Watzmann – einen Mythos erspüren

Kopfkino Hollarödulliöh

Zuletzt war ich im am Ende meiner Gymnasialzeit mit meinem Klassenkameraden Peter am Watzmann.  Wir waren wagemutig. Heimlich kletterten wir an einem Septemberwochenende morgens aus dem Fenster im Schülerheim in Bischofshofen, machten uns auf nach Berchtesgaden, hatten ein Seil dabei und irgendwie schafften wir dann die Route über Südgipfel und die Überschreitung bis zum Hocheck. Wir trafen den ganzen Tag keine anderen Menschen. Es wurde bereits dunkel und wir sahen die rettenden Lichter vom Watzmannhaus weit unterhalb. Es sind vage Erinnerungen an mein früheres Leben, in dem es kein Smartphone gab, das uns in Bergnot hätte eine Hilfe sein können. Da gab es noch die Telefonzelle in unserer Schule, in denen ich meine Schillingmünzen werfen konnte. Es gab kein Internet, um eine Tourenplanung zu machen und das Wetter im Vorhinein zu prüfen. Wolfgang Ambros hatte erst vor zwei Jahren sein Konzept-Album „Der Watzmann ruft“ veröffentlicht und wir hatten die Lieder wie „auffi muaß i“ über Transistorradios oder auf der Vinylscheibe gehört. Die Gegend um den Watzmann war noch nicht als Nationalpark deklariert. Schon damals aber war mir die „Rettung der Erde“ ein wichtiges Anliegen, dem ich durch meine persönliche Lebensführung entsprechen wollte. Die Klimakrise war noch kein Thema und doch gab es schon die Warnungen des Club of Rome und der Meadows-Bericht von den „Grenzen des Wachstums“ hatte mich bereits radikalisiert. Und auch die ganze Ausrüstung zum Bergsteigen war noch so anders. Jedenfalls hatte ich aber mehr Sicherheit beim Klettern auf ausgesetzten Graten. Viele Jahre danach sind meine Werthaltungen nicht anders: Die Liebe zur Natur und den Bergen und mein Wunsch nach Einheit und einem Einklang in wertschätzenden Beziehungen sind geblieben.

Viele Jahre danach erfüllt mich der Gedanke an die Watzmannüberschreitung mit großem Respekt. Der Ruf des Watzmann in den Berchtesgadener Alpen als „Schicksalsberg“ ist legendär. „Groß und mächtig, schicksalsträchtig …“, so die Fama. Was mir allerdings jetzt Zuversicht gibt, ist unsere klettererprobte Gruppe, auf deren Zusammenhalt ich mich verlassen kann. Meine Nichte und ihr Freund sind gerade von der Besteigung der Großen Zinne zurückgekommen. Wir wissen auch: Das Wetter könnte nicht besser sein.

Watzmannhaus

Wir starten unsere Tour an der Wimbachbrücke in Ramsau über Stubenalm und Falzalm zum Watzmannhaus (1935 m). Natürlich sind wir nicht alleine, wenn es gilt, auf den wohl bekanntesten Berg Deutschlands zu steigen. Das Personal hat ziemlich gestresst alle Hände voll zu tun, um die hungrigen Menschen zu versorgen – die dann angesichts der kleinen Portionen doch etwas hungrig bleiben. Lange schaue ich auf der Terrasse der untergehenden Sonne zu, die das westliche Berchtesgadener Land noch in ein zauberhaftes rot-oranges Licht taucht. Ich denke an den „Kleinen Prinzen“, der die Sonnenuntergänge besonders liebt, auch wenn sie ihn immer traurig stimmten, weil die Sonne auch die unerfüllten Träume mit sich nahm. Doch sie wird wiederkommen. Als es dunkel wird, wird der Halbmond über der Hütte sichtbar. Viele haben sich schon irgendwo im Bettenlager zum Schlafen bereit gemacht. Rechts unter mir wird kräftig geschnarcht und mein Schlaf dauert bis kurz nach drei. Um diese Zeit machen sich auch schon die ersten fertig zum Aufbruch. Als ich kurz nach vier vor der Hütte bin, sehe ich die Schneide hinauf zum Hocheck bereits die Stirnlampen leuchten – wie eine Lichterkette vom Watzmanhaus bis auf den Gipfel.

