Bruder Klaus von der Flüe und seine bleibende Bedeutung

Mein Namenspatron lebte drei Werthaltungen in einer Radikalität, die ein halbes Jahrtausend später nichts an Bedeutsamkeit verloren haben.

Erstens: Das Glück und Heil der Welt und des persönlichen Lebens liegen nicht in der Fülle an materiellen Dingen, sondern im Freisein von ihnen. Diese im Leben des Heiligen Klaus verdichtete Botschaft gilt vor allem für unsere Gesellschaft und Wirtschaft, in der Konsumismus zur Zerstörung des Planeten beiträgt. Der Mystiker aus der Schweiz lebte nach dem Grundsatz der Theresa von Avila: Solo dios basta –Gott allein genügt. Eines seiner Gebete begleitet mich seit Kindestagen: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“ Bruder Klaus konnte seinen ganzen Besitz loslassen, weil er das Glück in Gott finden konnte.

Dieser Gott darf freilich nicht als der ferne, allmächtige, überirdische, transzendente Gott in 3. Person verstanden werden. Gott wird auch für den Mann Klaus aus Flüe erfahrbar geworden sein in seiner Liebesbeziehung mit Dorothee, in der Liebe zu den Kindern, in den Freundschaften in seinem Dorf sowie in dem bäuerlichen Eingebundensein in die Natur. Ein solcher Gott gibt Kraft und ist keine billige Vertröstung.

Zweitens: Der politische Frieden für die Welt kommt nicht durch Bomben und Aufrüstung. Vom Klaus von der Flüe hieß es, dass er sich während des Krieges lieber in die Büsche zum Gebet schlug als zu kämpfen. Ihm gelang es dann, durch Verhandlungen einen lange andauernden Friedensvertrag zu schmieden, der ihn zum Friedenspatron und zum Landespatron der Schweiz werden ließ. In einer Welt und einem Österreich darin, wo aufgerüstet wird und auf Gewaltmittel gesetzt wird, verkörpert Bruder Klaus die pazifistische Option.

Drittens: Das größte Geschenk Gottes sei die Vernunft, sagte damals schon im ausgehenden Mittelalter der Einsiedler Klaus. Vernunft und tiefer Glaube sind kein Gegensatz, sondern brauchen einander. Wo der Glaube ohne Vernunft ist, wird es gefährlich. Da sind wir bei den vielen destruktiven religiösen und politischen Fundamentalismen und bei den Phobien gegen Fremde oder Menschen, die anders als der Mainstream sind. Wo Glaube und Vernunft getrennt sind, sind wir bei Gesetzen, die völlig unvernünftig sind, aber als Produkte von Ängsten und Voreingenommenheiten doch gestaltende Macht besitzen. Wo Vernunft ohne Glauben ist, wird es nicht weniger gefährlich, wie ein Blick auf die gegenwärtigen Wirklichkeiten zeigt. Da werden mit gesetzesstaatlichen Maßnahmen humanitäre Lösungen verhindert, die beispielsweise eine Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus den Elendlsagern wie Moria ermöglichen würden. Der Glaube an die Menschlichkeit geht verloren.

Auf schulischer Ebene schadet dieses Denkmuster der Trennung von Religion und Vernunft,  wenn Religionsunterricht einerseits und Ethikunterricht andererseits als zwei unterschiedliche Fachgebiete angeboten werden, ganz so, als würde eine vernunftgeleitete Ethik auf der einen Seite unterrichtet werden, auf der anderen Seite Religion, die eben mit Glauben zu tun hat, der nicht nach rationalen Mustern ticke.

Bruder Klaus aus Flüeli ist Botschafter eines einfachen Lebens, für eine Welt, die nicht auf Gewalt aufbaut und für eine Verknüpfung von Vernunft und Glaube.

Klaus Heidegger, 25.9.2020

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