Heldenplatz in Innsbruck: Eine künstlerische Warnung vor Punschkrapferln

1988 war mein erstes Arbeitsjahr in Wien. Um auf den Heldenplatz zu kommen, musste ich nur wenige Minuten quer durch die Innenstadt gehen. Auf meinen Arbeitswegen fuhr ich immer wieder am Burgtheater vorbei. Heldenplatz und Burgtheater. Mein politisches Leben war so intensiv, dass ich mir nicht einmal Zeit nahm für Kunst und Kultur. So war es auch im Herbst 1988, als im Burgtheater unter der Leitung von Claus Peymann das Stück „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard aufgeführt wurde. Die Gesellschaft Österreichs war über dieses Stück zutiefst gespalten. In der Hofburg saß ein Bundespräsident, der seine Mitgliedschaft in der SA zuerst leugnete, um dann später dies mit dem Satz zu rechtfertigen, dass er nur seine Pflicht erfüllt habe. Auf der einen Seite stand jene Front von ÖVP-FPÖ-Boulevardmedien und unterstützt von rechts-konservativen Bischöfen wie Kurt Krenn, auf der anderen Seite waren Künstlerinnen und Künstler, Linke und zum Glück auch der damalige Bundeskanzler Vranitzky. Ich stand auch in physischem Sinne auf Seite von Bernhard und Peymann, als vor dem Burgtheater demonstriert wurde. Es war das Bedenkjahr. Vor 50 Jahren geschah die Annexion Österreichs an Hitlerdeutschland, die mit jener denkwürdigen Rede von Hitler am Heldenplatz in Verbindung steht. Der wohl umstrittenste lebende Dramatiker und Dichter Österreich – Thomas Bernhard – schrieb im Auftrag von dem ebenfalls umstrittenen Burgtheaterdirektor ein Drama zum Bedenkjahr. Wer Bernhard kannte, wusste. Der Dichter würde sich mit seiner Kritik an verlogenen Erscheinungsweisen, an verdrängten und dumpf grassierenden nationalsozialistischen Einstellungen und spießbürgerlichen, dummdreisten Attitüden, an Verblödungen durch die Boulevardpresse und an einen Katholizismus, der dies alles nicht nur unterstützt, sondern sogar befördert, nicht zurückhalten.

2026. Heldenplatz findet sich im Spielplan des Tiroler Landestheaters. Dem Wunsch des enttäuschten Autors, dass bis zu 70 Jahre nach seinem Tod seine Werke nicht mehr aufgeführt werden dürfen, wird zum Glück nicht entsprochen. Mit seinem Stilmittel maximaler Übertreibung, seiner ganz eigenen Sprachmelodie von sich wiederholenden Wörtern und Sätzen und den markanten Charakterfiguren deckt Thomas Bernhard unbarmherzig auf, was es an untergründig faschistoidem Bewusstsein und offenkundig falschem Herrschaftsgefüge in unserer Gesellschaft gibt. Die Inszenierung am Tiroler Landestheater unterstreicht auf geniale Weise, was vor fast 40 Jahren Bernhard in Zusammenarbeit mit Peymann als Gesellschaftsspiegel auf die Bühne brachte. Bernhard warnte vor einer Rückkehr faschistoider Zustände, weil solche Kräfte weiterhin in allen Gesellschafts- und Politikbereichen wirkten. „Ihr werdet wieder einen Führer haben …“, orakelt einer der Protagonisten. 2026 ist das Jahr, in dem die freiheitliche Partei mit ihrem Möchtegern-Volkskanzler längst die anderen Parteien stimmenmäßig überflogen hat. Sonntagsfragen zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Wahlberechtigten sich einen Volkskanzler Kickl wünschen würden. In Tirol schielt die FPÖ darauf, bei den nächsten Landtagswahlen einen Landeshauptmann-Sessel zu erreichen.

Mit einfachen Stilmitteln und Ausdrucksformen hat die Regisseurin verdeutlicht, was Sache ist. Am Anfang sind die Hausbediensteten mit Reinigungsarbeiten beschäftigt. Österreich wird nicht gereinigt vom Mief des Nationalsozialismus, sondern akribisch werden die Hirschgeweihe an der Wand abgestaubt. Mit Ausnahme der engen Traurergesellschaft sind die Kostüme der Schauspielerinnen und Schauspieler so wie das Tischgedeck in pinker Farbe. Wie ein Punschkrapferl, meinte die Regisseurin dazu in einem Interview. Oder wie Österreich: Ein rosaroter Zuckerguss auf einen braunen Inhalt. Das Theater ist an diesem Abend voll. Viele waren 1988 noch gar nicht geboren. Alle verstehen – ob alt oder jung – was die politische Botschaft ist. Man geht wachsamer und aufgerüttelt aus diesem Stück. Am Ende gibt es keine Buhrufe. Das Publikum hat die Botschaft verstanden. Danke Thomas Bernhard. Danke Tiroler Landestheater.

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