Zunterköpfe hoch über Inn- und Halltal

Es ist ein warmer Herbsttag zu Beginn meines neuen Lebensjahres. Der steile Aufstieg vom Beginn des Halltales weg hinauf auf den Hochmahdkopf auf dem mir so bekannten Steig wirkt mir heute steiler. Stärkend und tragend in so vielen Lebenssituationen ist die Begleitung. Viele Jahre ist es her, da schrieb ich in das Gipfelbuch bei der Rastbank und dem Gipfelkreuz am Rädermacher, einem Vorgipfel des Hochmahdkopf: „Wo ein Engel ist, da ist der Himmel ganz nahe.“ Ich denke an das morgige Schutzengelfest und seine reale Bedeutsamkeit in meinem Leben. Berge – groß oder klein, anspruchsvoll oder leicht – sie erzählen immer auch vom Zustand meines Seins, meines Körpers und meiner Seele, von Menschen, die mich begleiten oder auch von meinem Alleinsein. Der Rucksack auf dieser Runde kann ganz klein und leicht sein. Die Seele hat meist mehr zu schleppen. Gedanken an den Zustand der Welt, in die ich geworfen bin, sind nicht so erhebend, an die Fortdauer von Kriegen und dem Plan von neuen, an die Zerstörung der Schöpfung und vor allem an die Dummheit, Rücksichtslosigkeit, Ignoranz und narzisstischen Selbstbezogenheiten – das beunruhigt. Da steige ich hinauf in die Berge, um nicht Teil dieser Grausamkeitswelt zu sein. Am grasigen steilen Rücken hinauf zum Gipfel erinnern die inzwischen grau verwitterten Latschenhölzer an den Waldbrand vor mehr als 10 Jahren. Zwischendrin aber beginnen neue Bäumchen sich ihren Platz zu schaffen. Am liebsten mag ich das Panoramasteiglein vom Hochmahdkopf zum Thaurer Zunterkopf (1966 m) über den Haller Zunterkopf (1916 m) in westlicher Richtung bis zum Törl. Wie der kräftige Pelz eines Wildtieres, in sattem Grün, so wirkt der Latschengürtel, der sich auf den Kamm zwischen Hochmahdkopf über die Absamer, Haller und Thaurer Zunterköpfe gelegt hat. Das Inntal ist im Süden tief unten, auf der anderen Seite des schmalen Grats im Norden sind die Abbrüche ins Halltal. Leben ist so oft wie ein Balanceakt, in dem es Helles und Dunkles gibt. Wie den Körper versuche ich die Seele im Gleichgewicht zu halten. Mächtig wirken die Kalkriesen von Bettelwurf- und Gleirschkette im Hintergrund. Die Berglandschaft gleicht einem phantastischen Gemälde von Friedensreich Hundertwasser. Da gib es keine gerade Linien – denn, so hätte es Hundertwasser gesagt, gerade Linien sind keine Schöpfungen Gottes. Da schwingt die ganze Natur und ich kann mich hineinschwingen wie ein Kind auf einer Schaukel. Ich erkenne in den Latschen, die im hiesigen Dialekt Zunter genannt werden, jene Spiralformen, die zum Merkmal von einem meiner Lieblingskünstler geworden sind. Ich denke an das Spiralförmige in meinem Leben. Ich tauche ein in das Latschenmeer – atme tief ein, als würden die Gewächse ihre Heilkraft mir schenken.  Der Steig ist als schwarzer Bergweg klassifiziert. Was beim Bergsteigen am meisten zählt, ist Sinnbild für das Leben: Die Achtsamkeit und das Vertrauen in den stets nächsten Tritt. Das Leben im Augenblick. Vom Törl dann hinunter ins Halltal zu den Herrenhäusern. Ein kurzer Besuch noch in der Barbarakapelle mit den aussdrucksstarken Heiligenfiguren von Obleitner. Es scheint, als hätte der Absamer Bildhauer die fast lebensgroßen Keramikfiguren aus den Formen, Farben und der Kraft der Natur gestaltet. Der Bogen schließt sich harmonisch von der Natur zu Obleitner und Hundertwasser. Hinaus durch das Halltal nach St. Magdalena. Die Laubbäume haben mit ihrem Farbenspiel begonnen. Waldbaden zwischen knorrigen Bäumen im Eibental. Leben ist immer auch ein Loslassen, damit Neues beginnen kann. (Runde 14 Kilometer, 1300 Höhenmeter)

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