Desmond Tutu lebe weiter in unseren Herzen und unserem Tun!

Er hat mich von Jugend an inspiriert, dass sich Religion und Politik nicht trennen lassen und ein religiöses Leben mit politischem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden zu tun hat. Christliches und kirchliches Leben wird stets mit politischem Engagement verbunden sein, um dem Maßstab Jesu Christi zu entsprechen.

Er hat mich ermutigt daran zu glauben, dass mit den Mitteln der Gewaltfreiheit die schlimmsten Strukturen der Gewalt überwunden werden können, wenn sie strategisch eingesetzt werden.

Er hat die Überzeugung in mir gestärkt, dass das Prinzip „Ubuntu“ zur großen Kraftquelle zur Veränderung dieser Welt werden kann. Wir sind alle miteinander vernetzt.

Er hat sich engagiert zur Erreichung der Klimaziele, weil er in der Erderhitzung eine der größten Gefahren für die Menschheitsfamilie sah. Dabei ermutigt er zu einem Lebensstil, in dem möglichst wenig Erdölprodukte konsumiert werden.

Er hat sich nicht gescheut, seine politischen Freunde zu kritisieren, wenn sie selbst vom Pfad der Gerechtigkeit abgewichen sind.

Er hat sich aus religiöser und biblischer Sicht für die Rechte von homosexuellen Menschen eingesetzt.

Er bekräftigt in mir das Bemühen, in allen Verwundungen des Lebens Vergebung und Versöhnung an erste Stelle zu setzen, ohne dass die Wahrheit verschwiegen werden muss. Rache und Strafe sind nicht geeignet, um darauf Frieden aufzubauen.

Er hat nie aufgegeben, an die Verwirklichung von Träumen zu glauben und dafür zu kämpfen. Seine Grundhaltung, „you can reach out to the stars“ möge auch für mich gelten.

Desmond Mpilo Tutu als Inspirator

Desmond Tutu ist am 31. Dezember 2021 begraben worden. Seine Gedanken, sein Vorbild und sein Beispiel werden in den Herzen von Millionen Menschen weiterleben. Auch in mir.

Tutu ist nicht von ungefähr so alt wie mein Vater. In geistiger Hinsicht möchte ich Tutu als „geistigen“ Vater bezeichnen, weil ich bei ihm über viele Jahre in die Schule gegangen bin, ohne jemals auch nur in seine Nähe gekommen zu sein. Südafrika ist und bleibt für mich ein fernes Land. Nie hatte ich die Absicht, dort hinzureisen. Und dennoch haben mich Menschen, die mit diesem Land verbunden sind – Mahatma Gandhi, Steve Biko, Nelson Mandela und eben Desmond Tutu – geistig und politisch begleitet.

Tutu war in den 50er Jahren als Lehrer tätig – ein Beruf, der mir zur Berufung werden sollte. Tutu wurde Priester – was auch mein Lebensweg werden sollte, gäbe es in meiner Kirche das Zölibat nicht. Tutu studierte leidenschaftlich gerne Theologie. Dies war auch meine Leidenschaft. Tutu konnte im Zusammensein mit seinen Kindern und seiner Frau Kraft schöpfen.

Die Ermordung von Steve Biko, 1977, fällt in die Zeit meiner Matura. Meine Lehrer im katholischen Privatgymnasium der Steyler Missionare waren befreiungstheologisch „angehaucht“, da sie selbst oder ihre Mitbrüder in den Unrechtsgegenden dieser Welt waren. Die Situation in den Diktaturen Lateinamerikas sowie in afrikanischen Ländern war schon während meiner Schulzeit Stoff für politische Gespräche – als es noch lange kein Internet gab und die Nachrichten im kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher auch wenig hergaben. Dennoch wusste ich vom Unrecht und dem Kampf für Menschenrechte in Südafrika.

