
Ich klage nicht über den fast schneelosen Winter in meinen heimatlichen Gefilden. Vielmehr klage ich über jene Mehrheiten im Lande, die immer noch blind dafür sind, dass sich das Klima verändert und dass dadurch Weihnachten längst schon seinen weißen Zauber verloren hat und mehr noch verlieren wird. Die durchschnittliche mittlere Jahrestemperatur in Österreich lag 2024 3,1°C über dem vorindustriellen Niveau. Die Werte für 2025 dürften noch höher sein – vor allem im Kernland der Alpen. Dort steigen die Temperaturen mehr als doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Wer in den Weihnachtstagen 2025 durch Tirol fährt, sieht schmale weiße Bänder mit Technikschnee – von „Kunst“ will ich über dieses energieintensive feinkörnige Waser-Eisschnee-Gemengelage nicht schreiben – zwischen den braunen Hängen und trockenen Wäldern. Man hat sich inzwischen schon an diese absurden Bilder gewöhnt. Auf den Loipen in Seefeld wäre mein Skaten ohne den Technik-Schnee nicht möglich. Wer in die Landschaft hinausschaut, könnte sich als Zeuge für die Wirklichkeit der Klimakrise fühlen. Die Wissenschaft liefert die entsprechenden Daten: Im Alpenraum ist die durchschnittliche Neuschneemenge um 35 Prozent zurückgegangen – und bis zum Ende des Jahrhunderts wird der Rückgang um bis zu 50 Prozent betragen.
Aber darüber will ich nicht klagen: Vielmehr klage ich über die Ignoranz der Mehrheiten, die sich in ihrem klimaschädlichen Verhalten nicht einbremsen lassen, über die Ignoranz einer populistischen Politik, die sich scheut vor einer nachhaltigen Verkehrspolitik wie der Teufel das Weihwasser. Das Weihwasser wäre eine stärkere Besteuerung der fossilen Treibstoffe, ein Stopp des Straßenausbaus, ein Ende des Dieselprivilegs und in der Luftfahrt eine Besteuerung des Kerosins. Es sollte gelten: Wer zur Zerstörung des Weltklimas beiträgt, sollte zumindest ein wenig für die Schäden aufkommen.
Ich will schließlich auch nicht darüber klagen, dass sich die Zeit für die Skitouren längst in die Zeit nach den Weihnachtsferien hinein verschoben hat, dass die Anstiege immer öfter mit Tragepassagen verbunden sind – und wie diesen Winter – dass selbst auf 3000 Höhenmetern wenig Schnee liegt und die Felsen darunter bröckelig und lose sind. Ich selbst kann aber mein alpines Verhalten anpassen.
Mein Klagen in diesen Zeiten sieht aber ganz anders aus. Ich denke an das Leid der Menschen im Gazastreifen, die zu Hunderttausenden unter notdürftigen Planen und in Zelten ausharren. Schutzlos sind sie derzeit den Regenmassen und der Kälte ausgeliefert. Ich denke an Menschen in der Ukraine, die ohne Heizung und ohne Strom in zerstörten Häusern Weihnachten und schon den vierten Kriegswinter erleben. Auf der Anklagebank sollten all jene sitzen, die zu diesem Morden und Töten und Zerstören beitragen, all jene, die trotz Aussichtslosigkeit auf die Karte militärischer Gewalt setzen, all jene auch, die mit ihren Waffenlieferungen nur den Krieg befeuern und damit nicht zu einem möglichen Frieden beitragen.
Während ich im Spiel mit der Schwerkraft entlang der Loipen zwischen den braunen Wiesen skate, sucht sich die Seele zwischen dem Weltschmerz und dem eigenen Daseinszustand das Gleichgewicht, mischt sich Dankbarkeit in das Klagen, das sich dadurch nicht auflöst, sondern erträglicher wird.
klaus.heidegger, 29.12.2025