Hagar deckt auf: die Rolle von Frauen

Der Kontext der Geschichte und die Erzählung

Wir sind im Buch Genesis, jenem Buch, wo die ersten Grundlinien der Geschichte Gottes mit uns Menschen plastisch geschildert werden. Dieses 1. Buch Mose, so wird es seit Luther in der Evangelischen Kirche genannt, beginnt mit der Schöpfungsgeschichte, der Vertreibung aus dem Paradies, handelt von Kain und Abel und der Geschichte von Noah. Dann beginnt die Geschichte der Erzeltern, von Abram and Sarai bzw. Abraham und Sarah, wie sie nach der Begegnung mit Gott genannt werden. Es ist auch die Geschichte einer ganz besonderen Frau: Hagar.

Abram und Sarai sind verheiratet. Abram hat die Versprechung von Gott, dass Gott mit ihm ist, dass er in das versprochene Land gehen soll. In das Land Kanaan. Abram nimmt Sarai und alles, was sie haben, und sie gehen in dieses neue und versprochene Land. Sie lassen sich dort nieder. Doch das Glück währt dort nicht. Es kommt eine große Hungersnot im Land Kanaan. Und wieder müssen Abram und Sarai das Land verlassen. So flüchten sie nach Ägypten. Abram hat Angst, dass seine wunderschöne Frau Sarai weggenommen wird und dass er als ihr Ehemann getötet würde. So beschließt Abram, über ihre Heirat zu lügen. Er gibt Sarai als seine Schwester aus und sie wird in den Harem des Pharaos aufgenommen. Es heißt in der Bibel, Vers 12,16 sehr vielsagend dazu: „Und Abram ging es um ihretwillen gut, auf ihre Kosten.“ Der Pharao gibt Abram Land und Besitz – ja, und auch Sklavinnen. Eine Seuche kommt in Ägypten auf. Da geht der Pharao zu Abram und fragt ihn, was los sei. Dann gesteht Abram die Lüge. Der Pharao befiehlt ihm, zurück zu gehen, da die Seuche als Strafe Gottes gilt.

Wieder gibt Gott Abram, der nun schon hochbetagt ist, ein Versprechen. „Ich werde dir mehr Nachkommen als Sterne am Himmel geben.“ Doch Sarai bleibt unfruchtbar. Darauf ergreift sie selbst die Initiative. Sarai gibt Abram ihre Sklavin Hagar, damit er ihr ein Kind zeuge.

Hagar ist eine Sklavin in Ägypten. Sie wird dort wie eine Ware dem Abram und der Sarai gegeben. Als beide wieder hinauskomplentiert werden, muss Hagar ihre Familie in Ägypten verlassen. Hagar ist ein Nobody, sie ist nichts, eine Ägypterin, keine Erwählte, eine junge Frau, abhängig.

Als sie von Abram schwanger wird, bekommt sie etwas Hoffnung. Wenn sie einen Sohn hat, dann würde er ein Teil des erwählten Stammes sein. Da entsteht die Eifersucht. Sarai wird eifersüchtig und gewalttätig. Hagar flieht. Nicht ein paar hundert Meter. Sie flieht mehr als 100 Kilometer, mitten durch die Wüste Richtung Ägypten. Wollte sie wieder Schutz suchen dort, woher sie gekommen ist? Auf der Flucht kommt sie in eine aussichtslose Lage. Da begegnet ihr Gott in Gestalt eines Engels. Es ist der „Engel des Herrn“. Hagar gibt Gott einen Namen. Sie nennt ihn El Roy. Der Gott, der sieht. Hier sehen wir die wahre Natur Gottes. Gerade weil Hagar ein Nobody ist, eine Außenseiterin, sieht Gott sie. Gott gibt ihr ein Versprechen, gibt ihr eine Perspektive. Sie wird einen Sohn haben und Ismael soll sein Name sein, das heißt: Gott hört. Gott ist nicht nur jemand, der sieht, er ist nicht nur El-Roy, er ist auch Ismael – Gott, der hört. Aufgrund dieser Begegnung wagt es Hagar, wieder zurück zu Abram und Sarai zu gehen.

Die Geschichte geht nun so weiter, dass Hagar zurück zu Abram und Sarai geht und mit ihnen lebt. 14 Jahre später wird Sara doch noch Mutter und gebiert Isaak. Da sich Ismael über Isaak lustig macht, werden er und Hagar, auf Saras Wunsch, von Abraham weggeschickt. Sara wünscht nicht, dass beide Söhne gemeinsam erben. Zuerst ist Abraham unwillig, doch als ihm nachts ein Engel erscheint, der Saras Wunsch bestätigt und ihm verspricht, auch aus Ismael ein großes Volk zu machen, gibt er nach und schickt Hagar und Ismael mit Proviant fort. Als ihre Vorräte in der Wüste zu Ende gegangen sind und ihr Sohn dem Tode nahe ist, erscheint Hagar wiederum ein Engel und zeigt ihr einen rettenden Brunnen.

Das biblische Aufdecken der mimetischen Struktur

Die Geschichte von Hagar und Sarah ist eine Geschichte einer feministischen Katastrophe. Die beiden Frauen tun sich nicht zusammen, um die patriarchalen Strukturen zu verändern, sondern bekämpfen sich gegenseitig. Ihre Beziehung ist zunehmend geprägt von Eifersucht und Neid. Beide wollen sie das Gleiche: Nachdem Ismael geboren wird, wird es ein Kampf um Leben und Tod. Gleich zweimal schickt Sarah ihre Rivalin in die Wüste – immer mit der Möglichkeit, dass sie dort stirbt. Aber auch Hagar wird in der Geschichte nicht als Heilige geschildert. Es heißt, sie spottete über die Unfruchtbarkeit ihrer Rivalin Sarah. Es ist dann mehrmals Gottes Initiative, dass die mimetischen Zirkel aufgehoben werden.

