Rietz und der Heilige Antonius – Etappen auf dem Jakobsweg durch Tirol (1)

Die Gemeinde Rietz

In mehrfacher Hinsicht liegt diese 2300-Seelen-Gemeinde im Schatten. Sie bildet den östlichsten Teil des Bezirks Imst. Manche Häuser sehen in der Winterzeit drei Monate im Jahr kein Sonnenlicht. Im Süden der Gemeinde bäumt sich das Massiv der Stubaier-Alpen auf – mit meinem Skitouren-Berg Rietzer-Grießkogel auf über 2800 Meter – und lassen die Sonnenstrahlen nicht mehr darüber. Rietz – Nicht-Einheimische werden sich schon schwer tun, den illyrischen Namen „Rietz“ auszusprechen. Für uns Daige ist es leicht: „RIATZ“ – so die Lautschrift. Das klingt dann auch schon richtig Tirolerisch – oder besser noch: Oberinntalerisch. Ab hier beginnt ja wirklich das Oberinntal. Die drei Kirchen von Rietz stehen im kulturellen Schatten des nahen Zisterzienserstiftes. Wirtschaftlich und schulisch gesehen pendeln die meisten Arbeitsfähigen und Lernwilligen aus, um zur Arbeit oder in die Schulen zu kommen. Telfs mit seinem Wirtschaftsbetrieben und Schulen liegt in unmittelbarer Nähe – und Innsbruck ist nur 30 Kilometer entfernt und mit öffentlichem Nahverkehr sehr gut erreichbar.

Ein Jakobspilger auf der Via Tirolensis wird heute auch politische und ökonomische Blickwinkel haben. Zum Beispiel in Rietz: Auf die ohnehin schon sehr knappen Landwirtschaftsflächen des Oberinntales wurde im Jahr 2015 am Ortsrand von Rietz ein Grundstück im Ausmaß von 60.000 Quadratmetern für ein Hofer-Logistikzentrum verbaut. Am Tag, als ich auf dem Jakobswegspuren in Rietz bin, wird in einer Tageszeitung über den Flächenfraß in Österreich geschrieben: Jeder Tag wird in Österreich eine Fläche von 20 Fußballfeldern, das sind ca 13 Hektar, verbaut. Wenn es so weiter ginge, wäre Österreich bis 2050 komplett zugepflastert. Die Versiegelung von Böden hat auch im Oberinntal gravierende Folgen. Doch der Diskonter mit einem 21% Anteil am Lebensmittelhandel in Österreich, der zusammen mit anderen Diskontern die kleinen Läden in den Orten des Jakobsweges vielfach verdrängt hat, gibt sich dennoch einen grünen Anstrich, demonstriert in Rietz ein grünes Gewissen und lässt das Logistik-Zentrum mit Erdwärme heizen und ist stolz auf die LED-Lampen, wo spanische Ware neben österreichischen Bio-Produkten von Lkws auf- oder abgeladen werden.

Pfarrkirche zum Hl. Valentin

Im Ortswappen von Rietz sind drei Kirchen abgebildet. Zwei gotische Kirchen umrahmen eine Wallfahrtskirche. Auf dem Jakobsweg von Pfaffenhofen her lädt die gotische Kirche zum Hl. Valentin zum Verweilen ein. Die Außenfassade verrät noch die gotische Grundstruktur, wobei der untere Teil vom Kirchturm sogar noch romanischen Ursprungs ist. Innen dominiert – wie fast überall in den alten Kirchen Tirols – die Barockisierung. Valentin als Patron dieser Kirche weist jedoch auf eine viel frühere Zeit hin – als Tirol erst begann, das Christentum kennenzulernen, als Tirol noch nicht geteilt in Nord und Süd war und der Bischof Valentin diesem Land den Glauben an Jesus Christus verkündete.

Hl. Valentin, hilf der Kirche heute, sich von jenem Ballast zu befreien, der die Botschaft des Evangeliums verstellt, damit die Kirche sich erneuern kann!

Im Chorraum stehen die mächtig-barocken Statuen, die von den großen ostseitigen Fenstern wie durch Scheinwerfer von hinten beleuchtet werden. Über Christophorus habe ich erst vor kurzem ein Gebet geschrieben, als vor wenigen Tagen sein Fest gefeiert worden ist.  Hl. Christophorus, hilf uns stark genug zu sein, um Christus zu tragen in jenen Menschen, die uns brauchen!

Links vom Hauptaltar hält der Hl. Sebastian die drei Pfeile in der Hand. Hl. Sebastian, lass uns heute nicht vergessen, dass immer noch Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden!

