Vision von einer Kirche jenseits des Klerikalismus. Es liegt an uns!

Die politische Dimension des postsynodalen Rundschreibens

Eines vorweg: So wie viele Menschen, die sich eine politische Kirche wünschen, die konsequent auf Seiten der Armen und Verarmten steht und daher auch auf Seiten der Umwelt, möchte ich Papst Franziskus voll in diesem Anliegen unterstützen. Das betrifft die politischen Aspekte des nachsynodalen Schreibens. Da haben uns das Schlussdokument der Amazonien-Synode und jetzt das nachsynodale Schreiben des Papstes ein anspruchsvolles Aufgabenheft vorgelegt, das sich bis in die kleinen alltäglichen Entscheidungen hin durchbuchstabieren lässt. Es braucht eine neue Weltordnung, die nicht massenhaft weiterhin Arme produziert und die Umwelt zerstört. Es braucht eine Kapitalismuskritik und eine Abkehr von den bisherigen Ausbeutungsverhältnissen.

Ich höre nun sofort das Argument, dass die gesellschafts- und kapitalismuskritischen Töne in der postsynodalen Exhortation „Querida Amazonia“ (geliebtes Amazonien) so wichtig seien, dass wir in puncto Kirchenreform einfach zurück stecken sollten.

In meiner Arbeit als Lehrer mit jungen Menschen merke ich allerdings tagtäglich den Zusammenhang zwischen beiden Bereichen, der politischen Dimension der Kirche einerseits und ihrer inneren Verfasstheit andererseits. In meinen kirchlichen Tätigkeitsfeldern erlebe ich, wie sehr aufgrund fehlender Kirchenreformen die Gemeinden krank geschrumpft werden, wie viele Frauen die Kirche verlassen und wie sehr oft Seelsorgerinnen und Seelsorger an kirchenstrukturellen Ungereimtheiten leiden. Nur eine Kirche, die auch als Institution glaubwürdig erscheint und für die Menschen authentisch wirkt, wird sich auch voll für Menschen und Umwelt einsetzen können. Die Kirche ist immer zugleich Zeichen (signum) und Werkzeug (instrumentum) in dieser Welt. Je besser die Kirche strukturiert ist, desto mehr wird sie die „soziale“ und „politische Vision“ verwirklichen können, von denen der Papst schreibt.

Sowohl strukturelle Kirchenreform als auch politisch-ökologisches Engagement

Papst Franziskus hat Recht, wenn er vor einer Klerikalisierung der Kirche durch geänderte Zulassungsbedingungen warnt. Doch letztlich geht es bei der Befürwortung des Pflichtzölibats und damit in Konsequenz auch bei einer Ablehnung von „viri probati“ sowie bei dem Nein zur Ordination von Frauen nicht wirklich um dieses Argument. Es wird am Zölibat festgehalten mit der Begründung, dass diese Lebensform eben für einen Priesterberuf geeignet sei, um ganz in den Dienst Christi treten zu können. Es wird am Ausschluss der Frauen vom Priesteramt mit dem Argument festgehalten, dass nur ein Mann Jesus Christus repräsentieren könne, weil eben Jesus auch ein Mann gewesen sei. Hinter dem strukturellen Festhalten am Pflichtzölibat sowie dem Nein zur Frauenordination steht also zunächst nicht die Klerikalismus-Angst. Dann nämlich dürfte es ja auch keine männlichen und unverheirateten Kleriker geben. Dann müsste die Kirche überhaupt eine andere Vision verfolgen.

Ich möchte den Papst mit seinem Amazonien-Papier in diese Richtung interpretieren. Zugleich bin ich schon davon überzeugt, dass wir sowohl jetzt schon an einer Überwindung einer Klerus-Kirche arbeiten können durch das Ernstnehmen der vielfältigen Dienste, die es in dieser Kirche gibt, zugleich aber könnte es bei diesem Übergang aber auch gleicheitig eine Aufhebung des Pflichtzölibats und der Exklusion von Frauen von den Weiheämter geben.

Eine Kirche, die im Dienst der Menschen und der Schöpfung stehen will, braucht auch eine entsprechende glaubwürdige Gestalt und funktionsfähige Struktur. Ich finde es nicht richtig, wenn kirchliche Strukturreformer ständig zu hören bekommen, sie würden blind sein für die eigentlichen Anliegen von Querida Amazonia, die doch ökologisch-sozial seien. Meine Erfahrung zeigt, dass es gerade oft die strukturkritischen Menschen sind, die auch höchst politisch denken und agieren. Die Befreiungstheologie, wie beispielsweise verkörpert bei Leonardo Boff, zeigt den Zusammenhang von kirchlicher Strukturkritik einerseits und Kapitalismuskritik andererseits. Auch hierzulande sind es gerade die restaurativen kirchlichen Kräfte, die sich am meisten mit den politisch-herrschenden Kräften verbunden haben.

