine Bar – und die ersehnte Abkühlung im See. Pilatus und Rigi sind nun bereits weit in den Hintergrund gerückt. Meist führt unsere Strecke nun wieder wellig hinunter zum Zürichersee, den wir bei Rapperswil über eine lange Brücke überqueren. Noch wartet allerdings ein langer Anstieg nach Rikken – ein Etappenort der sich aufgrund der Länge und eines dort befindlichen Hotels anbot.

Samstag, 11. Juli 2026: Von Ricken nach Feldkirch

Es wird heute die kürzeste und zugleich letzte Etappe. 55 Kilometer und 600 Höhenmeter im Aufstieg. Das alte Wirtshaus an der Straße verlassen. Gleich geht es über einsame Nebenstraßen weiter. Im Norden sind die Appenzeller Alpen, im Süden die schroffen grasbewachsenen Gipfel des Alpstein. Hier sind viele Rennradfahrende unterwegs. Einige von ihnen steuern auch jene Lokalität unterhalb der Anhöhe an, um dort Rast für ein zweites Frühstück zu machen. Einmal noch eine Anhöhe hinauf und dann sausen wir die letzten Kilometer steil hinunter in die Rheinebene und schließlich über den Rhein – er führt nur wenig Wasser – nach Liechtenstein und zur Grenze. Das Ziel ist erreicht! Dankbarkeit und Freude.

Epilog

Meine Art des Reisens verknüpfe ich mit politischen Botschaften. Ich konnte während der letzten 20 Tagen stets im Augenblick sein und habe bewusst kaum die Weltnachrichten gehört und keine Zeitungen gelesen. Dafür wäre auch keine Zeit gewesen. Die politischen Nachrichten holen mich nun wieder ein. Es war der NATO-Gipfel mit seinen bedrohlichen Ansagen. Die Kriege in der Ukraine und im Iran gehen weiter. Es ist immer auch ein Krieg um die Ressourcen. Wenn ich auf das Rad steige, möchte ich auch sagen: Entrüstet euch! Ich möchte selbst möglichst wenig an den Zerstörungsschrauben drehen. Wenn mich meine Enkel einmal fragen: „Opa, was hast du gemacht, um die Welt vor Zerstörung zu retten?“, kann ich ihnen von langen Radreisen erzählen, die keine Lärm-Abgas-Abriebspuren und keine Kondensstreifen am Himmel hinterließen. Ein anderes Leben, das auf eine Reduktion und täglich gesuchte Achtsamkeit setzt, braucht freilich Menschen, mit denen ich dieses Leben teilen kann. Mein Reisen soll nicht im Widerspruch zu meinen politischen Tätigkeiten bei den Scientists for Future oder Pax Christi sein, sondern deren Maßstäben entsprechen. Das bin ich. Das gibt meiner Art des Reisens auch einen pazifistisch-ökologischen Sinn, den ich freilich niemandem vorschreiben will.

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