Legt die Waffen nieder!

In diesen Tagen voll Leid und Schrecken in der Ukraine möchte ich nur eine Stimme mehr hören: Legt endlich die Waffen nieder! Alle, ihr russischen Streitkräfte, die ihr gegen jedes Völkerrecht in ein souveränes Land eingedrungen seid auf Befehl eines Präsidenten, der den Krieg will. Aber auch ihr Männer und Frauen der ukrainischen Armee und ihr nun bewaffneten Zivilistinnen und Zivilisten. Legt die Waffen nieder, so schwer es euch auch fällt angesichts des massiven Unrechts, das ihr erfährt! Hört auf mit dem Basteln von Molotow-Cocktails und mit dem Errichten sinnloser Straßensperren! Verschanzt euch nicht länger bewaffnet in den Wohnhäusern, die so nur zum Angriffsziel für die russischen Besatzungstruppen werden!

Hören wir auf warnende Stimmen! Militärexperte Walter Feichtinger sagte zuletzt im ORF-Report: „Das Schlimmste ist zu befürchten, wenn Zivilisten mit Waffen ausgestattet werden und hier der Kampf jeder gegen jeden ausbricht … dann würde Russland sich überhaupt nicht mehr zurückhalten … es wäre ein Desaster für alle …“ Je größer der militärische Widerstand ist, desto mehr, so Feichtinger, würde der Krieg eskalieren, desto brutaler würde der Kampf werden.

Solidarität mit dem ukrainischen Volk zu zeigen, das bedeutet eben nicht logischerweise Solidarität mit einem bewaffneten Abwehrkampf. Bei allem Verständnis für den ukrainischen Staatspräsidenten: Seine kämpferischen Auftritte sind auch brandgefährlich und dienen nicht einer Deeskalation. Im Gegenteil: Gerade um die Zerstörungen zu stoppen, um Waffenruhen zu ermöglichen, um Flüchtlingsströme zu vermeiden – gerade deswegen müssten die Waffen – von allen Seiten – schweigen! Wenn westeuropäische Staaten nun Kriegsgerät in die Ukraine liefern lassen, dann gießen sie nur Öl ins Feuer, dann werden sie aber auch zu Kriegsparteien, die mehr und mehr eine Ausweitung des Krieges über die Grenzen der Ukraine hinaus verursachen könnten. Ein Kampf der NATO gegen Russland wäre das schlimmste Szenario von allen, das es jedenfalls zu verhindern gilt. Würde die NATO militärisch in der Ukraine intervenieren, käme es zu einem Weltkrieg – vielleicht sogar zu einem Nuklearkrieg. Die Drohung von Putin, die strategischen Atomwaffen in Einsatzbereitschaft zu bringen, war eindeutig.

Volksbewaffnung in der Ukraine ist der falsche Weg! Zugleich gilt: Eine militärische Kapitulation wäre nicht gleichzusetzen mit einer Aufgabe des Freiheitswillens und der Selbstbestimmung der Ukraine. Sie kann darauf vertrauen, dass die große Solidarität im Westen dazu beitragen wird, dieses Land in Freiheit wieder neu aufzubauen und dass die russischen Besatzer aufgrund der vielen nicht-militärischen Maßnahmen wieder das Land verlassen werden. Friedensverhandlungen töten nicht – militärische Maßnahmen schon! Eine zielgerichtete Sanktionspolitik wird einen Regime-Change in Russland unterstützen und damit von innen her den gegenwärtigen Kriegskurs aushöhlen. Frieden ist möglich, wenn eine Friedenspolitik gewählt wird und nicht für den Krieg die Mittel freigesetzt werden. Die Republik Österreich hat aufgrund seiner Neutralität eine besondere Aufgabe und Chance als Friedensstifter tätig zu sein. Österreichische Staatsvertreter sollten zu jenen zählen, die allen militärischen Kampfhandlungen kritisch gegenüber stehen und anstelle dessen Dialogformate anbieten.

Wer an die Botschaft des Evangeliums glaubt und Jesus als Vorbild hat, wird auch an die Kraft des Gewaltverzichts und der Feindesliebe glauben. Jesus sprach seine pazifistischen Worte im Kontext einer brutalen Besatzungssituation, weil er erfahren hatte, wie verhängnisvoll gewaltsamer Widerstand gegen die römischen Besatzungssoldaten war. Mit einem römischen Besatzungssoldaten eine zusätzliche Meile mitzugehen, konnte aber bewirken, dass dieser sein Unrecht einsah. Mit dem Feind das Gespräch zu suchen, konnte dazu führen, die Waffe wegzulegen und füreinander Verständnis zu gewinnen. In den Panzern der russischen Streitkräfte sitzen keine Monster, sondern Menschen. Die biblische Strategie lautet stets, die Spiralen von Gewalt zu durchbrechen und andere Alternativen zu suchen als den Gegenschlag.

Klaus Heidegger

Bild: Holzschnitt von Otto Pankok (1950), Christus zerbricht das Gewehr.

Kommentare

  1. Lieber Klaus, Danke f Deine Rückmeldung und auch für Deinen starken Appell!! So klar auf der pazifistischen Seite wie Du war ich anfangs nicht. Aber Deine Weitsicht bestätigt sich, je länger der Krieg dauert. Dennoch – ich habe, was Pazifismus betrifft, noch einiges nachzuholen. Liebe Grüße, peter

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