verklärt

ganz klar
wie in einem eiskalten Bergsee
kann sehen bis zum Grund
bis in die Tiefe der Seele

ganz klar
wie ein Blick in die Augen
muss mich nicht schämen
den Blick nicht senken

am siebten Tag
drei Leitgestalten des jüdischen Volkes
drei Jünger
drei Hütten wollen sie bauen

Jakobus, Andreas und Petrus
bereit mit Jesus zu ziehen
bereit zum beschwerlichen Aufstieg
bereit zum Gebet

Jesus, Mose und Elija
Mose und die Bedeutung des Gesetzlichen
Elija und die Bedeutung des Prophetischen
Jesus und seine prophetische Gesetzlichkeit

für sie drei Hütten
keine Tempel und Kirchen
ein flüchtiger Schutz für die Träume
ein Ruheplatz in Zeiten der Unruhe

in der Tiefe der Seele
Verklärtes geborgen
Unaussprechliches bewahrt
lässt leben und kämpfen

Klaus Heidegger, am Fest der Verklärung Jesu, 6.8.2020

Die Verklärung Jesu

Die Geschichte von der Verklärung Jesu hat sich tief in unser christliches Glaubenswissen eingeprägt. Viele Bilder und Darstellungen helfen uns, die bei allen drei Synoptikern in fast gleicher Weise geschilderte Szene in Erinnerung zu halten. Ich erinnere mich noch heute daran, wie ich vor einigen Jahren in den Vatikanischen Museen lange vor Raffaels Gemälde „Die Transfiguration Christi“ gestanden bin – zu lange für die Schülergruppe, die ich damals führte.

Die Geschichte von der Verklärung Jesu ist schnell erzählt: Jesus hat drei Jünger – Andreas, Jakobus und Petrus – beiseite genommen und sie auf einen nicht näher bezeichneten Berg geführt. Dort verwandelt sich Jesus vor ihren Augen. Sie sehen ihn mit Mose und Elija reden. Ganz hell-weiß-strahlend ist dieses Erlebnis für sie, wunderschön. Da kommt die so verständliche Reaktion des Apostelfürsten Petrus, dem Struktur und Amt stets ein großes Anliegen sind. Ganz praktisch denkend will er dieses Ereignis bewahren und schlägt sofort vor: „Lasst uns drei Hütten bauen!“

Sozialhistorisch-politisch ist die Haltung des Petrus und der Jünger verständlich. Sie wussten wohl längst, wohin ihr radikaler Weg des Widerstands führen könnte. Wenn sie mit ihrer Kritik an der römischen Besatzungspolitik und der Lokalaristokratie in Jerusalem so weiter machen würden, dann könnte es ihnen ergehen wie all den jüdischen Widerstandskämpfern: im schlimmsten Fall ein grausamer Tod am Kreuz. Dass Jesus aber mit Mose und Elija auf Augenhöhe ist, ermutigt die Jünger dann doch trotz all der Gefahr, ihre Existenz als Wanderradikale wieder aufzunehmen und die messianischen Verheißungen nicht aufzugeben. Gestärkt vom Verklärungserlebnis wagen sie wieder den Abstieg in die Niederungen.

Die römisch-katholische Kirche hat sich auf Geheiß der Nachfolger des Petrus im Laufe der Kirchengeschichte nicht mit „Hütten“ begnügt, sondern Paläste erbauen lassen. Viele dieser Mauern lähmen heute noch christliches Leben und verfestigen Ungleichheiten und Abhängigkeiten.  Die manifestierte Genderungerechtigkeit in der Kirche – erst jüngst durch ein vatikanisches Dokument neuerlich verfestigt – ist ein Ausdruck davon.

Die Geschichte von der Verklärung Jesu hat aber nicht nur die genannte politische sowie kirchlich-systemkritische Funktion. Ich denke an eigene Verklärungserlebnisse und Erfahrungen, wo ich wie Petrus fühlte und dachte und Hütten bauen wollte. Dann aber kommt es zu jenem auch schmerzlichen Augenblick: Ich kann das erfahrene Licht nur als kostbaren Schatz in der Seele bewahren. Zugleich schenken mir solche Verklärungserlebnisse den Glauben an eine Welt, in der der Himmel erfahrbar werden kann. Im Privaten wie im Politischen.

Klaus Heidegger

 

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