Tag 6: Unterwegs in subtropischer Macchie

Mittwoch, 6. Juli 2022

Wir wecken die schlafenden Hunde, als wir um 4:15 Uhr zur Sonnenaufgangstour aufbrechen. Noch ist es dunkel. Auf dem Meeresspiegel beginnt die Wanderung. Zunächst geht es von unserem Campingplatz im Feriendorf Nettuno steil hinauf zur Ortschaft Nerano. Oberhalb der Felsenkliffe wählen wir einen falschen Pfad. Macht nichts, ist auch schön, und wir haben es nicht eilig. Also wieder einen Kilometer zurück. Inzwischen beginnt im Osten an der Amalfiküste die typische Stimmung eines Sonnaufgangs. Hell leuchtet die Venus im Morgenhimmel. Violett-orange-rot ist der Himmel geworden. Morgenröte über dem Meer. Wir kommen wieder auf den richtigen Pfad. Zunächst geht es noch durch einen Wald mit Steineichen. Die Vögel beginnen ihr Morgenkonzert. Dann beginnt die Macchie. Intensiv riechen die langstiligen Anispflanzen. Fast punktgenau zum Sonnenaufgang sind wir am Gipfel von San Constanzo. Die Kapelle hat zu. Zwei streunende Hunde interessieren sich verträumt für uns. Die hohen Berge an der Amalfiküste haben es uns ermöglicht, dass wir den Sonnenaufgang sahen, denn es dauerte doch noch lange, bis die Sonne darüber klettern konnte. Auf der einen Seite ist der Golf von Neapel, auf der anderen Seite der Golf von Salerno. Wir sind so ziemlich am äußersten Punkt der sorrentinischen Halbinsel. Unter uns sehen wir weitere Sarazenentürme, die von vergangenen Kriegen erzählen. Im Osten sind die berühmten Felsen von Capri.

Nach dem Frühstück geht es noch einmal in die Macchie – jetzt mit biologisch fachkundiger Führung. Vor der Kirche in Nerano, die in typischem Narazenerstil gehalten ist – ein Schüler meint, sie sei so angenehm wie ein Wohnzimmer, wächst eine kräftige Dattelpalme. Der Pfad führt entlang von Olivenhainen, die in die steilen Hänge der Felsküste hineingebaut wurden. Schon die Griechen sollen diese angelegt haben. Zu den ältesten Kulturpflanzen zählen aber die Feigenbäume mit ihrer spannenden Befruchtung in Symbiose mit den Schlupfwespen. Eindrucksvoll sind die Johannisbrotbäume und die großen Ohrwaschlkakteen. Wir riechen an den vielen Pflanzen mit ihren ätherischen Ölen: Rosmarin und Anis und viele andere. Dann kommen wir zur Bucht von Ieranto. Sie liegt in einem Naturschutzgebiet. Zum Glück, sonst wären hier wohl auch schon Hotelanlagen. So können wir nach einer gut einstündigen Wanderung in dem klaren türkis-blauen Wasser schnorcheln. Zwei Karsthöhlen, in die wir hineinschwimmen, sind ein besonderes Highlight. Alba, die unsere Schnorchelgruppe begleitet, scheint ganz eins mit dem Meer zu sein: „It is so big and we are so small …“, sagt sie staunend, obwohl sie an vielen Tagen des Jahres hier ist. So ähnlich geht es mir, wenn ich auf einem der heimischen Berggipfel sitze. Heute lasse ich mich aber noch vom Meerwasser tragen und dem Gefühl, in Einheit mit der Natur zu sein und ein winziges Tröpfchen in der Schöpfung zu sein, in der wir ständig auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit sind – und ebendiese verlieren oder finden.

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