
Lieblingsstelle aus der Bibel
„Was ist Deine Lieblingsstelle in der Bibel?“ Diese Frage wurde mir während meiner vielen Lehrjahre – die stets zugleich Lernjahre waren – in meinem schulischen Sein immer wieder gestellt. Meine Antwort war stets die gleiche: Die Lieblingsstelle ist jeweils eine andere, stets neu, stets aktuell angepasst, meist jene, die gerade als Sonntagsevangelium im Liturgieplan vorgesehen ist, weil wir uns darüber dann oft in unserer kleinen eucharistischen Liturgiegemeinschaft austauschen. Dann wird genau diese Stelle auch eine Antwort auf das, was sowohl in der großen weiten Welt als auch in meinem kleinen Leben vor sich geht, dann verbindet sich die Bibelstelle mit den Erfahrungen in diesen miteinander verwobenen Welten und den Fragen und Antworten, die sich darin auftun.
Am „Weißen Sonntag“, dem ersten Sonntag nach dem westlichen Osterfest, wird die Auferstehungserzählung aus dem Johannesevangelium gelesen, in der der Auferstandene dem Apostel Thomas erscheint.(Joh 20,19-29). Viel habe ich dazu schon geschrieben. In Google drängt sich unter der Suche „Thomas/Klaus Heidegger/Auferstehung“ bereits die KI vor und zeigt tatsächlich relativ exakt auf, was ich mir dazu denke. Es schadet also nicht, wenn ich meine Website entsprechend weiter füttere, um ein Gegengewicht zu all den fundamentalistischen Interpretationen zu bilden.
Nicht der „ungläubige Thomas“, sondern der prüfend gläubige Thomas
In der Evangeliumsperikope wird Thomas nie als „ungläubig“ bezeichnet. Es heißt zunächst, dass er „zweifelt“. In diesem Zweifel steckt zugleich, dass in Thomas auch der Glaube ist, der nach einer Bewahrheitung sucht, nach einer Begründung, nach einer Sicherheit. Thomas will prüfen, ob sein Glaube wahr ist, ob sein Glaube sich mit der Realität vereinbaren lässt. Thomas geht wie ein Wissenschaftler vor, der nicht auf Fakenews hereinfallen will. Thomas tut das, was Paulus in einem seiner Briefe sinngemäß schrieb, „prüfe alles und behalte das Wahre“. Jesu selbst sagt dann am Ende der Begegnung mit Thomas: „zweifle nicht länger, sondern glaube“. Eine wohl treffendere Übersetzung wäre: „werde nicht ungläubig, sondern gläubig“. Wichtig ist aber: Das Evangelium spricht nicht davon, dass Thomas ungläubig gewesen sei. Genau genommen dürften wir also nicht vom „ungläubigen“ Thomas sprechen. Dieses Attribut wird Thomas nicht gerecht, entspricht aber einer Geisteshaltung, in der Zweifel mit Unglauben gleichgesetzt wird bzw. in der eine rationale Begründung von Glauben, die sich an Fakten orientiert, als negativ gewertet wird. In einem Kommentar zum Sonntagsevangelium der Diözese Innsbruck heißt es daher nicht richtig, dass Thomas nicht an die Auferstehung glaube. Damit wird wieder das Narrativ vom „ungläubigen Thomas“ wiederholt. Karl Rahner wird dabei als Kronzeuge zitiert, der von der „Unbegreiflichkeit Gottes“ geschrieben habe. In der ganzen Jesusgeschichte – von seinem Leben bis zu den nachösterlichen Berichten – geht es aber gerade darum, dass Gott „berührbar“ geworden ist, begreifbar, sei es im Teilen des Brotes oder in den vielen Heilungserfahrungen.
Thomas ist Didymos, der Zwilling
Eugen Drewermann hat in einem seiner Kommentare zur Auferstehungserzählung von Thomas eine psychoanalytische Deutung gemacht. Wenn Thomas Didymos, der Zwilling, genannt wird, so stehe es auch dafür, dass er sich seiner ganzen Identität noch nicht sicher sei. Ein Zwilling sei in besonderer Weise herausgefordert zu entdecken, wer er eigentlich sei – in Abgrenzung zu seinem fast identisch wirkenden Bruder – oder Schwester. Thomas ist in der Gemeinschaft der anderen 10 Apostel jener, der nicht einfach sich einem Gruppendruck hingibt, sondern sich selbst eine Antwort geben will. Er wagt es zu zweifeln, während die anderen noch glauben. Er geht seinen eigenen Weg, um zu sich und dem Glauben zu finden.
Für mich bedeutet es, dass ich auch mir die Frage und die Freiräume erlaube, dem eigenen Gewissen zu folgen, nicht hinterherzulaufen, sondern eigene Wege auszuloten, selbst wenn sie – bis in den privaten Bereich hinein – dann auf Widerspruch stoßen. Es bedeutet, nicht an jenen Dogmen festzuhalten, die sich rational nicht begründen lassen oder offensichtlich einem historisch-kritischen Befund der Bibel widersprechen. Es bedeutet, kirchliche Strukturen oder liturgische Vorgaben zu hinterfragen, wenn sie offensichtlich dem Evangelium nicht entsprechen.