Im Judentum wird diese Geschichte zu Beginn des Rosh Hashanna-Festes gelesen. Das jüdische Neue Jahr beginnt. Wir können die Hagar-Sarah-Geschichte daher auch lesen als Warnung: Nicht in Rivalitäten zu verfallen, sondern ein gemeinsames Handeln für ein gutes Leben für alle. Als Mann möchte ich sagen: Auch wir Männer sind nicht als Männer und aufgrund unseres Geschlechts die Rivalen der Frauen, sondern wir können gemeinsam für eine Verbesserung eintreten und für die Abschaffung sexistischer und patriarchaler Strukturen in der Kirche – wie der Verweigerung von gleichberechtigten Ämtern in der Kirche.

Hinschauen wie Gott, El-Roy

Wer sind diejenigen, auf die wir wie Gott schauen müssen? Es sind diejenigen, die in die Wüste geschickt werden – wie die Flüchtlinge heute, die an der belarussisch-polnischen Grenze aufgehalten werden, die frieren, die keine Perspektive haben, wie die Asylsuchenden in unserem Land, die Angst haben, abgeschoben zu werden. Auch im persönlichen Leben gibt es immer wieder Situationen, wo jemand hinausgemobbt wird, weggedrängt wird, sprichwörtlich in die Wüste geschickt wird. Gott wird in der Hagar-Geschichte als El-Roj bezeichnet, als ein Gott, der sieht, und als Ismael, als ein Gott, der hört. Dort ist Gott zu finden, wo die Nöte gesehen werden und wo die Nöte gehört werden, wo es auf die Hilferufe eine Antwort gibt.

Hagar und die Stellung der Frauen in den Religionen

Das 16. Kapitel des Buches Genesis ist wie ein Schlüssel, um die Stellung von Frauen in unseren Gesellschaften, aber auch in der Geschichte des Christentums aufzuzeigen. Hagar, die „Fremde“, hat die Rolle von Frauen in einem Patriarchat. Sie ist fremdbestimmt und abhängig. Sie hat als Randfigur ihre Rolle zu erfüllen.

Der Ausschluss von Frauen von den Weiheämtern in der katholischen Kirche spiegelt ebenfalls eine Situation wider, wo Frauen ausgegrenzt werden: Ausgegrenzt von Entscheidungsstrukturen und vor allem auch ausgegrenzt mit Blick auf die Spendung von Sakramenten. Diese Tatsache kann nicht schöngeredet werden mit Argumenten, dass Frauen bereits in so vielen Führungsfunktionen tätig seien. Auch die Geschichte von Hagar zeigt, dass es für diese Exklusion keine theologischen und biblischen Argumente gibt. Im Gegenteil.

In dieser Geschichte ist es Hagar, die genau erkennt, wer und wie Gott* ist. Zunächst wird sie von Gott* mit einem Namen angesprochen. Sie ist in Gottes Augen kein Nobody. Sie gibt diesem Gott* sogar einen Namen: El-Roy, der Gott*, der mich anschaut. Hagar ist auch diejenige, die ihrem Sohn einen Namen geben soll: Ismael, das heißt: Gott* hört. Hagar wird – so könnten wir es in der kirchenrechtlichen Sprache benennen – direkt von Gott beauftragt und legitimiert, das Heil den Menschen zu bringen. Sie ist Auserwählte und Gesandte.

Die Geschichte von Hagar erinnert an die neutestamentliche Maria aus Magdala, die in der johanneischen Auferstehungserzählung in der tiefsten Verzweiflung erkennt, dass Jesus auferstanden ist und ihn als „Rabbuni“ benennt und dann hinausgeht und verkündet.

El-Roy fragt Hagar „woher kommst du?“ und „wohin gehst du?“ El-Roy hat ein Interesse an den marginalisierten Frauen und ihren Geschichten. El-Roy hat Hagar mit Blick auf ihren Sohn eine neue Perspektive geschenkt, die ihr Mut gegeben hat.

Auch die Frauen und Männer in unserer Kirche, vor allem aber die jungen Menschen, brauchen Ermutigungen und Perspektiven, damit diese Kirche nicht noch mehr an Bedeutsamkeit verliert.

Hagar als Brücke zwischen Islam und Christentum

Religionsgeschichtlich gibt es zwei konträre Sichtweisen, wie die Rolle von Hagar im christlich-islamischen Verhältnis gesehen wird.

Erstens könnten wir einer islamfeindlichen Interpretation folgen, die ihren Ausgangspunkt im Galaterbrief nimmt. Dort (Gal 4,21-31) wird Hagar von Paulus gleichgesetzt mit Sklavesein. Christen seien nicht „Kinder der Sklavin“. Tatsächlich leiten sich die Muslime in der islamischen Tradition von Hagar-Ismael ab und der Prophet Mohammad stammt von dieser Linie ab.

Aus feministisch-islamischer Perspektive ist es jedoch bedeutsam, dass Hagar laut Überlieferung letztlich die Gründerin der heiligen Stadt Mekka ist. Eine starke und gläubige Frau steht an der Wiege des Islam.

Gott sieht und hört

wenn jemand in die Wüste geschickt wird
wie Hagar
unbeachtet
verzweifelt
ausgenutzt
dann guter Gott
El-Roi
blick auf sie

wenn jemand ruft in der Wüste
wie Hagar
verzweifelt
dem Tode nahe
hinausgedrängt
dann guter Gott
Ismael
hör auf sie

klaus.heidegger, 22.11.2021

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