Keine Änderungen bei den Zulassungsbedingungen zur Weihe

Enttäuschend ist, dass in der Frage der Zulassungsbestimmungen zu den Weiheämtern keine Änderungen vorgeschlagen werden. Hier mangelt es an der zitierten „kirchlichen Vision“. Weder sieht das Papstschreiben eine Öffnung in Richtung viri probati (verheiratete Männer, die sich in den Gemeinden bereits bewährt hatten und fähig wären zur Leitung von Gemeinden) vor noch in der Frage der Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern wie Diakonat oder Priesteramt. Autoritativ und lehramtlich hat der Papst damit etwas nicht aufgegriffen, wofür sich die Synodenteilnehmer im Oktober letzten Jahres mehrheitlich durchgerungen hatten. Jetzt zu argumentieren, der Papst hätte mit seinem Nichtaufgreifen dieser Themen – das Wort Zölibat kommt gar nicht vor – selbst nicht gegen die Weihe von Verheirateten und Frauen ausgesprochen, ist wohl eine euphemistische Interpretation. Das Nichtaufgreifen dieser Themen bedeutet, einen Entscheid zu treffen, ohne darüber zu reden. Letztlich bleibt so der Status quo einzementiert. Die Konservativen habe erstmals gewonnen. In der Vision der Kirche bleibt das Schreiben des Papstes in puncto Ämterfrage vage. Eine „lebendige Kirche“, die sich der Papst zurecht wünscht, ist immer auch verknüpft mit der Ämter- und Leitungsfrage.

Vision einer anderen Kirche

Vielleicht ist durch dieses Schreiben nun endgültig der Zug in eine andere Richtung abgefahren, in eine Zukunft, in der Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden sowie in den kategorialen Bereichen ihr „Taufgeweihtsein“ in einer Weise leben, dass sie sakramentale Vollzüge praktizieren – wie eucharistische Feiern – die nicht mehr an einen klerikalen Weiheritus gebunden sind. Vielleicht dürfen wir den Papst in dieser Weise interpretieren: Die Vision einer Kirche, die sich nicht um klerikale Leitungsträgerinnen dreht, sondern das Taufgeweihtsein aller Gläubigen ernst nimmt. Dann wird es in den Gemeinden Seelsorgerinnen und Seelsorger geben, die auch ohne Weihe nicht nur die Gemeinden leiten, sondern jene priesterlichen Funktionen übernehmen, die heute einseitig nur Klerikern vorbehalten bleiben. In diesem Sinne ist es gut, wenn der Papst nicht einerseits verheirateten Männern den Zugang zum Priesteramt ermöglichen würde, andererseits aber in der Frage der Frauenordination mauern würde. Dies hätte nur die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in meiner Kirche verstärkt.

Frauenordination bleibt vorne draußen

Aus der Perspektive der Frauen bleibt das nachsynodale Schreiben weit hinter dem zurück, was heute not täte. Einerseits lobt der Papst die zentrale Rolle, die Frauen in der Kirche Amazoniens leisten, nennt dabei ausdrücklich auch die Taufen, zugleich bleibt eine strukturelle Ungerechtigkeit, wenn Frauen in der Ämterfrage nicht gleichberechtigt mit Männern sind. Vom Frauendiakonat ist im Rundschreiben keine Rede. Es muss weiters hinterfragt werden, dass im Kapitel über die Frauen Maria stereotyp als Leitmodell für Frauen vorgestellt wird, die eine andere Funktion als Christus erfülle, dessen Repräsentanten die Priester seien, und dass der Papst zur Frage der Frauenordination auf die „Kraft und Zärtlichkeit“ als Tugenden von Frauen hinweist. Dies könnte all zu leicht wieder als Rechtfertigung patriarchaler Rollenmodelle benützt werden. Wenn der Papst zurecht vor der Gefahr einer Klerikalisierung in Zusammenhang mit der Frauenordination warnt, so gilt dies wohl auch für Männer. Und auch die Rolle von Männern in der Seelsorge sollte mit Blick auf Josef eine Empfangende und von „Kraft und Zärtlichkeit“ erfüllte sein.

Klaus Heidegger, 13. Februar 2020

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