1984, als Desmond Tutu den Friedensnobelpreis erhielt, als das Apartheidregime noch an der Macht war, war ich bereits im Doktoratsstudium. In meiner Dissertation ging es wesentlich um die Frage der politischen Umsetzung der Gewaltfreiheit, die damals einer der vier Grundsäulen für die neugegründete grüne Partei war, die mein Forschungsgegenstand war. Die Befreiungstheologie – und damit auch die Black Theology eines Desmond Tutu und seiner christlichen Mitstreiterinnen und Mitstreiter – waren in meinem Studium sehr präsent, gerade deswegen auch, weil sie von päpstlicher Seite in Frage gestellt wurde. Mein Doktorvater, Herwig Büchele, sprach begeistert von Desmond Tutu. Dies war auch die Zeit, als ich in der Katholischen Jugend und Katholischen Arbeiterjugend und zugleich in der Dompfarre St. Jakob tätig war. Die Unterstützung der Anti-Apartheid-Bewegung war uns wichtig. Als wir die weltweiten Boykott-Maßnahmen unterstützten, kam es zum Konflikt mit dem damaligen Diözesanbischof Reinhold Stecher. Nelson Mandela saß zu dieser Zeit bereits 21 Jahre im Gefängnis.

1993/1994 konnte ich an einem Forschungsprogramm an der Harvard University unter Leitung von Gene Sharp die Grundprinzipien eines „Strategic Nonviolent Conflict“ teilnehmen. Die Frage lautete: Anhand welcher Kriterien lässt sich feststellen, ob ein gewaltfreier Aufstand gelingen kann? Das Modell der Anti-Apartheid-Bewegung war in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel. Desmond Tutu trug in all den Jahrzehnten mit seiner konsequenten Haltung, seiner Verankerung im christlichen Glauben und seiner Kirche dazu bei, dass sich Südafrika ohne Gewalt von einem menschenrechtsfeindlichen Regime lösen konnte. Als Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission gelang es ihm, dass 1990 nach der Freilassung von Nelson Mandela und dem Beginn einer neuen südafrikanischen Regierung nicht Vergeltung und Rache, sondern Versöhnung die Bausubstanz eines neuen Südafrika werden sollte.

Desmond Tutu – möge er in den Herzen von Millionen Menschen weiterleben, damit diese Welt eine bessere wird.

Klaus Heidegger, Weltfriedenstag, 1. Jänner 2022

Kommentare

  1. Lieber Klaus,
    herzlichen Dank für diese persönlichen Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Tod von Desmond Tutu!
    Ich habe nicht gewusst, dass du in SVD-Gymnasium – ich vermute in Bischofshofen – gewesen bist.
    Aufgefallen ist mir auch der Bezug auf die 4 Gründungsimperative der Grünen. Dabei war ich immer dem 4., nämlich dem ‚basisdemokratisch’en kritisch gegenüber. Der wurde ja als Rotationsprinzip ausgelegt, was ich mir schon Ende der 70er Jahre praktisch nicht vorstellen habe können, wie das funktionieren soll.
    Liebe Grüße und ein gutes Neues Jahr – auch beziehungsmäßig!
    Meinrad

    1. Lieber Meinrad, Danke für deine Wünsche. Ja, das Rotationsprinzip ist bald aufgegeben worden – war zu idealistisch gedacht. Leider haben die Grünen auch ihre pazifistischen und antimilitaristischen Wurzeln abgelegt. Liebe Grüße, Klaus

  2. Lieber Klaus,
    habe gerade Deine feine Internetseite entdeckt.Ich bin immer noch bei denGrünen, als Gründungsmitlgied kann und möchte ich es nicht lassen und mich ärgert, dass sie so wenig auf ihre Wurzeln schauen. In meiner Erinnerung warst Du ja bei der Alternativen Liste dabei, ich sah Dich aber dann nie mehr auf den Grünen Parteikongressen in Tirol. Da ich auch so Wurzelsuche betreibe wäre meine Frage ab wann und wie lange bist Du dann eigentlich bei den Grünen aktiv gewesen?
    Würde Dich auch gerne mal in Innsbruck treffen, wenns bei Dir passt.
    LG Franz

    1. Lieber Franz, Danke für dein Mail – melde dich einfach einmal, wenn es dir ausgeht. Ja, schade, dass wir uns irgendwie aus den Augen verloren haben. Die vielen Stunden bei dir in der Buchhandlungen mit den vielen vielen Gesprächen über Parteigründung, Inhalte etc. – ich möchte diese Zeit nicht vermissen müssen. Wir hatten so viele Ideale und einen Glauben an eine Welt, die so viel besser sein könnte. Also: einfach melden. Mlg., Klaus

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