Während ich nächtens vor der Hütte sitze, den LED-Lichtern zusehe, die bergauf sich bewegen auf dem Kalkfels, der im Schein des halben Mondes selbst Licht widerstrahlt, während manche auch schon vom Tal heraufkommen und manches Schnarchen bis vor die Hütte kommt, sinniere ich über die Sage von König Watzmann, die dem Narrativ der Sagen vom König Serles, vom Bettelwurf oder der Frau Hitt in einem Punkt so ähnlich sind. Immer geht es darum, dass jemand unzufrieden ist mit dem, was er hat, dass selbst der äußerlich reichste und mächtigste Mensch – wie eben König Watzmann – in seiner Unersättlichkeit und Überheblichkeit – Entzweiung und Chaos mit sich bringt. Während ich zu Watzfrau und den Watzmannkindern hinüberschaue, denke ich auch an die so deutliche Herrschaftskritik, die in dieser alten Sage liegt. Anteile von König Watzmann sehe ich in vielen Herrschern dieser Welt – beginnend wohl mit dem Kriegsherr Putin. Warum aber haben all die Sagen so ein schreckliches Ende, wo die Bösen letztlich bestraft werden – indem sie beispielsweise bis in alle Ewigkeit zu steinernen Kolossen versteinert werden? Meinen Kindern habe ich nie Sagen erzählt, um wegzukommen von jenem Schema, dass die Bösen verdammt werden. Viel lieber spielte ich Kasperltheater, wo sich stets das Kasperl und Petzi mit dem bösen Wolf versöhnten und gemeinsam dann ein Fest feierten. Versöhnendes Leben, das wäre wohl zu spüren: Du, ich mag dich, wie du bist, mit deinen Ecken und Kanten.

Watzmannüberschreitung – „aufimuasi“

Der erste von drei Gipfeln ist das Hocheck (2617 m) , zugleich der niedrigste Gipfel.  Etwas weniger als eineinhalb von der Hütte. Goldfarben leuchtet das Kruzifix. Die Temperatur ist angenehm. Schon beim Aufstieg auf das Hocheck wird sichtbar, wie speckig und damit rutschig die Steine sind. Vom Hocheck wird der Watzmanngrat sichtbar. Sieht nicht einfach aus. Zur Sicherheit haben wir das Klettersteigset angezogen, obwohl es sich definitiv nicht um einen Klettersteig handelt. Bewusst sollen in den letzten Jahren Drahtseilversicherungen wieder entfernt worden sein. Daher gibt es etliche Passagen, die frei zu klettern sind. Es heißt, vorsichtig zu sein und lieber blicke ich nicht die fast 2000 Meter unter mir hinunter und konzentriere mich auf jeden Schritt und Tritt.  Es geht rauf und runter und meine begleitenden „Kletterprofis“ legen ein flottes Tempo vor, so dass wir in einer Stunde schon bei der Mittelspitze (2713 m) sind, dem höchsten Gipfel der Berchtesgadener Alpen. Ich gehe vorsichtig und prüfe konzentriert die Schritte. Das Klettersteigset kommt nur einmal zum Einsatz, weil ich es gerade anhabe. Nach  einer weiteren Stunde haben wir die Überschreitung geschafft und sind am Südgipfel (2712 m). Anders als befürchtet, gab es nie einen Stau.  Der Ausblick ist großartig. Der Himmel ist wolkenlos und tiefblau. Auf der einen Seite ist das Steinerne Meer und im Hintergrund leuchtet weiß – es gibt noch etwas Gletscher – der Glockner und der Großvenediger. Auf der anderen Seite weit unterhalb sind der Königsee und das Wimbachgries zu sehen, zu dem wir absteigen werden. Beim Abstieg heißt es weiterhin sehr vorsichtig zu sein. Geröll und kleine Steinchen liegen auf dem engen Steig und immer wieder sind die Abbrüche darunter enorm. Zum Glück habe ich meine festen Schuhe an. Nach zwei Dritteln des Abstiegs gibt es eine Quelle. Das Wasser hat hier über die Jahrhunderte einen Canyon gebildet. Schließlich bin ich sehr froh, als wir dann wieder „festen“ Boden im Wimbachgries haben. „Fest?“ Der Kalkstein wurde zu feinem Gries verarbeitet, über den wir nun das Tal hinaus gehen. Zwischen dem Schuttstrom wachsen manchmal Latschen in die Höhe – bis zu 20 Meter, eine botanische Besonderheit, die ich aus meinen Bergen gar nicht kenne. Auf einem kleinen Wanderweg entlang vom Tal duften die Bergkräuter. Ein liebevoll zubereiteter XXL-Spinatknödel und ein dunkles Weizenbier sind wie eine Belohnung für eine Tour, die mich mental – was ausgesetztes Gehen betrifft – schon an die Grenze gebracht hat. Kurze Statistik: Vom Watzmannhaus bis zu unserem Ausgangspunkt bei der Wimbachbrücke waren es 22,31 km, 2290 m im Abstieg und 1.059 m im Aufstieg. Von 6.19 Uhr bis 15.15 Uhr waren wir unterwegs – mit allen den wundervollen Pausen zwischendrin.

 

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