Am linken Seitenaltar ersticht der Nothelfer Georg gerade den Drachen. Das Böse wird besiegt und der Feind nicht zum Freund verwandelt. Hl. Georg, hilf uns heute Gewaltfreiheit zu leben, um das Böse zum Guten zu verwandeln!

Rechts davon ist Florian und unter ihm steht ein Haus in Flammen. „Our house is on fire“, denke ich mir dabei. Die CO-2-Emissionen steigen und die Erderhitzung nimmt ungebremst zu. Hl. Florian, bitte für uns!

Und heute: Eine liebevolle Kinder“ecke“ mit Tisch und Stühlen und kindgerechten Bibelbüchern und Farben zum Malen zeigt, was heute notwendig ist. In Bälde wird der Dekan von Telfs und Pfarrer gleich mehrerer Pfarrgemeinden auch Rietz in seiner Verantwortung haben. Die alte Friedhofskapelle mit Fresken aus der gotischen Zeit wird im Gegensatz zur Kirche lieblos behandelt. Das Innere ist eine Abstellkammer für Grabkreuze, dabei hat es eine schönes gotisches Gewölbe.

Wallfahrtskirche zum Hl. Antonius

Die Wallfahrtskirche zum Hl. Antonius liegt auf einer bewaldeten Kuppe oberhalb von Rietz. So ist sie auch vom Inntal her weit sichtbar. Die Wiesen und Wälder können den Lärm der Autobahn auf der anderen Talseite nicht schlucken. Er ist ständiger Begleiter für die Jakobspilgerinnen durch das Inntal. Je enger die Bergwände, desto mehr sind sie wie ein Lärmverstärker. Die grüne Landesrätin Tirols hat es jedenfalls bis heute nicht geschafft, auf der Autobahn durch das Oberinntal ein generelles Tempolimit von 100 statt 130 einzuführen. Dies würde jedenfalls eine deutliche Lärm- und Abgasreduktion nach sich ziehen.

Die knapp 300 Jahre alte Kirche im typischen Rokoko-Stil wirkt imposant im Vergleich zur Kleinheit des Dorfes. Von der Pfarrkirche des Hl. Valentin weg führt der Antonius-Steig dem Wald und den Wiesen entlang hinauf. Die blau-gelben Jakobswegschilder weisen den halbstündigen Weg. Vor der Kirche sind ein Findling und eine eindrucksvolle Marienstatue der feministischen Künstlerin Ursula Beiler. An diesem Ort und mit dieser Statue zeigt die Oberinntalerin ihre Kunstfertigkeit, die sich nicht auf Schriftzüge wie „GRÜSS GÖTTIN“ oder „INNANNA“ reduzieren lässt. Majestätisch, tief, himmlisch-geerdet, verbunden mit der Natur, so wirkt diese Marienstatue, die in einem ausgeschnittenen Baumstamm steht. Sie drückt Stärke und zugleich Geborgenheit aus. Es ist irgendwie, als wüchse Maria mitten aus der Natur heraus. Der Hintergrund ist himmelblau mit weißen Sternen. Ich lege ein paar Rosenblätter vor sie hin, die von einem Rosenstock hinter dem Bildstock gefallen sind und vertraue ihr meine Wünsche an.

All die vielen Statuen in der Wallfahrtskirche haben mich dagegen weniger berührt. Im Gegenteil. Die barocke Üppigkeit – genauer gesagt die Rokoko-Fülle – lenkt leicht vom Wesentlichen ab. Antonius von Padua ist jedenfalls in dieser Kirche omnipräsent. Das Deckenfresko zeigt das Hostienwunder des Antonius von Padua, das so ganz zur Theologie der Gegenreformation passt.

Die Bedeutsamkeit des Hl. Antonius von Padua ist seit 1000 Jahren gleich geblieben. Er gilt als Patron der Liebenden, der Reisenden und der „Schlampigen“ und als „Fürsprecher bei Krankheiten“. Auch in meinem Leben gibt es also genug Bezüge zu diesem populären Volksheiligen. Ich weiß, wonach ich suche. In diesem Corona-Sommer tut es gut, das Gebet wie ein „Pflaster auf eine Wunde“ zu spüren – eine Metapher, die im Kirchenführer der Antonius-Kirche zu finden ist.

Klaus Heidegger, 4.8.2020

Quellen:

Katholisches Pfarramt Rietz (2002): Die Kirchen der Pfarre Rietz in Tirol, Verlag St. Peter: Salzburg.

Kräutler Werner (2015): Rietz – zwei Monate Schatten, drei Kirchen, in: https://tirolerjakobsweg.wordpress.com/2015/05/27/rietz-zwei-monate-schatten-drei-kirchen/#more-1100, online, 4.8.2020.

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