
Während ich in der Hundertwasserkirche sitze, denke ich über meine Kirche nach. Ein Gebäude lässt mich von Kirche träumen und ich beginne zu schreiben.
Kirchentraum
kunterbunt
nicht monton
mit kräftigen Farben und Formen
wie es die Kinder so gerne mögen
mehrdimensional
nicht eindimensional
mit Rundungen und Windungen
wie die Spiralen im Spiel des Natürlichen
lebendig
nicht erstarrt
mit der Natur als Vorbild und Inspiratorin
wie die Kreisläufe des Lebens
harmonisch
nicht disharmonisch
in all der Vielfältigkeit und Buntheit
wo Verschiedenartiges nicht Fremdes ist
offen
für alle
heimatlich verbindend
Geborgenheit für Mensch und Natur
verträumt
wo Phantasien die Realität gestalten
wo Visionen ihren Platz haben
wo Träume das Handeln bestimmen
Die Hundertwasserkirche in Bärnbach. Sie war vor kurzem eines meiner Ziele, das ich mit dem Rennrad über die Hügel südlich von Graz erreichte. Sie ist, wie die nahe Ernst-Fuchs-Kirche in Thal, ebenfalls im Stil des Phantastischen Realismus gestaltet. Friedensreich Hundertwasser hat die St. Barbara-Kirche in Bärnbach, die als einfaches schmuckloses Gebäude im Stil der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde, jedoch nicht – wie Ernst Fuchs seine Kirche – selbst gebaut, sondern vor allem das Äußere in seinem ganz eigenen Stil „behübscht“. Seit ich einige Jahre in der Löwengasse in Wien in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hundertwasserhaus lebte und vor allem seit meiner Teilnahme am Protest gegen die Zerstörung der Hainburger Au durch ein Großkraftwerk – Hundertwasser war einer der prominentesten Gegner – bin ich in gewisser Weise ein Hundertwasser-Fan. Sein berühmtestes Diktum „Die gerade Linie ist gottlos, unmoralisch, wesensfremd und tödlich“ soll er in jenem Jahr gesagt haben, als ich in diese bunte, widersprüchliche, von Spiralen geprägte Welt geboren wurde. Sein Hainburg-Plakat zum Schutz der Au aus dem Jahr 1984 hing programmatisch in unserer Studenten-WG. Zufällig – ganz ohne Plan – kam ich am Hundertwasser-Umweltbahnhof im niedersächsischen Uelzen vorbei, als ich mit meiner Nichte mit dem Rennrad von Innsbruck nach Kopenhagen fuhr. Und diesmal eben, die Hundertwasserkirche in Bärnbach. Was ich an Hundertwasser schätze: Dass Natur und Gebäude miteinander im Dialog stehen; die Unebenheiten, die das Leben in seiner Unregelmäßigkeit spürbar werden lassen; die kunterbunten Farben, die im Widerspruch stehen zu Lust- und Freudlosigkeiten; die Spiralen, die Sinnbild auch für meine eigenen Lebenswege sind, in denen nicht alles gerade ist und die Windungen doch wieder zu einem neuen Anfang führen können.