
Die ALBERTINA in Wien zeigt in ihrer aktuellen großen Herbstausstellung unter dem Titel „Gothic Modern“ Bilder und Gemälde, in denen die Verbindung zwischen der Kunst und der geistigen Strömung der Gotik einerseits und der Moderne andererseits herausgearbeitet wird. Auf ein Bild hatte ich mich schon sehr gefreut, dass ich es einmal im Original sehen werde. Üblicherweise hängt es als das zentrale Kunstwerk Finnlands in einem Museum in Helsinki. Sein Titel: „Der verwundete Engel“. Sein Meister: Hugo Simberg. Ort und Entstehungsjahr: Helsinki 1903. Seine kunstgeschichtliche Einordnung: Symbolismus. Als ich das Bild zum ersten Mal entdeckte hatte, berührte es mich unmittelbar. Ich schrieb Texte dazu, verwendete es mehrmals im Unterricht beispielsweise im Kontext von der Bedeutsamkeit von Engeln – und stets neu wurde das Bild auch für mich immer wieder lebendig. Wie würde ich es einer blinden Person beschreiben? Zwei schwarz gekleidete Burschen tragen einen jungen Engel auf einer hölzernen Bahre. Der weiße Engel stützt sich auf die beiden Holzlatten und hält in seiner Hand noch einen Blumenstrauß. Die Augen des blonden Engels sind mit einer Binde bedeckt. Die Flügel sind verletzt. Eine Blutspur klebt auf ihnen. Einer der beiden burschenhaften Träger blickt den Beobachtenden an. Der andere blickt voraus. Das Bild strahlt Melancholie und Traurigkeit aus. Warum ist der Engel verletzt, so dass er der Hilfe der anderen bedarf? Für mich löst das Bild eine politische und eine persönliche Betroffenheit aus.
Politisch gesehen könnte der Engel symbolisieren, was als himmlische Wirkmacht verletzt worden ist und der Hilfe von uns Menschen bedarf. Verwundet könnte der Traum von Frieden sein, den der Engel wie zu Weihnachten mit dem Ruf „… und Friede den Menschen auf Erden“ verkündete. Anklagend schaut der eine Junge uns an. Wer hat diesen Traum verletzt, wer hat seinen Flügel gebrochen? Heute wird nicht von Frieden gesprochen, sondern von Kriegstüchtigkeit, nicht von Versöhnung, sondern von Abschreckung. Der Engel als Symbol für göttliche Wirkmacht könnte für die Wahrhaftigkeit stehen, die angesichts von Fake News und rücksichtslos narzisstischem Geltungswahn verletzt worden ist. Simbergs Engel ist verletzlich – und doch kann ihm auch in diesem Verwundetsein niemand die innewohnende Kraft nehmen, weil – wie im Bild – es Menschen gibt, die ihn in eine bessere Zukunft tragen.
Jenseits des Politischen spricht mich das Bild auch im Persönlichen an. Einmal mehr wird ein Kunstwerk zum Seelenspiegel des eigenen Ich- und Weltseins. Ich erlebe mich selbst in meinem Sein in den unterschiedlichen Rollen: einmal ist der Engel wie die verletzte Seele in mir, die flügellahm geworden ist und anderer Kräfte bedarf, die sich seelenstützend schenken können, ein anderes Mal bin ich wie der Bursch, der trotzig vorangeht, um einen Engel zu retten, oder wie der hintere Bursch, der traurig andere anblickt, warum sie mit ihrem Verhalten zu Zwietracht und Zerstörung beitragen und so das Engelgleiche verwunden.
klaus.heidegger