Auferstehung als Öffnen von geschlossenen Türen
Bezeichnend in den 16 neutestamentlichen Auferstehungserzählungen ist der Hinweis, dass sich bis zum Pfingstfest die Jüngerinnen und Jünger „hinter verschlossenen Türen“ aufhielten. Bezeichnend für den Charakter der Auferstehung ist zugleich, dass die göttliche Macht sich von verschlossenen Türen nicht aufhalten lässt. Der Auferstandene kann durch verschlossene Türen gehen – und vielfach ist wohl auch nur so Auferstehung möglich.
Ein Blick in unser aller Leben zeigt die vielen „verschlossenen Türen“: die Verhärtungen in familiären Streitsituationen, wo es keine Begegnung mehr gibt; der Nachbar, der keinen Gruß über seine Lippen bringt; ein WhatsApp, das nicht mehr beantwortet wird. Die Liste ist lang.
Auferstehung als Betrachten von Wunden
Die Thomas-Auferstehungserzählung, die so typisch ist für das Johannesevangelium und sich bei den Synoptikern nicht findet, ist reich an Symbolen. Eines davon ist besonders augenfällig und wurde im Laufe der Jahrhunderte in hunderten Bildern festgehalten. In einem Bild von Caravaggio hält Jesus dem Thomas seinen Wunden dramatisch entgegen.
Heute fällt es nicht schwer, dieses Symbol wirkmächtig zu interpretieren. Wie die nachösterliche Gemeinde des Johannes sind wir herausgefordert, Jesus dort zu entdecken, wo die Wunden zu finden sind. Ich denke an die Abertausenden in den Kriegsgebieten des Iran oder der Ukraine, an die verstümmelten Soldaten aller Kriegsparteien, an die Menschen in den Flüchtlingslagern, an die Gefolterten in den Gefängnissen. Das Evangelium sagt uns: Auferstehung wird dort erfahren, wo wir nicht blind sind für die Wunden, sondern diese uns zum Handeln motivieren – gegen die Kriege und die Kriegsherren, gegen jene, die mit ihrer Politik psychisches und körperliches Leid zulassen und schaffen.
Auferstehung als Begegnungserfahrung
Alle Auferstehungserzählungen sind Beziehungs- bzw. Begegnungsgeschichten. Dabei ist jede dieser Erzählungen wieder besonders. Die Erscheinung vor Maria Magdalena am Ostermorgen hat ihren spezifischen Charakter, der die zärtliche Beziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus zum Thema hat. In der Emmausgeschichte von Lukas werden wir hineingezogen in eine Weggeschichte mit einer abschließenden eucharistischen Grunderfahrung und hier bei Thomas eben wird Berühren von Wunden und Begreifen von Auferstehung miteinander in Beziehung gesetz.
Auferstehung als zärtliche Berührung
Thomas sucht nach einer Berührung, um Auferstehung zu verstehen. Das gehört wesentlich zu unserem christlichen Glauben, der immer mit Körperlichkeit zu tun hat. Deswegen lautet einer der zentralsten Glaubensartikel, dass Gott Mensch wird. Unser Glaube ist inkarnatorisch, will sich „verkörpern“, will ein konkretes Gesicht haben.
Auferstehung als rational begründbares Ereignis
Wenn das Johannesevangelium mit der Erscheinungserzählung von Thomas endet, so kann dies durchaus programmatisch gewertet werden. Wir können und sollen wie Thomas Zweifelnde sein, weil wir unseren Glauben stets neu begründen müssen mit jenen Erfahrungen auch, die wir in unseren persönlichen und politischen Welten erfahren. Ein „blinder Glaube“ ist gefährlich. Wo Glaube und Rationalität voneinander getrennt werden, wird es brandgefährlich. Das erlebt die Welt gegenwärtig an den fundamentalistisch orientierten Weltenherrschern und ihren irrationalen Bibelinterpretationen.
Auferstehung als göttliche Grunderfahrungen
Der Ausruf von Thomas „mein Herr und mein Gott“ wird fundamentalistisch verkürzt, wenn daraus ein Beweis für die Gottessohnschaft Jesu gemacht wird und sie darauf reduziert wird. Die Erfahrung des Göttlichen sind letztlich aber genau jene Kernelemente, auf die ich zuvor hingewiesen habe: Göttliche Grunderfahrungen ereignen sich im zweifelnden Glauben, im Öffnen von geschlossenen Türen, im Betrachten von Wunden und in achtsamen Beziehungsweisen. So geschieht Auferstehung.
Klaus Heidegger, Weißer Sonntag 2026, 12.4.2026