Gedanken am Karsamstag über die Ambivalenz des Kreuzes

Karfreitag-klein2016Bei der Karfreitagsliturgie spüre ich wie jedes Jahr die Ambivalenz der inszenierten Kreuzesverehrung. Auf der einen Seite ist da das Wissen, dass jener, in dessen Nachfolge ich sein möchte, aufgrund seines politischen Wirkens, seines radikalen Lebensstils und seiner Infragestellung von erniedrigenden Herrschaftsstrukturen von den Römern in Zusammenarbeit mit der religiösen Führungsclique grausam hingerichtet worden ist. In dieser Radikalität ist mir jener, der Menschen von ihrem psychischen oder körperlichen Leiden heilte („Wunder vollbrachte“), dessen Bewegung gekrümmte Existenzen aufrichtete, der politische Widerständler vor sinnlos-gewalttätigem Märtyrertum retten wollte („wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“) und der mit den Menschen Hochzeitsfeste feierte („Weinwunder von Kana“) ein Vorbild. Das Leiden Jesu steht in krassem Gegensatz zur lässigen Rund-um-die-Uhr-Party-Mentalität und ihrer Fixierung auf Spaß, jenem egoistisch-ausbeuterischen Lebensstil, jener Grundhaltung, ich hole mir das Maximum – an Ressourcen, an Arbeits- und Lebenszeit von anderen Menschen –, um mir selbst den nötigen Fun zu verschaffen. Das Kreuz als radikalstes Zeichen einer Proexistenz widerspricht dem, was Papst Franziskus in Laudato si als Wegwerfkultur kritisierte. In diesem Sinne wiederum blicke ich auf das Kreuz – und so wird es zum durchsichtigen Kreuz und ich sehe dahinter die Kreuze unserer Zeit, die Abermillionen, die durch eine kapitalistische Weltwirtschaft, gestützt durch unseren Konsum, zu wenig zum Leben haben. Ich könnte wiederum Papst Franziskus mit seinem Diktum „diese Wirtschaft tötet“ zitieren. Ich denke an die Kriege in der Welt, die Flüchtlinge, und frage mich, was kann ich tun, außer darüber nachzudenken und Gedanken zu formulieren. Dies ist wohl zu wenig.

Auf der anderen Seite kann das Gedenken an den Kreuzestod Jesu so leicht zu einer falsch verstandenen Leidensverherrlichung führen und ich verstumme beim Lied „o Haupt voll Blut und Wunden …“ und ich kann nicht mehr mitsingen bei „heil’ges Kreuz sei hochverehret …“ Das Kreuz als solches bleibt eines der grausamsten Symbole der Hinrichtungsmethoden römischer Besatzer. Das Kreuz an sich verdient keine „Verehrung“, sondern Abscheu. Dieser Jesus ist gestorben, nicht damit wir uns selbst verstümmeln. Im tiefsten will Gott keine Opfer, sondern die Überwindung von Opfer-Täter-Dynamiken. Jedes Märtyrertum, das zerstört, statt aufbaut, ist eine Perversion von Religion. Es gab in dieser Geschichte der Religionen schon viel zu viele masochistische Selbstabtötungen. Unsere Kirchen sind voll von Gebeinen von Märtyrern und ihren stein- und bildgewordenen Grausamkeiten. Sie riechen zu oft nach Blut und Tränen, das aus den Bildern von Fresken und Ölgemälden rinnt. Vor allem der Blick der Jugendlichen, mit denen ich hin und wieder Kirchenführungen mache, macht mich auf diese Perspektive aufmerksam, wenn sie sich von solchen Darstellungen wegdrehen – und damit auch innerlich von einer Religion, die scheinbar das Kreuz und nicht die Auferstehung und damit die Fülle des Lebens im Mittelpunkt hat.

Nach den Kartagen kann ich nun das Osterfest feiern: Als Aufruf, gegen die Kreuze in unserer Zeit aufzubegehren, gegen die Zäune und gegen das Verhungernlassen, gegen die Kriegsvorbereitungen durch Militär und Waffenhandel, gegen fremdenfeindliche Stimmungen in diesem Land und gefährlich doppeldeutige Parolen („Demokratie allein sichert die Freiheit nicht“).

Klaus Heidegger, Karsamstag 26.3.2016

Kommentare

  1. Ich freue mich sehr auf das Fest der Auferstehung…, gemäß den Worten von Erzbischof Dr. Kothgasser bei der Christmesse im Ibk. Dom: „…nicht liegenbleiben, sondern aufstehen – auferstehen!“ Aber in der täglichen Realität müssen wir auch die innerkirchlichen Spannungen zwischen Progressiv und Konservativ aushalten und auch die schrecklichen Ereignisse in der Welt weiterhin anschauen und nicht wegschauen. Es gibt genug Kreuz und Kreuzigungen in der heutigen Welt und auch innerkirchlich. Es erscheint mir äußerst wichtig, das wir als Österliche Christen leben, aber die Auferstehung gibt es erst nach einem schrecklichen Karfreitag und einem l a n g e n Karsamstag, den es auch auszuhalten gilt! Die Osterfreude ja, aber den Blick auf das Kreuz müssen wir weiterhin ertragen und aushalten. Ich wünsche allen Christen dieser Welt, das wir „auferstehen“ im Namen unseres Herrn.
    Besonders notwendend wäre dies für unsere „heilige“ katholische Kirche!!!

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