
In meinem Innsbrucker „Hinterhof“ wurden zuletzt zwei weitere Klettersteige in den Felswänden der Gipfel oberhalb von Seefeld gebohrt. Nun gibt es mit dem Panorama-Klettersteig auf die Seefelder Spitze bereits drei Eisenwege. Neu sind der Thyrsus-Klettersteig auf den Härmelekopf und der Haymon-Klettersteig auf die Reither Spitze. Uns lockt der Thyrsus-Klettersteig, weil er mit 700 Metern der längste ist und sich auch noch mit dem Haymon-Klettersteig im Anschluss gut verbinden ließe. An dem heißen Tag und als Freizeit-Ticket-Besitzende nehmen wir die gemütliche Einstiegsvariante mit der Standseilbahn zur Rosshütte und weiter mit der Gondelbahn auf den Härmelekopf. Der Pfad zum Einstieg ist mit einem kurzen Abstieg verbunden. Die Wand liegt im unteren Bereich ganz im Schatten. Das ist wertvoll an diesem abnormal heißen Tag. Die Anlage ist gut gebaut und abwechslungsreich mit dickem Stahlseil und ausreichend Steigbügeln in den zahlreichen C-Stellen. Wir sind die ersten im Klettersteig und so auch besser gesichert vor Steinschlag. Nach dem Ausstieg sind es noch ein paar Kehren in der grasbesetzten Kuppe des Härmelekopfes. Wir wählen als Abstiegsvariante den Steig hinunter ins Reither Kar, lassen den zweiten Klettersteig heute aus und „spazieren“ hinauf zur Seefelder Spitze und den Grat hinüber zum Seefelder Joch. Gelenkschonend geht es von dort mit den Bahnen hinunter nach Seefeld. Dort sind die Temperaturen an der 30-Grad-Marke. Die neue Wirklichkeit.
Ich denke beim Klettern und Gehen an die Namensgebenden der beiden neuen via ferrata. Thyrsus, ein ortsansässiger Riese aus Seefeld, der es nicht zulassen will, dass sich unten in Wilten ein anderer Riese aus dem Norden Deutschlands ansässig machen will. Das Mindset von Thyrsus ist geprägt von Exklusion und Gewalt. Er beschließt den Riesen Haymon zu töten. Es kommt zu einem blutrünstigen Kampf. Thyrsus wird getötet. Haymon nun bereut seine Tat, bekehrt sich zum Christentum und gründet laut Sage das Kloster Wilten. Die alte Sage versinnbildlicht die gewalttätigen Muster, die wir auch im Jahr 2026 wiederfinden. Mächtige Männer, die sich rivalisieren, wobei der eine in Volkskanzler-Mentalität sich gegen den Eingewanderten stemmt und die ansässige Bevölkerung reinhalten will und die Furcht vor dem Fremden nährt. Die Sage freilich enthält die Botschaft, dass die Logik der Gewalt und des Tötens verkehrt ist. Haymon bereut. Ich blicke in die aktuelle Tageszeitung. Die Diskussion um die Verlängerung der Wehrdienstzeit hält an. Die militärische Logik beherrscht das Weltgeschehen. Die Waffe des Haymon ist nicht mehr die Keule, sondern sind heute die Drohnen, die sowohl im ukrainischen wie im russischen Gebiet töten und zerstören, sind die Scharfschützengewehre in den besetzten Gebieten Palästinas und die Raketen im Nahen Osten.