
Beim Klettern gilt die Aufmerksamkeit dem Jetzt und dem Hier – und die dystopischen Bilder von all den Kriegen und Gewaltexzessen fallen aus mir. Mein Nachdenken über die Welt, wie sie ist und wie sie doch so anders sein könnte, tritt zurück, ohne jedoch zu verschwinden. Mich tröstend erlebe ich die Natur. Beim Ertasten von Tritten und Griffen lasse ich die Traurigkeit über all die Zerstörung der Umwelt los. Es lösen sich die wütenden Gedanken über die Klimakrise und ihre Folgen und das Zerstörungsverhalten, in das ich mich selbst manchmal verstricke, was mich unrund macht und aus dem seelischen Gleichgewicht wirft. Ich höre nicht mehr das Dröhnen jener Hunderttausenden von Verbrennungsmotoren in den Tälern, sondern das Singen eines Vogels, das Rauschen des Windes in den Bäumen oder das Plätschern eines Wassers. Vor allem aber stellt das Zusammensein mit Menschen, mit denen ich unterwegs bin, das Wertvolle dar. Diesmal eben: Eine Gruppe des AV-Hall mit Begeisterung für die Eisenwege.
Von denen gibt es etliche rund um den Gardasee. Einer davon ist die Via Ferrata Ballino, wobei es dafür noch einen zweiten Namen gibt, der meinem religiös-mystischen Naturmpfinden besser gefällt: Via Ferrata Signora delle Aque. Der Anstieg bis zum Einstieg beim Dorf Ballino unweit des Tennosees ist nicht weit. Ca eine halbe Stunde. Dort ist einer jener Wasserfallklettersteige, wie sie zuletzt an einigen Orten gemacht wurden. Es fühlt sich verdächtig mehr nach Action als nach natürlichem Bergerlebnis an. Der Klettersteig selbst ist nur kurz. 140 Höhenmeter fast ganz in der Vertikale. Bewertung: C/D – wobei meinem Empfinden nach D nicht so ganz berechtigt ist. Der Steig selbst ist wie eine lange Leiter mit unzähligen Eisentritten, Steigbügeln und Klammern – weniger wäre wohl auch angebracht – entlang des Wasserfalls hinauf bis zur Wasserfallkante. Manchmal wurden Tritte in den Felsen gehauen. Zweimal wird in spektakulärer Weise der Wasserfall auf Big-Foot-Hängebrücken gequert. Ein wenig fragt die naturschützende Stimme in mir: Darf in dieser Weise die Natur zugerichtet werden? Mein bester Bergfreund weiß wohl die Antwort. Der Abstieg geht dann einen Forstweg hinunter – durch Nadelwälder, die einen trockenen Sommer erlebten. Um den Tennosee, der wie ein türkiser Farbklecks umgeben von Nadelwäldern liegt, zeigen die weißkargen Uferumrundungen den geringen Wasserstand an. Ein klimabedingt niederschlagsarmer Sommer liegt hinter uns.
Gleichsam zum Aufwärmen hatten wir am Vormittag bereits zuvor den klassischen kurzen Colodri-Klettersteig bei Arco gemacht. Der Hochsommer ist vorbei. Das bedeutet für uns: Weniger Andrang bei diesem beliebten Klassiker. Der Schwierigkeitsgrad liegt bei B/C. Oben angekommen ist ein schönes Karstplateau mit Feigenbäumen, mit Tiefblick hinüber zum Gardasee und ins Sarcatal und einem eisernen Gipfelkreuz. Lieblich dann der Abstiegsweg hinunter zu einer kleinen Kirche und in die Straßen von Arco – einer Stadt, die für mich auch mit besonderen Erinnerungen verbunden bleibt.