
„Österreich trocknet aus“, so die Schlagzeile im heutigen STANDARD, den ich bei der Anfahrt mit dem Zug lese. Dem Massenverkehr mit lärmenden Motorrädern und in der Hitze hyperventilierenden Autos über die Arlberg-Passstraße wollen wir uns nicht aussetzen. So steigen wir in Langen am Arlberg aus dem Zug und haben eine rasante Abfahrt durch das Klostertal vor uns. Bei diesen Temperaturen ist Gegenwind wie ein Geschenk. Zur linken Seite fließt die Aflenz, versteckt sich Massenverkehr in der betonernen Schleuse der Schnellstraße und ragen die Flanken des Verwall-Gebirges auf. Auf der Landstraße durch die Dörfer mit ihren charakteristischen Schindelhäusern ist kaum Verkehr. Dennoch fährt einmal ein Auto an uns vorbei, dessen Fahrer die Zwei-Meter-Abstandsregel maximal ignoriert. Die Hitze der letzten Wochen hat selbst in einem Tal, dessen Charakteristikum Wasserreichtum sein soll, die Felder und Wiesen austrocknen lassen. Der Wasserfall an einer Flanke des Tales ist verschwunden. Kurz vor Bludenz, wo die Aflenz in die Ill fließt, zweigt der Radweg ins Montafon ab. Ab nun beginnt die permanente Steigung. Die Sonne brennt herunter. Zugleich ist die Hitze erträglich, weil der durchgehende Radweg meist knapp der Ill entlangführt. Rückenwind schiebt uns sanft ins Tal hinein. An einer besonders schönen Stelle lehnen wir die Rennräder an einen der Bäume. Ich setze mich in das kühlende Wasser des Baches. Kurz vor dem Anstieg in Gaschurn noch eine stärkende Rast und dann beginnt der besondere Anstieg. Die Silvretta-Hochalpenstraße ist wegen der instabil gewordenen Hänge schon lange gesperrt. Der einzige Übergang vom Montafon ins Paznaun führt nun über die extrem steile Strecke eines gut asphaltierten Güterweges hinauf zum Koppstausee und zum Zeinisjoch. Neun Kilometer sind es von Partenen bis zum Scheitel und gut 800 Höhenmeter. Zum Glück dürfen hier nur Autos mit eigener Berechtigung fahren. Die Straße ist so schmal, dass ich absteige, wenn eines der seltenen Autos kommt – und das Wiedereinklicken in die Pedale wird bei dieser Steigung zur Herausforderung. Ich achte auf meinen Puls und lasse meine Bike-Buddy davon ziehen, fahre kontrolliert und mit Reserven die steilen Passagen hinauf. Die Landschaft oben am Zeinisjoch ist besonders schön. Der Zeinissee liegt wie eine Perle zwischen den Bergen der Silvretta und des Verwalls. Kleine Inseln liegen im See. Im Hintergrund ragt die Gaflunaspitze wie ein spitzer Zacken hervor. Eine schmale asphaltierte Straße führt dann nach unserer Panorama-Rast auf der Terrasse des Zeinisjochhauses durch Almengelände hinunter nach Galtür und von dort gibt es einen Radweg bis zu den Kappler Bergbahnen. In den touristischen Dörfern ist selbst jetzt im Sommer Hochbetrieb. Eindrucksvoll ist nach Ischgl wieder die Schlucht entlang der mit Gletscherschmelzwasser schäumenden Trisanna. Das letzte Stück schließlich nun schon in der Abendsonne hinaus auf der Paznauner Straße mit einem unangenehmen Tunnel – zum Glück ist kein Verkehr – und zum Bahnhof in Landeck. 107 Kilometer und 1444 Höhenmeter im Aufstieg an einem sehr heißen Tag. Eine runde Sache. Qualitätszeit auf dem Rennrad.
Eine andere Welt erwartet uns dann beim Aussteigen im Innsbrucker Hauptbahnhof. Vor allem junge Menschen sammeln sich an diesem Abend an diesem Hotspot, vor allem die Mädchen meist körperbetont gestylt, um gut auszusehen, um gesehen und wahrgenommen zu werden, mit Erwartungen an Spaß und soziale Kontakten, die Bestätigung bringen. Am hundertsten Todestag von Bertold Brecht denke ich an einen seiner bitteren Texte. In der „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ schrieb Brecht, der heute vor 100 Jahren gestorben ist.
„Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug.„