Body and Soul: Zum Fest Mariä Himmelfahrt

Lebenserfahrungen feiern

Das Fest von der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ kann eine Hilfestellung sein, die existenziell-theologische Befindlichkeit des Lebens zu begreifen. Zwei Aspekte sind es, bei denen wir bei den eigenen Lebenserfahrungen anknüpfen und unseren Glauben schärfen können. Erstens: Was bedeutet die bewusste sprachliche Festlegung im Dogma auf das Adjektiv „leiblich“? Zweitens: Was bedeutet „aufgenommen in den Himmel“?

Traditionell vermitteltes Marienbild

Zunächst ist es notwendig, sich von heute unverständlichen bildhaften Vorstellungen zu lösen, wenn diese fundamentalistisch-buchstäblich verstanden würden, damit nicht der Kerninhalt des Festes in sein Gegenteil verkehrt wird. Wenn dieses Fest mit „unbefleckter Empfängnis“ und „Jungfrauenschaft“ in Verbindung gebracht wird, so entstehen in den Köpfen der meisten Menschen heute Vorstellungen, als gehe es um eine biologische Jungfräulichkeit, was mit sexueller Enthaltsamkeit assoziiert wird. Allein der Begriff „unbefleckt“ in Bezug zur Empfängnis Mariens durch ihre Mutter lässt bei vielen Menschen wiederum das Bild entstehen, dass die intimsten und tiefsten körperlichen Erfahrungen mit „Beflecktheit“ zu tun haben könnten. So manche Predigt am heutigen Festtag wird in die Richtung gehen: Maria als reine Jungfrau und entrückt in himmlische Wirklichkeit. Maria, die Mutter Jesu und damit auch Mutter Gottes, so die legendarische Ausschmückung des heutigen Festes, sei nicht wie ein jeder Mensch einfach gestorben, sondern mit himmlischen Kräften „entschlafen“ und damit in den Himmel aufgenommen worden. Der Himmel wiederum wird woanders verortet, jedenfalls in der Imagination der Gläubigen eben nicht auf dieser Welt, im gegenwärtigen Geschehen, sondern fern dieser Wirklichkeiten von Zeit und Raum. Maria wird jedenfalls in gewisser Form „entrückt“ bzw. „entleiblicht“. Papst Franziskus hat dagegen in seinem neuen Buch über Maria auch die leibliche Marienseite aufgezeigt. Es heißt dort: „Das Wohnzimmer Mariens ist die Straße: Wir müssen die Menschlichkeit Mariens wiederfinden, ihre starke Weiblichkeit.“ In diesem Sinne stimmt das Diktum einer Theologin: „Wir müssen Maria von den Altären holen.“ Mit Bezug auf das Mariendogma von der leiblichen Aufnahme Mariens können wir sagen: Wir dürfen und müssen auch Maria in ihrer Leiblichkeit wahrnehmen, weil damit auch unsere eigene Leiblichkeit ins Zentrum des Heilsgeschehens gebracht werden kann.

Leiblich ist auch körperlich

Der Begriff Leib weist uns auf die Einheit von Körper – Seele – Geist hin, weil Leib immer mehr besagt als eine körperlich-materielle Seite. Alle drei Dimensionen des Personseins werden in ihrer Bezogenheit aufeinander angesprochen. Im Dogma von der leiblichen Aufnahme hat die katholische Kirche damit dem Leiblichen – und eben damit auch dem Körperlichen – eine hohe Wertigkeit zugesprochen. Das ist ein so notwendiger Kontrapunkt zu den Jahrhunderten von körper-, leib- und lustfeindlichen Positionen, die sich durch bestimmte griechisch-römische Philosophien in der Lehre und Praxis der Kirchen breit gemacht hatten. Der ganze Leib – damit auch der Körper und wesentlich damit auch die Sexualität – wird in ein himmlisches Heilsgeschehen mithineingenommen.

Mit Bezug auf Maria von Nazareth, die allerorts an diesem Hohen Frauentag im Mittelpunkt steht, heißt dies. Ich darf sie mir vorstellen als eine jüdische Frau, die geliebt hat aber auch das Leid erfahren musste, wenn der Körper erniedrigt wird.

In den Himmel

In der gelingenden Erfahrung von Körper-Seele-Geist-Harmonie können wir eine Tiefe und Zufriedenheit erleben und erfahren, die wir theologisch als „Himmel“ bezeichnen und damit als Begegnungsraum mit dem Göttlichen. Dort, wo im Leben solche ganhzeitlichen Erfahrungen verwehrt werden, gibt es andererseits die Erfahrung von Himmelsferne und es bleiben Hoffnung und Sehnsüchte nach einer „leiblichen Aufnahme“ in himmlische Wirklichkeiten. Diese sollen aber nie als Vertröstung für eine jenseitige Wirklichkeit fehlinterpretiert werden.

Die Heiligung des Leibes

Die Kräuterbuschen, die am heutigen Feiertag in den Kirchen gesegnet werden, erinnern uns duftend daran, dass es darum geht, dass unser ganzes Sein heil wird, und dass die ganze Körperlichkeit und irdische Wirklichkeit in einen Erlösungsprozess im Jetzt des Himmels zur Erfüllung kommen kann. Das wiederum ist ein politischer Auftrag: Überall dort, wo die Leiblichkeit von Menschen gefährdet ist, müssen wir als Christinnen und Christen aktiv werden. Das heißt sich um jene Menschen zu kümmern, die arm, krank an Leib oder Seele oder unfrei sind. Das bedeutet der radikale Einsatz für eine Welt, in der durch die Klimaveränderung oder die Ausbeutung von Ressourcen oder durch Kriege und Kriegsvorbereitungen nicht in einem globalen Massstab das Überleben von Millionen Menschen bedroht wird.

Klaus Heidegger, Mariä Himmelfahrt 2019

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